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Ärzteforum

Fumarsäure – bei Schuppenflechte und MS

Der Neumarkter Neurologe und Psychiater kritisiert die unterschiedlichen Preise als Skandal und sagt, die Krankenkassen betrügen so selbst.
Dr. Christian Nunhofer

Dr. Christian Nunhofer Foto: Nunhofer

Neumarkt.Für mich als Neurologen war Fumarsäure ein Stoff ohne jedes Interesse– bis mir erstmals vor rund eineinhalb Jahren sehr handfeste Studienergebnisse unterkamen, dass die Substanz genauso gut –wenn nicht sogar besser– wirkt gegen die chronische Hirn- und Rückenmarksentzündung Multiple Sklerose (MS) wie die gängigen Interferonpräparate oder das Alternativmittel Glatirameracetat (Copaxone). Da Fumarsäure auch als Konservierungsmittel in der Lebensmittelindustrie eingesetzt wird, ist es kein Problem, den Wirkstoff in Massen zu besorgen. Ein Apotheker errechnete auf meine Nachfrage hin die Therapiekosten bei Eigenherstellung für Fumarsäurekapseln auf 3,60 Euro pro Tag– inzwischen ist er bei 3,05 Euro.

Interessant: Das Medikament ist zur Behandlung der Schuppenflechte (Psoriasis) bereits als „Fumaderm“ im Handel– die Kosten liegen aber für dieses Fertigarzneimittel der Pharmaindustrie bei 17,83 Euro pro Tag.

Das billigste der Standardpräparate gegen MS kommt auf 45,80 Euro am Tag und muss, wie die anderen gängigen Präparate auch, gespritzt werden.

Alle meine MS-Patienten waren begeistert: Schlucken statt spritzen– und der Krankenkasse auch noch Geld sparen: Da wollten alle mitmachen. Wer allerdings nicht mitmacht, das sind die Krankenkassen: Bei rund einem halben Dutzend Kassen habe ich vor etwa einem Jahr schriftlich nachgefragt und um Kostenzusicherung für die 3,60 Euro anstelle der 45,80 Euro am Tag gebeten– und alle haben sich hinter Paragrafen verschanzt und die Kostenübernahme verweigert. Resultat: Die teuren Behandlungen für 45,80 Euro und mehr statt für 3,05 Euro am Tag laufen weiter.

Um sich eine Vorstellung von der finanziellen Gesamtsumme zu machen: Die Einsparungen für die Kassen allein durch die Medikamentenumstellung bei meinen MS-Patienten wäre deutlich mehr gewesen, als mir die Kassen für alle meine neurologischen und psychiatrischen Patienten zusammen an Honorar überweisen– wir reden von etwa 280000 Euro möglichen Einsparungen an Medikamentenkosten pro Jahr allein in meiner Praxis. Dennoch verweigern die Kassen die Kosten für die Fumarsäure. Das ist der erste Skandal.

Und nun kommt der zweite: Die ARD-Sendung „plusminus“ berichtete am 30. Januar, dass der Pharmakonzern, der Fumarsäure als „Fumaderm“ in den Handel gebracht hat, dieses Medikament aus dem Handel nehmen möchte, um es dann zum dreifachen Preis für MS zurück auf den Markt zu bringen. Die Kosten lägen dann noch über denen der bisherigen Basistherapeutika. Wohlgemerkt: Bei Herstellung in der Apotheke kostet das Präparat 3,05 Euro am Tag, wobei der Apotheker sicher auch nichts verschenkt - nicht rund 54 Euro, wie es die Pharmaindustrie nun plant.

Unter uns: Wenn ich die Zulassung als Kassenarzt zurückgeben würde und dann den Patienten ungehemmt von Verwaltungsvorschriften die Fumarsäure auf Privatrezept zur Herstellung durch die Apotheke verschreiben würde, dann würden die Kassen wohl schwer Kosten einsparen. Meine Befürchtung ist nur: Sie würden meine Arztrechnungen für die Patienten nicht übernehmen– und die für die Fumarsäure schon gar nicht. Die Kassen betrügen sich selbst– aber es tut ihnen nicht weh: Schließlich geht es nicht ums Gehalt des Sachbearbeiters oder ums Privatvermögen der Vorstände, sondern nur um die Verdummung von Beitragsgeldern durch sinnlose Paragraphenreiterei!Beitragsgelder.

Das „Ärzteforum“ gibt die subjektive Meinung des Autors wieder und nicht unbedingt die der Redaktion.

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