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Begegnungen

Tiere und Kinder: Eine besondere Magie

Tiere üben auf Kinder eine große Anziehungskraft aus. Das Neumarkter Tagblatt machte sich auf die Suche nach einer Erklärung.
Von Nicole Selendt

Die sechsjährige Carolina hat sich schon bei der ersten Begegnung mit Eselchen „Sepperl“ angefreundet. Foto: Selendt
Die sechsjährige Carolina hat sich schon bei der ersten Begegnung mit Eselchen „Sepperl“ angefreundet. Foto: Selendt

Neumarkt.Mit einem kleinen Eimerchen voller Gras steht die dreijährige Anna da. Vor ihr recken zehn Ziegen die Hälse und wollen an das saftige Grün. Zögerlich macht Anna ein paar Schritte nach vorne, hält den Tieren ihr Eimerchen hin, die fressen gierig. So geht das eine Stunde lang: Eimer füllen, zu den Ziegen laufen, füttern. Natürlich kriegen die Esel im Freilaufgehege nebenan auf der Erlebnisfarm Bräunertshof bei Pilsach auch was. Und dann? Sind die Hasen dran. Die müssen jetzt ausgiebig gestreichelt werden – bevor es mit Pony Nellie eine dreiviertel Stunde über einen Schotterweg durch den Wald geht. Mit dabei: Annas kleiner Bruder Leonard. Der hält sich nicht mit einem Eimer auf. Der füttert gleich mit der Hand und lacht sich dann kringelig, wenn ihn die rauhen Zungen der Tiere an der Hand kitzeln.

Kuschelhormon wird produziert

Tiere üben auf Kinder eine Faszination aus, die für Erwachsene nur schwer zu verstehen ist. Tiere begeistern meist, manchmal beruhigen sie auch, oftmals können sie therapieren oder sogar heilen. Andrea Karg, Reitpädagogin aus Kettenbach bei Berg, startet im Gespräch mit dem Neumarkter Tagblatt einen Versuch, zu erklären, warum das so ist: „Tieren ist der Charakter eines Menschen egal. Sie gehen nicht auf Aussehen oder auf Fähigkeiten. Sie sind ruhig, neugierig und unvoreingenommen.“ Perfekte Voraussetzungen also für eine Annäherung.

Ist dann erstmal eine Verbindung hergestellt, zeigen sich die positiven Effekte, die Tiere auf Menschen und vor allem Kinder haben. So hätten Studien laut Karg schon bewiesen, dass die Anwesenheit von Tieren, sei es nun Hund, Katze, Maus oder Pferd, den Blutdruck und die Herzfrequenz senken. Darüber hinaus werde die Ausschüttung des Stresshormons Adrenalin gesenkt und dafür mehr Oxytocin – auch das Kuschelhormon genannt – produziert.

Eselbäuerin Birgit Beyer sagt, dass sich Mensch und Tier während der Wanderung schnell aufeinander einstellen.
Eselbäuerin Birgit Beyer sagt, dass sich Mensch und Tier während der Wanderung schnell aufeinander einstellen.

Birgit Beyer von der Eselfarm in Stauf berichtet von Erlebnissen, die sie über die beruhigenden Fähigkeiten ihrer Tiere immer wieder staunen lassen. Ein Mann mit Behinderung sei bei einer der Wanderungen mit dabei gewesen. Unruhig und nervös sei er gewesen. Zunächst habe er es abgelehnt, einen Esel zu halten und ihn den Wanderweg entlang zu führen. „Irgendwann habe ich ihm dann ganz beiläufig die Zügel in die Hand gegeben und ihm die Führung überlassen“, erinnert sich Beyer. Den gesamten Rest der Wanderung habe der Mann den Esel nicht mehr aus der Hand geben wollen. Ganz bedächtig und ruhig habe er sich auf das Tier eingelassen.

Dem Pferd ein Geheimnis erzählen

Gleiches habe sie auch schon bei Kindern beobachtet. „Mensch und Tier haben im Laufe der Begegnung eine beruhigend Wirkung aufeinander“, beobachtet Beyer häufig. So hektisch der Beginn einer Wanderung oft sei, die Gruppen kämen in den meisten Fällen entspannt und ausgeglichen wieder zurück. Deswegen hat die Familie Beyer auch große Fans, die immer wieder kommen und eine Wanderung mit Eseln unternehmen. „Vor allem in den Abendstunden, wenn die Mücken die Tiere nicht mehr so ärgern, ist es am schönsten“, sagt die Eselbäuerin.

Unbestreitbar sei natürlich auch der positive Effekt, der Bewegung mit Tieren draußen in der frischen Luft auf die Gesundheit, vor allem das Herz-Kreislauf-System, hat. In Kargs speziellem Fall als Reitpädagogin helfe die Beschäftigung mit Tieren beim Gleichgewicht, bei der Bewegung und bei der Körperhaltung. Denn die Vorwärts-, Rückwärts- und Seitwärtsbewegungen auf dem Sattel imitieren das menschliche Gangbild und helfen zum Beispiel bei der Therapierung von Spastikern, Herzanfall- oder Schlaganfallpatienten.

