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Freitag, 25. Mai 2018 23° 8

Reportage

Von der Hanfblüte zum Schmerzmittel

Beim Neumarkter Arznei-Hersteller Bionorica wird der Cannabis-Wirkstoff Dronabinol gewonnen. Ein Blick hinter die Kulissen.
Von Thorsten Drenkard

  • In der sogenannten Handschuhbox wird das zähflüssige Dronabinol in Spritzen abgefüllt, die dann im Tresor und später in den Apotheken landen. Fotos: Drenkard
  • Ein Mitarbeiter überprüft einen der vielen Destillatoren in der Produktionsstätte.
  • Ausgangs- und Endprodukt im Tresorraum beisammen: Aus den Blüten wird das flüssige Dronabinol gewonnen.
  • In den Glaskolben befindet sich das verflüssigte Dronabinol, das zum Hanf-Wirkstoff THC identisch ist.
  • Nur mit dem richtigen Code gibt es Zugang in den Tresor, in dem die Hanfblüten gelagert werden.
  • Im Cannabis-Extraktor kommen die Hanfblüten und Lösungsmittel zusammen.
  • Tagblatt-Redakteur Thorsten Drenkard im Gespräch mit Dr. Andreas Rutz Foto: Bionorica

Neumarkt.Die Klimaanlage arbeitet leise. Ein Lufthauch weht durch den grell beleuchteten Raum. In ihm liegt der leichte Geruch von Cannabis. Er ist schwer, etwas süßlich. In einem Metallregal stehen säuberlich aufgereiht große braune Säcke. Aus ihnen steigen die dezenten Marihuana-Dämpfe auf. In jedem der Beutel befinden sich zwischen eineinhalb bis zwei Kilogramm Cannabis-Blüten.

Wir befinden uns im klinisch reinen Tresorraum des Produktionsgebäudes der Firma Bionorica in der Kerschensteinerstraße. Er ist zugleich Ausgangs- und Endpunkt des aufwendigen Herstellungsprozesses. Hier, in diesem besonders gesicherten Bereich des Neumarkter Arzneimittelherstellers, lagern natürliche und synthetische Substanzen nebeneinander, die in Deutschland unter das Betäubungsmittelgesetz (BtMG) fallen.

Es ist das Herzstück der Dronabinol-Herstellung. Dronabinol ist der vom Unternehmen hochkonzentriert hergestellte Wirkstoff aus der Cannabispflanze, identisch mit dem THC (Tetrahydrocannabinol). Er verschafft schwer erkrankten Patienten mit BtMG-Rezept eine Linderung ihrer Schmerzen und verbessert deren Lebensqualität.

Damit bei der Dronabinol-Gewinnung alles seinen gesetzeskonformen Gang geht, hat die Bundesopiumstelle in Bonn stets ein genaues Auge auf sämtliche Handgriffe, die in Neumarkt getätigt werden. Jeder gewonnen Milliliter muss penibel dokumentiert werden, weiß Apotheker Dr. Andreas Rutz, der in der Produktionsstätte verantwortlich arbeitet.

Substanz wird in Spritzen gefüllt

Der 40-Jährige sagt: „Sicherheit und Zuverlässigkeit sind hier extrem wichtig.“ Nicht nur in Bezug auf die Produktionsräume, auch auf die insgesamt sechs Mitarbeiter. Das polizeiliche Führungszeugnis muss sauber, der Lebenswandel tadellos sein.

Schließlich handelt es sich hier nicht um eine illegale Hobby-Hanfaufzucht. Keine Spur von rastahaarigen Kiffern. Keine gemütliche Reggae-Musik. Keine dampfenden Joints. So viel zu den Klischees.

Die Wände der Räume sind weiß, ebenso die langen, schmalen Gänge. Die einzige Musik, die hier zu hören ist, stammt von den vielen Gerätschaften – und diese klingt wenig melodiös.

Bevor es aber in die Produktion auf dem Bionorica-Gelände geht, müssen sich die Mitarbeiter zunächst in einer ersten Hygieneschleuse umkleiden. Blaue Stoffüberzieher für die Schuhe, ein weißer Kittel für obenrum und zum Schluss noch eine luftige Stoffhaube für die Haare – fertig ist das optisch zweifelhafte, aber hygienisch einwandfreie Outfit. Schließlich noch die Hände gewaschen und desinfiziert, dann geht es an die Arbeit – fast.

