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Eishockey

Yasin Ehliz: Mit Drecksarbeit in die NHL

Für seinen Traum schuftete der Olympia-Held in Calgary. Auf dem Weg in die NHL fürchtet er nur einen, ihm unbekannten Gegner.
Von Thorsten Drenkard

Der Ex-Nürnberger Yasin Ehliz nahm zuletzt am Sichtungs-Trainingslager der Calgary Flames in Kanada teil, für die er unbedingt in der NHL spielen möchte. Foto: Rob McMorris
Der Ex-Nürnberger Yasin Ehliz nahm zuletzt am Sichtungs-Trainingslager der Calgary Flames in Kanada teil, für die er unbedingt in der NHL spielen möchte. Foto: Rob McMorris

Nürnberg.Am Flughafen in Calgary ging Yasin Ehliz erst einmal shoppen.

Hier fand der Bad Tölzer allerhand Fanartikel der Calgary Flames, einer waschechten Franchise aus der legendären National Hockey League (NHL). Der Verein war Ehliz eigentlich egal. Dass dieser ein NHL-Klub ist, das war wichtig. Also schlug er zu. Er kaufte fleißig Cappies und bezahlte aufgeregt für Trikots, unter anderem von Flames-Legende Jarome Iginla.

NHL, die Sehnsuchtsliga

Hier, im schnöden Airport-Shop zu Calgary war die ferne Sehnsuchtsliga NHL greifbar nah. Selig packte Ehliz die kostbaren Devotionalien in seine Tasche. Er hatte sich ein Stück der glänzenden NHL gesichert.

Knapp zehn Jahre ist das her. Damals war der heute 25-Jährige ein Teenager, der gerade mit dem deutschen U17-Nationalteam zu einem Turnier in Kanada unterwegs war. Ihr Flugzeug hatte einen Zwischenstopp in Calgary.

Heute muss Ehliz lachen, wenn er diese Anekdote erzählt. „Das ist schon ein lustiger Zufall“, findet der oberbayerische Nationalstürmer mit türkischen Wurzeln. Denn vor knapp einem Monat setzte er sein Autogramm unter einen Ein-Jahres-Vertrag bei eben jenen Calgary Flames aus eben jener NHL.

Weil es ein so genannter Zwei-Wege-Kontrakt ist, hat Ehliz keine Garantie auf Einsätze in der NHL. Vielmehr ist schwer damit zu rechnen, dass sich der 1,78 Meter große Angreifer zunächst über das kalifornische Kooperationsteam der Flames, die Stockton Heat, in der unterklassigen American Hockey League (AHL) für höhere Aufgaben beweisen muss. Das ist der normale, steinige Gang in die glanzvolle NHL.

Für Ehliz, der in den vergangenen acht Jahren bei den Thomas Sabo Ice Tigers in Nürnberg vom Nachwuchstalent zum Fanliebling und Nationalspieler reifte, ist das kein Problem. Ehliz sagt: „Ich werde alles dafür tun, dass mein Traum von der NHL wahr wird.“

Hier sehen Sie den sportlichen Werdegang Yasin Ehliz‘ von der Jugend bis heute:

Yasin Ehliz im NHL-Camp

Für seine Ex-Kollegen des U17-Teams wie Tom Kühnhackl (New York Islanders) und Tobias Rieder (Edmonton Oilers) ist er seit einigen Jahren Realität. Ihnen will es Ehliz gleichtun.

Deshalb folgte er vergangene Woche auch der Einladung der Calgary Flames zum klubinternen Development Camp, einer Art Sichtungs- und Kennenlern-Trainingslager für Nachwuchstalente und Spieler aus der zweiten Reihe. Unter den 41 Teilnehmern war Ehliz mit seinen 25 Jahren der älteste. „Das war ungewohnt. Es hat aber viel Spaß gemacht mit den Jungs“.

Vier Tage lang wurden Ehliz und seine Mitstreiter von einer Heerschar an Coaches beäugt und auf das mögliche Abenteuer NHL vorbereitet. Oder wie Flames-General-Manager Brad Treliving auf der NHL-Internetseite zitiert wird: „Es ging hier nicht darum, wer es ins Team schafft. Es ging darum, den Jungs zu zeigen, wie man sich richtig ernährt, wie man sich vorbereitet, welchen Lebenswandel man führt.“

Das erste Interview von Yasin Ehliz in Nordamerika:

Denn die NHL ist zwar die schillernde Eliteliga des Eishockeys. Sie ist aber auch eine gnadenlose Knochenmühle, die nur die besten und leidensfähigsten hinein lässt. Das weiß Ehliz, der sich keinen Illusionen hingibt: „Es wird brutal schwer. Aber ich gebe Vollgas.“

Das tat er auch im Flames-Camp. Zunächst beim eintägigen Rundum-Fitnesstest. Der passionierte Crossfitter Ehliz schnitt dabei nach eigener Aussage „bei fast allen Werten überdurchschnittlich gut im oberen Bereich ab“.

