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MZ-Themenwoche

Wenn Kinder im Baumhaus übernachten

In den Ferien schlafen die Kids in luftiger Höhe. Nicht nur sie, sondern auch die Eltern entdecken Aktivitäten in der Region.
Von Heike Regnet und Nicole Selendt

Ein farbenprächtiger Großblatt-Phlox sorgt für süßen Duft im Kräutergarten. Fotos: Regnet/Selendt
Ein farbenprächtiger Großblatt-Phlox sorgt für süßen Duft im Kräutergarten. Fotos: Regnet/Selendt

Neumarkt.Ronja, Jule, Ronja, Lucas, Laurin und Jakob haben im Augenblick überhaupt keine Zeit zum erzählen, denn sie sind gerade dabei, ihre Schlafplätze in luftiger Höhe einzurichten. Die fünf gehören zur Wiesenbande, der Kinder- und Jugendgruppe des Obst- und Gartenbauvereins Berngau. 16 von ihnen übernachten an diesem Wochenende in den Baumhäusern am Habsberg.

„Wir haben das im letzten Jahr schon mal gemacht“, erzählen Marion Steinl und Angela Sessler, die die Gruppe leiten. „Und alle hatten Riesenspaß.“ Während bei den monatlichen Treffen der Wiesenbande am Spielplatz am Reifenstein in Berngau stets auch kleine Naturforscher im Kindergartenalter mit von der Partie sind, durften zum Übernachten nur die Größeren mit. „Das wird bestimmt super“, sagt Sophia, die im Baumhaus nebenan eingezogen ist, als ein Stück weiter auf der Wiese am Waldrand die laute Glocke erklingt. „Jetzt müssen wir aber los,“ sagen die Kids. „Wenn es läutet, treffen wir uns alle am Haus.“ Und schon machen sich die ersten auf den Weg aus dem Wald hinüber zur Wiese.

Kinder einfach mal machen lassen

Werner Thumann geht beim Anblick solcher Kinder das Herz auf. Das ist genau das, was er Eltern mit Kindern gerne nahebringen möchte: „Man sollte sich nicht immer nur auf organisierte Programme stürzen“, sagt der Landesjugendsprecher und Geschäftsführer des Kreisverbands für Gartenbau und Landespflege Neumarkt. Er hat eine Tagblatt-Reporterin etwas weiter nördlich im Landkreis, in der Nähe von Pelchenhofen, auf einen Streifzug durch die Natur mitgenommen. Im Gespräch plädiert er dafür, „einfach mal wieder rauszugehen und mit offenen Augen die Natur zu erkunden“. Schon die Hecke vor der Haustür, der kleine Bach im nahe gelegenen Wald, ja sogar der eigene Garten böten so viel, was Kinder beschäftigen und begeistern kann, sagt Thumann.

Durch das Mikroskop sieht ein Sandkorn ganz anders aus.
Durch das Mikroskop sieht ein Sandkorn ganz anders aus.

Am Habsberg warten derweil auf der Wiese neben den Baumhäusern schon die Gruppenleiterinnen. Nach einem ausgiebigen „Herzlich Willkommen“ und einer kleinen Regelkunde für das Miteinander am Habsberg kann es losgehen mit dem Programm. Wobei: Das gibt es eigentlich nicht – eher einen Handlungsrahmen. „Wir werden die Kinder einfach mal machen lassen. Wer will, kann einen Holzrahmen mit Blumen gestalten“, sagt Marion. Dann Stockbrot am Lagerfeuer, Grillen, Nachtwanderung – alles andere bestimmen die Kinder.

Natur: Der Rahmen für Kreativität

Angela hat die Naturrahmen aus Holz schon vorbereitet und bespannt sie mit einem festen Faden, während die Mädchen und Jungen auf der Wiese unterwegs sind, um Blumen und Gräser zu sammeln. Als Heil- und Wildkräuterexpertin kennt Angela nahezu jede Blume und jeden Halm, den die Kinder zu ihr bringen. Taubnessel, Wiesensalbei, Rotklee –alles findet im hölzernen Rahmen einen Platz. Oder wird ganz genau unter dem Mikroskop in Augenschein genommen. Zum Schluss krönt eine leuchtend gelbe Sonnenblume das Kunstwerk. „Ich glaub, jetzt hat mich was gestochen“, ruft da ein Wiesenbandenmitglied und eilt zu Angela. „Bring Spitzwegerich mit“, ruft sie zurück. „Den tun wir drauf, das hilft gleich“, und schon haben die Kids wieder etwas gelernt.

Mit der Becherlupe kann man viele interessante Tiere fangen und beobachten.
Mit der Becherlupe kann man viele interessante Tiere fangen und beobachten.

Das weiß auch Werner Thumann. Er benennt unterschiedliche Pflanzen am Wegesrand und erklärt etwas über ihre heilende Wirkung oder die Herkunft ihres Namens. Unterwegs fängt er einen riesigen Grashüpfer – auch Großes Heupferd genannt. Er probiert, ob die Kornäpfel schon reif sind, schnitzt mit seinem Taschenmesser ein kleines Rindenboot, baut am Bach einen Damm und entdeckt einen angefangenen Fuchsbau. Dabei hat er nur ein Taschenmesser und eine Becherlupe, die es im Spielwarenhandel schon für drei oder vier Euro gibt.