Eine zentrale Schaltstelle

Um in die Produktionsräume zu gelangen, müssen Andreas Rutz und seine Kollegen per Chip- und Code-Erkennung Türen öffnen. Dann noch eine zweite Hygieneschleuse – und man befindet sich schließlich in einer zentralen Schaltstelle der Produktion: im Raum mit der sogenannten Handschuhbox.

In diesem verglasten Edelstahlkasten befindet sich bereits das zähflüssige, nahezu hundertprozentig reine Dronabinol. „In der Box ist kein Sauerstoff, sondern ein Schutzgas enthalten“, verrät Rutz. Wäre dem nicht so, würde das Dronabinol oxidieren. Und das soll es nicht. Klingt ein wenig nach Science-Fiction – und sieht auch so aus.

Denn damit kein Sauerstoff an die Substanz herankommt, die Mitarbeiter das Dronabinol aber dennoch aus großen Glaskolben in kleine Spritzen umfüllen können, müssen sie mit ihren Armen in klobige, am Kasten befestigte Handschuhe schlüpfen. Erst dann können sie im Inneren des Kastens mit dem Wirkstoff präzise arbeiten. Schwerelosigkeit herrscht in dem Apparat jedoch nicht, auch wenn man es bei einem flüchtigen Blick vermuten könnte.

Bevor die Blüte aber verflüssigt ist, sind etliche Schritte notwendig. Zunächst muss das Cannabis im Labor getestet werden. Den hierzulande illegalen Medizinalhanf lässt Bionorica in Österreich von einem staatlichen Unternehmen produzieren. Jährlich werden aus den Hanfblüten in Neumarkt etwa sechs Kilo Dronabinol gewonnen. Bleibt die Frage nach der gelieferten Wirkstoff-Qualität. „Sie ist hoch. Wir können uns nicht beklagen“, hält sich Rutz bedeckt und lächelt zufrieden.

Kein gefährlicher Bösewicht

Ist im Labor die notwendige Qualität bestätigt, wandern die Blüten zusammen mit diversen Lösungsmitteln in einen länglichen Edelstahltank – den sogenannten Cannabis-Extraktor. Was im ersten Moment nach einem gefährlichen Bösewicht aus einem Comic klingen mag, ist in Wirklichkeit harmlos. Hier wird lediglich extrahiert, also der Wirkstoff durch die beigemischten Flüssigkeiten herausgelöst.

Weil das Stoffgemisch aber noch lange nicht rein genug ist, landet es im Chromatographen, wo es weiter aufbereitet wird. Ist dieser Schritt abgeschlossen, beginnt die Phase der Destillation. In den Räume im ersten Stock des Produktionsgebäudes finden sich zahlreiche Destillatoren – in großer und kleiner Ausführung.

Wenn der Destillationsprozess abgeschlossen ist, kommt wieder ein wenig Science-Fiction in Form der Handschuhbox ins Spiel. Ist die vom Labor getestete Qualität des nun braun-gelblichen Dronabinols wie gewünscht, wird es aus den großen Glaskolben in die Spritzen gebracht.

Danach geht es ins Erdgeschoss, in den Hochsicherheitsbereich, in den Tresorraum. „Hier gelangt man immer nur zu zweit hinein“, verrät Andreas Rutz. Deshalb ist auch seine Kollegin Tonka Nakic dabei. Einer der beiden bedient den Chipcode, der andere tippt, vom Kollegen unbeobachtet, den Zifferncode ein. Erst dann öffnet sich die Tür.

Nakic weiß: „Bei der Eingabe hat man drei Versuche, ist der Code jeweils falsch, wird Alarm bei der Polizei ausgelöst.“ Im Tresorinneren wachen Kameras und Bewegungsmelder stumm über die klinische Szenerie.

Die Klimaanlage schnauft leise. Sie wirbelt einen Lufthauch durch den hell ausgeleuchteten Raum. Es riecht nach Cannabis.

Von der Hanfblüte zum flüssigen Schmerzmittel

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