Tieren ist der Charakter eines Menschen egal. Sie gehen nicht auf Aussehen oder auf Fähigkeiten. Sie sind unvoreingenommen, ruhig und neugierig.“

Andrea Karg, Reitpädagogin

Selbstbewusstsein, Verantwortungsgefühl, Sicherheit und Trost: Das sind die psychischen Auswirkungen, die Tiere auf Kinder haben. Und die hätten sich bei allen Kindern, die Karg bisher behandelt hat, früher oder später gezeigt, wie sie aus ihrer mehr als 20 Jahre langen Berufserfahrung berichtet. „Es ist für einen so kleinen Menschen einfach ein tolles Gefühl, wenn es merkt, dass es ein so großes Tier steuern kann“, sagt Karg, deren Pferde darauf trainiert sind, ihrem Fluchtinstinkt nicht nachzugeben. Sie nehmen nicht gleich Reißaus, wenn ein Kind zunächst weint oder tobend herumspringt. „Auch kommt es vor, dass Kinder dem Pferd etwas erzählen, was sie daheim nicht erzählt haben. Sie fühlen sich geliebt und sicher“, erklärt die gelernte Erzieherin weiter. „Und wenn ein Kind noch nicht recht weiß, wo es langgeht, kriegen sie auch schonmal vom Pferd einen Stupser in die richtige Richtung.“

Andrea Karg beobachtet bei ihrer Arbeit als Reittherapeutin oft spannende Szenen zwischen ihren kleinen Patienten und ihren Pferden. Foto:Selendt
Andrea Karg beobachtet bei ihrer Arbeit als Reittherapeutin oft spannende Szenen zwischen ihren kleinen Patienten und ihren Pferden. Foto:Selendt

Das Pferd sucht sich das Kind aus

Karg berichtet auch von einzigartigen Verbindungen, die sich zwischen ihren Patienten und ihren Pferden oft aufbauen. Denn es sei nicht immer sie, die das Therapiepferd für ein Kind aussuche. In vielen Fällen wählten die Kinder nach einer kurzen Kennenlernphase mit den Tieren ihren „Therapiepartner“, oft sei es sogar anders herum. Andrea Karg beobachte manchmal zum Beispiel, wie eines ihrer Pferde sich besonders intensiv mit einem Kind anfreunde, die anderen sanft wegschiebe, um weiter in seiner Nähe zu sein. „Da hat sich dann das Pferd das Kind ausgesucht.“

Aber leider, so erklärt die Reittherapeutin, sei die heilende Wirkung von Tieren auf Menschen noch nicht ausreichend zu den Krankenkassen durchgedrungen. Nicht viele übernähmen die Kosten für eine Reittherapie, die schon nach etwa 30 „Anwendungen“ in vielen Fällen deutliche Verbesserungen zeigten. Zum Beispiel etwa bei verhaltensauffälligen Kindern, Konzentrationsstörungen, koordinativen Schwächen oder anderen Leiden. Karg behandle so etwas meist in enger Absprache mit Krankengymnasten oder Ergotherapeuten und hat schon viele Erfolge vorzuweisen.

Senioren und der Umgang mit Tieren

Und dass der Umgang mit Tieren nicht nur Kindern guttut, sondern auch Erwachsenen und im Besonderen Senioren, will Reitpädagogin Andrea Karg nicht unerwähnt lassen. Hier gehe es vor allem um das Gefühl des Gebrauchtwerdens. Darum, dass es alten Menschen guttut, sich weiterhin um jemanden kümmern zu können, wenn die Kinder bereits aus dem Haus sind und womöglich der Lebenspartner schon verstorben ist. Auch spiele natürlich eine Rolle, dass die Gesellschaft eines Tieres, die Einsamkeit vertreibt und eine weitere Teilhabe am Zusammenleben ermöglicht. „Schließlich kommt man beim Gassigehen mit dem Hund unter die Leute und hat ganz nebenbei auch gleich ein Gesprächsthema mit Leuten, die man währenddessen trifft“, sagt Karg.

Die positiven Effekte, die Tiere auf Menschen haben, haben sich seit einigen Jahren auch einige landwirtschaftliche Betriebe zunutze gemacht. Sie öffnen für einige feste Tage im Monat ihre Türen, um Familien willkommen zu heißen. So hat die Erlebnisfarm Bräunertshof immer am Wochenende, in den Sommerferien sogar täglich geöffnet. Der Erlebnisbauernhof Eichenseer in Neuhaid öffnet am 18. August und am 1. September für Führungen auf dem Hof. Darüber hinaus bieten einige Betriebe Kindergeburtstage auf dem Bauernhof an. Dabei können die angemeldeten Kindergruppen Tiere streicheln, füttern, werden während ihrer Party verpflegt und können je nach Betrieb weitere spezielle Angebote nutzen. Lehrer von Schulklassen oder Betreuer von Senioren- oder Demenzgruppen können sich ebenfalls vorher anmelden und den Höfen einen Besuch abstatten.

Alle anderen Serienteile der MZ-Themenwoche „Ferien vor der Haustür“ finden sie hier.

Sehen Sie gleich hier, wo Sie im Landkreis Neumarkt Abenteuer mit Tieren erleben können:

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