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Nachtleben

Taxi-Zuschuss anstatt eigener Disco-Bus

Mit dem Fifty-fifty-Taxi will der Landkreis Eichstätt Jugendliche und junge Erwachsene nachts sicher nach Hause bringen.
Von Markus Rath

In der Taxi-App registrieren sich die Nutzer mit ihrem Personalausweis.  Foto: Markus Rath
In der Taxi-App registrieren sich die Nutzer mit ihrem Personalausweis. Foto: Markus Rath

Beilngries.Das Reizthema „Discobus“ steht für viele Jugendliche und junge Erwachsene in ländlich geprägten Regionen ganz oben auf der Wunschliste. Denn immer noch verunglücken zu viele Nachtschwärmer tödlich oder werden schwer verletzt, wenn Alkohol oder die Euphorie der Feier zu unangepasster Fahrweise und zu schwersten Unfällen führen. Bernd Knüfer, Leiter des Berchinger Jugendtreffs kennt die Probleme der jungen Leute aus unzähligen Diskussionen. „Jeder kennt einen Kumpel, der schon wegen Alkohol am Steuer den Führerschein verloren hat. Die Situation ist immer ähnlich. Einer wird als Fahrer auserkoren und dem fehlt dann die Disziplin.“ Doch nicht nur der Discobesuch ist ohne Auto schwierig. Wenn zum Beispiel die Freundin eines 16-Jährigen in Dietfurt wohnt, bleibe dem nur das Fahrrad oder das Elterntaxi für einen abendlichen Besuch.

Bestätigt wird Knüfer von der Unfallstatistik 2018 des Landkreises Eichstätt: 3.776 Verkehrsunfälle gab es, dabei wurden 457 junge Menschen im Alter von 16 bis 27 Jahren verletzt, fünf verloren ihr Leben bei diesen Unfällen. Häufigste Unfallursache war überhöhte beziehungsweise unangepasste Geschwindigkeit. Besonders gefährdet ist dieser Personenkreis auf dem Weg zur Disco oder zu sonstigen Events und von dort nach Hause. Deshalb hat unter anderem die Stadt Beilngries gefordert, eine nächtlich nutzbares Verkehrsmittel zu etablieren.

Idee aus Franken übernommen

Im Landkreis Neumarkt werden seit Jahren kleine Busse als Rufbus eingesetzt. Foto: Merz Reisen
Im Landkreis Neumarkt werden seit Jahren kleine Busse als Rufbus eingesetzt. Foto: Merz Reisen

Der Landkreis Eichstätt hat beschlossen, das Problem der Jugendlichen innovativ anzugehen und eine Idee aus den Landkreisen Kulmbach und Lichtenfels aufgegriffen. Dort hat das sogenannte „Fifty-Fifty-Taxi“ schon seit mehr als zehn Jahren Tradition. Inzwischen wurde dafür sogar eine App entwickelt. Sie regelt, dass nur Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 16 und 27 Jahren mit Erstwohnsitz im jeweiligen Landkreis in den Genuss des Service kommen. Sie dürfen am Freitagabend, am Samstagabend und am Abend vor gesetzlichen Feiertagen zwischen 21 und 5 Uhr morgens innerhalb des Landkreises einfach über das Handy ein Taxi bestellen und müssen den Fahrtpreis nur zu 50 Prozent bezahlen. Den Rest erhält das Taxiunternehmen vom Landratsamt.

Nutzung der App

Susanne Bandy, Sachbearbeiterin des Landratsamts Lichtenfels, berichtet, dass es eine stark steigende Tendenz bei der Nutzung der App gebe. Im Juni sei wegen der Feiertage die Marke von durchschnittlich 3000 Euro Zuschuss für jeden der vier Unternehmer geknackt worden. Schwierigkeiten gebe es nur, wenn der Taxifahrer mit der App nicht klarkommt. Dann würden Fahrten nachberechnet.

