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Gespräch

Den Kontakt zur Jugend verloren

Das bemängelten Schüler im Gespräch mit den Landtags-Direktkandidaten. Politikverdrossenheit war bei der von der MZ organisierten Runde aber nur ein Thema.
Von Wolfgang Endlein

  • Rund zwei Stunden stellten sich die Direktkandidaten zur Landtagswahl den Fragen der Gymnasiasten und Tagblatt-Redakteure. Fotos: Röhrl/Endlein
  • Jonas Witt (16) aus Möning geht für ein Jahr in die USA.
  • Franziska Meier (17) aus Döllwang engagiert sich am WGG in einem politischen Arbeitskreis.
  • Carina Ehrnsperger aus Neumarkt wird pünktlich zur Wahl 18.

Neumarkt. Der „Titelverteidiger“ bei der Landtagswahl, MdL Albert Füracker (CSU), brachte es scherzhaft auf den Punkt: „Politiker wollen nicht, dass Sie ihnen die Daumen drücken – sie wollen Ihre Stimme“. Was also machen mit jenen, die nur ihre Daumen haben, aber noch keine Stimme? Die Rede ist von den Jugendlichen unter 18 Jahren. Ohne Stimmrecht liegt die Vermutung nahe, dass sie mit Blick auf den kurzfristigen Wahlerfolg bei den Politikern hinten runter fallen könnten.

Und so klagen die Jugendlichen: „Die Politiker interessieren sich nicht für uns“. Umgekehrt kommt der Vorwurf, die Jugend interessiere sich nicht für Politik. Wer interessiert sich nun für wen nicht? Um darüber zu reden und um die Themen, die Jugendliche interessieren, den Politikern näher zu bringen, führte das Tagblatt drei Schüler des Willibald-Gluck-Gymnasium und sechs Direktkandidaten an einen Tisch zusammen.

Thema 1: Politiker und Jugendliche – zwei gegensätzliche Welten?

Einig war sich die Runde, dass tatsächlich das Interesse bei Jugendlichen an der Politik schwindet. Über die Gründe dafür und was dagegen getan werden kann, entzündete sich hingegen eine lebhafte Diskussion. So waren sich die Schüler Jonas Witt und Carina Ehrnsperger darüber einig, dass es am Kontakt zwischen beiden Seiten fehle – auch weil es an Veranstaltungen mangele, die auf Jugendliche ausgerichtet sind.

Albert Füracker wollte dieses Argument nicht gelten lassen. Es gebe sehr wohl die Möglichkeit mit Politikern in Kontakt zu treten, sei es durch einen Anruf oder bei politischen Veranstaltungen speziell für Jugendliche, wie sie die CSU und andere Parteien durchaus anböten. „Die Jugend muss sich selbst kritisch hinterfragen, ob von ihr nicht auch mehr kommen muss“, sagte Füracker.

Die Frage, ob jedoch klassische Politikforen wie Stammtische oder politische Frühschoppen die Jugend noch hinter dem Ofen hervorlocken können, verneinte indes indirekt Hans Gerngroß (Freie Wähler). Auch er verwies auf die Angebote seiner Partei wie beispielsweise die offene Fraktionssitzung in Freystadt, musste aber auf Nachfrage der Schüler eingestehen, dass dort noch nie ein Jugendlicher unter 23 Jahren war.

Mark Huger (Piraten) betonte, dass es wichtig sei, dorthin zu gehen, wo die Jugend ist. Die Piraten seien daher etwa auf dem Christopher-Street-Day präsent. Aber auch von den Piraten organisierte Partys wie jüngst in Neumarkt sprächen eine Sprache, die für Jugendliche attraktiver sei als Stammtische – auch wenn es diesen bei den Piraten ebenso gebe.

Carolin Braun (SPD) regte an, die Jugend wieder näher an die Politik heranzuführen, indem man für sie frühzeitig Demokratie erlebbar mache. Dies könne in der Schule und in der Kommune über mehr Mitspracherechte geschehen. Roland Schlusche von den Grünen griff dies auf und forderte gar die Herabsetzung des Wahlalters auf 16 Jahre. Denn dass Jugendliche per se an Politik nicht interessiert sind, glaubt der Grüne nicht: „Jugendliche wollen nicht mehr in Parteien eintreten, sondern frei sein. Über Aktionen Politik zu machen, dazu sind Jugendliche immer noch bereit“.

Doch am Effekt einer solchen Maßnahme hatten die Schüler ihre Zweifel. Zuvor müsse die politische Bildung im Lehrplan eine größere Bedeutung erhalten. „Das politische System der Bundesrepublik in zwei Jahren Sozialkunde durchzunehmen ist schlicht unmöglich“, sagte Franziska Meier.

Meier war auch der Ansicht, dass die Themen der Politik oftmals wenig dafür geeignet seien, bei Jugendlichen Interesse zu wecken. „Rente mag sehr langfristig gedacht ein wichtiges Thema für Jugendliche sein – aber eben nicht kurzfristig.“ Enrico Pomsel (FDP) zeigte dafür Verständnis: „Ich verstehe, dass man mit 16 Jahren andere Interessen hat und nicht 50 Jahre vorausschaut“.

Thema 2: G8 oder G9 –wohin steuert das Bildungssystem?