In Calgary musste Yasin Ehliz den Medienvertretern Rede und Antwort stehen. Foto: Rob McMorris/Calgary Flames
In Calgary musste Yasin Ehliz den Medienvertretern Rede und Antwort stehen. Foto: Rob McMorris/Calgary Flames

An den Tagen zwei und drei mussten die Spieler ihre stock- und schlittschuhtechnischen Fähigkeiten zeigen, bevor am Finaltag ein Trainingsspiel das Camp beschloss. Ehliz‘ Team siegte, dem Oberbayer gelang eine Vorlage. Es war ein guter Tag. „Das Camp war für mich eine positive Erfahrung. Ich habe gesehen, wie es hier läuft“, sagt Ehliz im MZ-Gespräch. Zudem hat er von den Coaches noch Hausaufgaben mit nach Hause bekommen: „Ich soll an meiner Stocktechnik und an der Grundlagenausdauer arbeiten.“

Deshalb wird der 386-malige DEL-Spieler in den nächsten Wochen fleißig trainieren. Vormittags beim Crossfit, nachmittags auf dem Eis, zwischendurch mit Laufeinheiten in den nahen Bergen. Ehliz will seine Hausaufgaben erledigen. Er will bereit sein für das Trainingslager ab 15. September, wenn es tatsächlich um die Plätze im Team der Flames geht. Ehliz will in die NHL.

Bislang ging es in dessen Karriere stetig bergauf. Über die Tölzer Ausbildungsschmiede unter seinem mittlerweile verstorbenen Förderer Lorenz Funk schaffte Ehliz mit 17 Jahren den Sprung in den DEL-Kader Nürnbergs. Zwei Jahre später war er Nationalspieler, mit 21 lief er schon bei einer WM auf. Im Februar gewann er mit 25 Jahren Silber bei Olympia mit dem DEB-Team. „Das war unbeschreiblich. Ich werde heute noch auf der Straße darauf angesprochen“.

So wurden Yasin Ehliz und seine Nürnberger Teamkollegen nach ihrem Medaillengewinn in Nürnberg empfangen:

Nürnberg feiert seine Eishockey-Helden

Zuletzt folgte die Unterschrift bei den Flames. „Ein extremes Jahr, besser kann‘s kaum laufen“. Außer es klappt heuer noch mit einem NHL-Einsatz. „Das wäre sensationell. Aber ich mache mir keinen Druck“.

Auf dem Eis wird Ehliz von Trainern und Mitspielern gleichermaßen geschätzt. Nicht wegen seiner Scorerqualitäten. Diese sind zwar auf DEL-Niveau überdurchschnittlich gut, aber nicht herausragend. Vielmehr ist es das furcht- und selbstlose Spiel des Flügelstürmers, das ihn so wertvoll macht.

In den Playoffs 2017 wurde ihm einmal von einem Puck das linke Ohr zerfetzt. Die Wunde musste mit 20 Stichen genäht werden. Drei Tage später spielte Ehliz wieder – und schoss ein Tor. Sein ehemaliger Ice Tigers-Trainer Rob Wilson hat ihn einen „Krieger“ genannt.

Ein Schweizer Taschenmesser

Weil sich Ehliz aber nicht nur im wuchtigen Körperspiel und der glamourösen Drecksarbeit versteht, sondern auch hervorragend Schlittschuhlaufen sowie gut schießen und passen kann, ist er das Schweizer Taschenmesser einjeden Teams, in dem er aufläuft.

Im Nationalteam tat er das zuletzt neben NHL-Star Leon Draisaitl. Dieser lobte: „Ich spiele gerne mit Yasin.“ Weil Ehliz vielfältig und talentiert ist. Genau das könnte sein Vorteil im Kampf um einen NHL-Platz sein. Ebenso wie seine Furchtlosigkeit auf dem Eis.

Abseits des Ovals sorgt sich Ehliz jedoch vor einem Gegner, den er noch nicht kennt – das Heimweh. „Ich war noch nie so lange von meiner Familie getrennt, wie ich es in Nordamerika sein werde. Aber da muss ich durch.“

Calgary Flames-Chefcoach Bill Peters Foto: Maxim Shipenkov/dpa
Calgary Flames-Chefcoach Bill Peters Foto: Maxim Shipenkov/dpa

Aus dem Camp in Calgary klingt Ehliz noch besonders die Spieleransprache von Flames-Chefcoach Bill Peters als Extra-Motivation nach. „Er hat gesagt, dass er ein Trainer ist, der nicht darauf schaut, wer die Tore erzielt, sondern auf jene, die zuvor die Drecksarbeit erledigt haben“. Worte, die vortrefflich Ehliz’ Spielweise beschreiben – und dessen NHL-Hoffnungen nähren.

Wer weiß, womöglich gibt es irgendwann am Airport in Calgary NHL-Trikots der Flames mit dem Namen „Ehliz“ auf dem Rücken zu kaufen.

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