Bilanz Lichtenfels

  • Fahrten:

    Vom Juli bis Dezember 2018 wurden 949 Fahrten abgerechnet. Dabei wurden 2863 Fahrgäste befördert. Es sind also immer rund drei Personen mit einem Taxi unterwegs.

  • Kosten:

    Im Schnitt kostet jede subventionierte Taxifahrt 23,72 Euro, der Landkreis bezahlt davon 11,86 Euro. Umgerechnet auf die beförderten Personen sind dies 3,93 Euro/Person.

Alexander Anetsberger, Bürgermeister von Beilngries, nennt weitere Vorteile. „Die Eltern können so ihrem Erziehungsauftrag nachkommen und ihre Kinder zu den jugendschutzrelevanten Zeiten flexibel „nach Hause“ holen“, sagte er in der Stadtratsitzung vergangenen Donnerstag. Außerdem solle gezeigt werden, dass für neue Dienstleistungen der öffentlichen Hand keine zusätzlichen Stellen geschaffen werden müssen. Der Einsatz des Internets sei für die Zielgruppe der 16 bis 27-Jährigen Alltag. Hier bestünden keine Berührungsängste. Den finanziellen Aufwand bewertet Anetsberger positiv. „Die Zuschusskosten von 3,93 Euro pro Person halten jedem Vergleich mit dem ÖPNV stand. Und es ist sicher sinnvoller Taxis zu bezuschussen, als fast leere Reisebusse durch die Nacht fahren zu lassen.“

Autos mit Smartphones

Trotzdem gibt es in der eigenen Gemeinde Kritik: „An sich ist die Idee nicht schlecht, aber für uns Taxibetreiber nicht realisierbar“, sagt Holger Heitner, Taxi Beilngries GmbH. Er müssten alle Autos mit Smartphones ausrüsten, was wenig Sinn macht, weil diese ständig geladen werden müssen. Außerdem sei dies diskriminierend für alle die Personen, die sich kein Smartphone leisten können. Einzig praktikable Lösung sei eine besondere Quittung, die junge Fahrgäste dann bei der Gemeinde einreichen könnten.

Es ist sinnvoller, Taxis zu bezuschussen, als fast leere Reisebusse durch die Nacht fahren zu lassen.“

Alexander Anetsberger, Bürgermeister von Beilngries


Bestätigt wird Heitner von seiner Lichtenfelser Kollegin Anja Schneider, Obfrau der dortigen Taxiinnung. „Wir hatten früher ein analoges System mit Listen. Seit die App eingeführt wurde, gibt es so viele Probleme, dass die Fahrtenzahl um 90 Prozent gesunken ist.“ Viele Leute hätten außerdem große Vorbehalte gegen den elektronischen Personalausweis und könnten sich deshalb nicht für die App registrieren. „Die fahren jetzt wieder selber.“

An der Kreisgrenze ist Schluss

Ein weiteres Problem für alle Beilngrieser: An der Grenze zur Oberpfalz ist Schluss und das wird sich wohl auch nicht ändern. Denn der Landkreis Neumarkt wird sich nicht an dem Fifty-Fifty-Taxi beteiligen. „Wir setzen auf das Anrufsammeltaxi“, sagt Kreisentwickler Michael Gottschalk. Auch wenn der Name nach Taxi klingt, ist dieses Angebot doch Teil des Rufbussystems, das sich seit Jahren im Landkreis bewährt hat und dem sich alle 19 Gemeinden angeschlossen haben. Außerdem richte sich dieses Angebot des ÖPNV an alle Kunden und ende nicht mit dem Alter von 27 Jahren. Für den Rufbus können Dauerkarten genutzt werden, es wird nur ein Zuschlag fällig. „Wir möchten keine Subventionierung von Taxen“, ergänzt Michael Endres, im Landratsamt Neumarkt zuständig für das Gebiet ÖPNV. Jugendarbeiter Knüfer bedauert diese Entwicklung: „Wer ein Gymnasium nach Beilngries baut, muss auch damit rechnen, dass die Schüler Mobilitätsbedürfnisse entwickeln, die nicht an der Landkreisgrenze halt machen.“

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