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Medizin

Die Angst vor der Angst macht krank

Bis Panikstörungen erkannt werden, vergehen oft Jahre. Eine frühzeitige Diagnose erfolgt selten, sagt Dr. Jantzen-Haselmann.
Von Dr. Alexandra Jantzen-Haselmann

Dr. Alexandra Jantzen-Haselmann, Fachärztin für Neurologie und Nervenheilkunde mit Praxis in Neumarkt, schreibt im aktuellen Beitrag zum Ärzteforum über die Angst vor der Angst.
Dr. Alexandra Jantzen-Haselmann, Fachärztin für Neurologie und Nervenheilkunde mit Praxis in Neumarkt, schreibt im aktuellen Beitrag zum Ärzteforum über die Angst vor der Angst. Foto: Teltschik

Neumarkt.Plötzlich dreht sich der ganze Kopf, das Herz rast, der Brustkorb verkrampft sich, Schwitzen, gleichzeitige Kälte, Kribbeln am Körper, Armen und Beinen, Atemnot, Todesangst. Menschen, die an Panikattacken oder anderen Angsterkrankungen leiden, erleben ein buntes, bedrohliches Spektrum körperlicher Symptome, die außer Kontrolle geraten sind.

Angst ist zunächst einmal eine gesunde Reaktion. Angst warnt und schützt vor Gefahren. Bei Angst wird der Mensch körperlich, gefühlsmäßig und gedanklich in einen Alarmzustand versetzt. Würden wir uns zum Beispiel ohne Angst einem Feuer nähern, würden wir eventuell lebensgefährlich verletzt werden. Diese Angst ist eine realistische Angst.

Ein angemessenes Maß an Angst

Jede reale Situation kann aber auch ängstlich fehlgedeutet werden (zum Beispiel Knacken in der Wohnung kann als Einbrecher interpretiert werden und alle Körperfunktionen stehen auf Alarmstufe rot). Wichtig für unsere seelische Gesundheit ist es über ein angemessenes Maß an Angst zu verfügen. Genug Angst, um nicht unvorbereitet in eine Gefahrensituation zu laufen, und nicht zu viel Angst, um nicht „starr vor Angst“ zu sein.

Entsprechend der internationalen statistischen Klassifikationen der Krankheiten (ICD, aktuell ICD 10, Version 2013, DSM 4) werden mehrere Gruppen von Angsterkrankungen unterschieden:

Panikstörung (plötzliche, attackenartige Angst oft mit Erstickungsängsten, Herzklopfen, Schweißausbruch), phobische Störungen (etwa Angst vor Spinnen, Angst vor dem Fliegen) und generalisierte Angststörung.

Von der generalisierten Angst spricht man, wenn Befürchtungen (angespanntes Gefühl, Nervosität, Konzentrationsstörungen), motorische Spannung (Zittern, Muskelverspannungen, innere Unruhe) und vegetative Erregbarkeit (Schwitzen, Herzklopfen, diffuses Gefühl) über Wochen nahezu täglich auftreten.

Frühzeitige Diagnose erfolgt selten

Zu einer behandlungsbedürftigen Krankheit wird Angst, wenn die Lebensqualität spürbar beeinträchtigt ist, man das Gefühl hat die Kontrolle zu verlieren, angstauslösende Situationen immer häufiger vermieden werden, Alltagsituationen nicht mehr bewältigt werden können, die persönliche Aktivität zunehmend abnimmt und man sich aus seinem sozialen Umfeld immer mehr zurückzieht. Letztendlich können sich dann depressive Erkrankungen und Abhängigkeitserkrankungen (Alkohol, Benzodiazepine) entwickeln. Die Ursachen sind vielfältig. Diverse belastende Lebensereignisse und eine familäre Vorbelastung spielen nach heutigem Wissen vermutlich eine Rolle.

Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung der Erkrankung erfolgt selten. Aufgrund der oft mit einer Angststörung einhergehenden körperlichen Symptome werden die Betroffenen zunächst in vielen ärztlichen Fachgebieten untersucht und behandelt. Oft vergehen Jahre, bis die psychiatrische Diagnose gestellt wird, dann liegt meist bereits eine chronische Angststörung vor. Obwohl die Behandlung sicherlich nicht einfach ist, gibt es mittlerweile vielversprechende Entwicklungen in der Therapie.

Der „Teufelskreis der Angst“

Stützpfeiler der Therapie sind psychotherapeutische Maßnahmen (besonders verhaltensorientierte Maßnahmen) und medikamentöse Behandlungen. In der Verhaltenstherapie wird die von übertriebenen Befürchtungen geleitete Verarbeitung von Gefühlen und Erlebnissen bearbeitet. Der Patient erhält zudem Informationen über die Symptome von Ängsten und den „Teufelskreis der Angst“. Medikamentös kann wissenschaftlich fundiert entsprechend der Leitlinien der deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie mit Membranstabilisatoren wie Pregabalin und Antidepressiva gearbeitet werden. Nur noch selten kommen Neuroleptika und Betablocker zum Einsatz. Einige wenige pflanzliche Medikamente helfen nachweislich. Ergänzend sollte ein entspannendes Therapieverfahren wie progressive Muskelrelaxation erlernt werden. Auch zu leichter körperlicher Bewegung wird dringend geraten. Bei der Behandlung ist eine konstante Anbindung und wenn möglich eine konsequente Führung des Patienten wichtig. Dabei benötigen die Patienten auch beratende und beruhigende Unterstützung. Ziel ist es der eigenen Angst nicht mehr ausgeliefert zu sein und wieder gelassen in den Tag blicken zu können.

Das „Ärzteforum“ gibt die subjektive Meinung des Autors wieder und nicht unbedingt die der Redaktion.

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