„Ich fühle mich im G8 wohl“, sagte der WGG-Schüler Jonas Witt. Womit dieser Punkt schon abgehandelt hätte sein können, doch alles ist eben doch nicht im reinen. So kritisierte Carina Ehrnsperger, dass der im Lehrplan vorgesehene Stoff in manchen Fächern nicht durchgebracht werde. Und auch der Intensivierungsunterricht am Nachmittag verfehle oft seine Wirkung.

„Nicht ist perfekt“, räumte Füracker Fehler bei der Einführung des G8 ein, die Schlusche als „überstürzt“ kritisierte. Auch Pomsel, dessen FDP sich klar pro G8 ausspricht, sah noch Verbesserungspotenzial insbesondere bei den Lehrplänen. „Die Lehrpläne werden schon überarbeitet“, sagte Füracker, der ein Zurück zum G9 ablehnte: „Jetzt wieder alles umzuschmeißen, halte ich für falsch. Ich will nicht, dass wieder eine Generation Kinder zu Versuchskaninchen wird“. Überhaupt sieht er die Lage wesentlich entspannter, als es die gesellschaftliche Diskussion glauben lässt. Seiner Meinung nach gebe es eine große Mehrheit an Schülern und Eltern, die mit dem G8 im Großen und Ganzen zufrieden sei.

SPD-Frau Braun kritisierte indes am G8 vor allem den hohen Stressfaktor für die Kinder, was auch Gerngroß betonte. Die Freien Wähler wollten daher mittels eines Volksentscheids die Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 durchsetzen.

Füracker hielt dem entgegen, dass, wer der Belastung des G8 nicht standhält, die Hochschulreife auch auf dem zweiten Bildungsweg machen könne. Gerade auf dem Land sei dies aber schwer, argumentierte Braun. Ihre Tochter gehe den zweiten Bildungsweg über die Fachoberschule, doch sei die im Gegensatz zum Gymnasium weiter entfernt vom Wohnort. Die SPD-Kandidatin betonte hierbei die Bedeutung von wohnortnahen Schulen.

Beim Thema Gesamtschule waren sich die drei Gymnasiasten in ihrer Ablehnung einig. Gesamtschule mache Stärkere schwächer und Schwächere nicht stärker. Auch wenn Jonas Witt Schlusche nicht widersprechen wollte, der einen Vorteil der Gesamtschule hervorhob: Durch den Kontakt fördere sie die sozialen Kompetenzen aller. Dass die praktische Umsetzung einer Gesamtschule schwierig sein werde, daran zweifelte aber auch Schlusche nicht.

Wie man gleichzeitig stärkeren und schwächeren Schülern gerecht wird, das sah auch Braun als größtes zu lösendes Problem für eine Gesamtschule an. Die SPD-Frau betonte aber gleichzeitig, wie wichtig es ihr sei, das Kinder künftig länger gemeinsam lernen. Gerade auch mit Blick auf den Stress, dem die Kinder derzeit beim Übertritt auf das Gymnasium ausgesetzt seien.

Thema 3: Kann die Energiewende gelingen?

An der Notwendigkeit der Energiewende hat keiner der drei Gymnasiasten einen Zweifel. „Wir wollen die Energiewende“, sagte beispielsweise Carina Ehrnsperger. Zweifel hatte sie schon eher am Zeitplan: Ist der völlige Ausstieg aus der Atomenergie bis 2022 überhaupt umsetzbar?

Die Politiker schienen sich in diesem Punkt auch nicht sicher zu sein. Aber eine Alternative zum angefangenen Projekt gibt es nicht, darüber herrschte Einigkeit. „Es ist der richtige Weg“, betonte Schlusche und fand Zustimmung bei Gerngroß: „Atomstrom ist keine billige Energie, wenn man sich die Folgekosten beispielsweise beim Müll anschaut“.

Da wollte Pomsel nicht widersprechen, er kritisierte aber den aus seiner Sicht übereilt beschlossenen Ausstieg. Durch das seiner Meinung nach fehlerhafte Gesetz für erneuerbare Energien (EEG) sei der Anspruch auf bezahlbaren Strom für alle ebenso gefährdet wie die Versorgung damit. Pomsel fürchtet, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien nicht Schritt halten kann mit der Nachfrage und wir 2022 „bei Kerzenlicht dasitzen“. Man müsse daher die Finanzierung der Energiewende fairer verteilen.

„War das EEG zu Ende gedacht?“, fragte Schlusche. „Nein! Aber es war sehr gut zum Abschub für die erneuerbaren Energien – und es ist der richtige Weg“. Darin stimmte ihm Gerngroß zu, der für den richtigen Mix aus Wind, Sonne und Biomasse plädierte –und das möglichst vor Ort. Vor allem aber brauche es Forschung im Bereich der Speichertechnik.

Nur mit Akzeptanz in der Bevölkerung könne die Energiewende gelingen, sagte Füracker. „Aber nur zu sagen ,Gefällt mir nicht!’, ist zu billig“, spielte er auf die Probleme beim Bau von erneuerbaren Energiequellen wie Windanlagen an. Es gebe objektive Belastungen, diese müsse man zu vermeiden versuchen. Auf subjektive Belastungen, könne nicht immer Rücksicht genommen werden, sagte der MdL.

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