„Vieles aus der eigenen Schulzeit ist noch da. Und wenn man rausgeht, wird man sich auch schnell wieder erinnern.“

Werner Thumann, Geschäftsführer Landschaftspflegeverband Landkreis Neumarkt

Thumann möchte mit seiner Arbeit Eltern dazu bringen, sich wieder an ihre eigene Kindheit zu erinnern. „Vieles aus der eigenen Schulzeit ist noch da, und wenn man rausgeht, wird man sich auch schnell wieder erinnern“, sagt er. „Man braucht kein Geld, man braucht nicht weit fahren und man kann mit den Kindern auch mal länger an einem Thema dranbleiben.“ Und meint damit zum Beispiel, mal Apfelkerne zu trocknen und zu versuchen, ein eigenes kleines Apfelbäumchen großzuziehen. Zu lernen, was während des Frühlings und Sommers im eigenen Garten wächst, dann ernten und verwerten.

Viel kennen Kinder schon aus der Schule

Das mache Kindern in den nahezu 40 Jugend- und Kindergruppen der mehr als 100 Obst- und Gartenbauvereine im Landkreis riesigen Spaß und schmecke am Ende auch noch, wenn man an die leckeren Marmeladen, Säfte oder Kuchen denkt, die dabei herauskommen. Bilder mit Naturmaterialien basteln, Herbarien oder Farbpaletten mit Blüten anlegen – auch für kleine Künstler hat die Natur etwas zu bieten.

Und das machen sich auch die Betreuerinnen der Wiesenbande zunutze. Vor drei Jahren wurde die Wiesenbande im OGV Berngau gegründet. An die 50 Kinder im Alter zwischen fünf und zwölf Jahren kommen seither regelmäßig bei den monatlichen Treffen zusammen. Die Gruppenstunden finden immer im Freien statt. Es wird gebastelt, geschnitzt, gesungen und gespielt oder auch mal ein Ausflug gemacht. So haben die Kinder zuletzt zum Beispiel einen Imker besucht.

Am Habsberg sind derweil die ersten zweieinhalb Stunden wie im Flug vergangen. Jetzt gibt es Stockbrot. „Also ich möchte eines mit Salami“, sagt Marie, als sie schon einmal die Feuerstelle ein Stück weiter auf der Wiese inspiziert. „Zuhause haben wir einen Feuerkorb“, erzählt sie. „Ich freu mich schon auf die Nachtwanderung“, meint Jonas. „Vielleicht hören oder sehen wir ja oben an der Kirche ein paar Fledermäuse.“

Doch bevor die Kids zur Nachtwanderung aufbrechen, geht es erst noch in den Kräutergarten, der nahe des Hauses am Habsberg angelegt ist. Während die Kinder einige Blumen und Pflanzen wie Bohnen oder Brennnesseln schon kennen, muss bei anderen Gewächsen erst einmal auf den angebrachten Schildern nachgelesen werden. „Großblatt-Phlox“, liest Marie vor und schnuppert in die lila-rosa Blütenpracht. „Hahnenfuß und Löwenzahn finde ich ja auch ganz schön“, sagt sie. „Aber meine Lieblingsblumen sind weiße Rosen.“ Die sind allerdings im Kräutergarten nicht zu sehen.

Blüten anhand von Zeichnungen bestimmen

Während Werner Thumann die meisten Pflanzen aus dem Gedächtnis bestimmen kann, hat er für Anfänger, die sich einfach nur umschauen möchten, einen Literaturtipp: „Was blüht denn da?“ heißt ein Nachschlagewerk, in dem man auf fast 500 Seiten sortiert nach Farbe und Blütenform nahezu alles schnell und einfach bestimmen kann, was man da auf der Wiese vor sich hat. Allerdings seien leider heute viele Naturbereiche zu aufgeräumt, Gärten fast klinisch sauber. Nahe Pelchenhofen allerdings zeigt er Wiesen, die für große und kleine Tiere die perfekten Bedingungen bieten. „So wie hier muss es aussehen, wenn Bienen und andere Insekten leben sollen“, sagt er. Zufällig findet er sogar einen angefangenen Fuchs- oder Iltisbau.

Hier hat ein Fuchs oder Iltis mit dem Bau eines neuen Heims begonnen. Bei unserem Besuch war er aber nicht da.
Hier hat ein Fuchs oder Iltis mit dem Bau eines neuen Heims begonnen. Bei unserem Besuch war er aber nicht da.

Am Habsberg ist die Zeit inzwischen doch etwas fortgeschritten. Joachim und Stefan, die mitgereisten Ehemänner im Team, werfen den Grill an. Wenig später sind die ersten Steaks und Bratwürstel aufgelegt. „Wir haben auch schon richtig Hunger“, sind sich Manuel und Yannik einig. Sie müssen zum Glück nicht mehr lange warten, bis das Essen bereit ist. In der Gruppe mit Freunden beim Picknick unter freiem Himmel schmeckt es natürlich gleich nochmal so gut. Das Lagerfeuer wird erst mit Einbruch der Dunkelheit angeschürt. Und beim Stockbrotbacken ist natürlich jede Menge Zeit für gute Gespräche.

Kennen Sie sich mit allem aus, was es in Wald und Wiese so gibt? Testen Sie sich selbst beim Wald- und Wiesenquiz:

Alle anderen Serienteile der MZ-Themenwoche „Ferien vor der Haustür“ finden sie hier.

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