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200 Bewerbungen – kein Job in Aussicht

Seit zehn Jahren sucht Monika N. aus Neumarkt eine Arbeit. Inzwischen ist sie 49 und befürchtet, wegen ihres Alters aussortiert zu werden.
von Bettina Dennerlohr

  • Seit Monika N. wegen einer schweren Krankheit aufhören musste zu arbeiten, findet sie nicht mehr in die Arbeitswelt zurück. Foto: Murat
  • Der Ein-Euro-Job im Leb-mit-Laden gibt Monika N. Halt (Symbolbild). Foto: hd

Neumarkt.Monika N. (Name geändert) wirkt auf ihr Umfeld vollkommen unauffällig. Zumindest vermutet sie das: Die Neumarkterin hat einen geregelten Tagesablauf, verlässt das Haus immer zur gleichen Zeit und kehrt erst nach mehreren Stunden von der Arbeit zurück. Allerdings ist Monika N., deren Stimme so fröhlich wirkt, bereits seit zehn Jahren arbeitslos. Ihre Beschäftigung ist kein regulärer Arbeitsplatz, sondern ein Ein-Euro-Job im Leb-mit-Laden.

An mangelnder Bildung liegt das freilich nicht: Monika N. hat nach der Schule Bürokauffrau gelernt und Zusatzqualifikationen erworben. Wegen einer längeren, schweren Krankheit musste sie vor einigen Jahren ihren Arbeitsplatz aufgeben. Danach fand sie den Weg zurück ins Berufsleben nicht wieder, sondern geriet in eine Art Kreislauf der Langzeitarbeitslosigkeit.

Eine schwere Erkrankung im Lebenslauf und einige Jahre Arbeitslosigkeit machen die Jobsuche immer komplizierter. Dazu kommt das Alter: Monika N. steht kurz vor ihrem 50. Geburtstag. „Wenn man wie ich stramm auf die 50 zugeht, ist das für die meisten Betriebe ein Ausschlusskriterium“, vermutet sie. Als Grund findet sich das zwar in keiner Absage, die meist einem vorgefertigten Standardmuster entspreche. Im persönlichen Gespräch sei es ihr aber schon öfter durch die Blume mitgeteilt worden, dass ihr Alter der wahre Grund für die Ablehnung sei, sagt Monika N.

Hoffnung bei jeder Bewerbung

„Das ist das, was mich wirklich enttäuscht: Ich habe nie die Chance, einen persönlichen Eindruck zu hinterlassen“, sagt die Neumarkterin. Trotzdem ist die Hoffnung jedes Mal mit dabei, wenn sie eine Bewerbung in den Briefkasten steckt. Zum Probearbeiten oder wenigstens zu einem Bewerbungsgespräch möchte Monika N. eingeladen zu werden.

Dann, so hofft sie, könnte sie die Verantwortlichen mit ihren Qualitäten überzeugen. Die liegen nicht nur im fachlichen Bereich, findet sie: „Ich habe über die Jahre viel Lebenserfahrung erworben und bin gelassener als eine junge Frau, die gerade erst von der Schule kommt. Außerdem liegt die schwierige Phase der Familienplanung auch schon hinter mir.“ Doch bisher lag nie eine Einladung im Briefkasten – obwohl Monika N. schätzt, inzwischen etwa 200 Bewerbungen geschrieben zu haben.

Die Stellen und Firmenadressen habe sie sich immer in Eigenregie besorgt, erzählt sie. Vom Jobcenter seien über all die Jahre nur Angebote gekommen, die nicht zu ihrer Qualifikation passen, fügt sie etwas enttäuscht an: „Überspitzt gesagt, macht es ja keinen Sinn, wenn ich mich als Bürokauffrau auf eine Stelle als Automechaniker bewerbe.“ So habe sie sich mehrmals für Buchhaltungsaufgaben bewerben sollen, die allerdings über ihrer Qualifikation liegen, sagt Monika N.

Bürokratie fehlt der Sinn

Trotzdem wisse sie, dass viele andere Langzeitarbeitslose so verfahren: Sie bewerben sich auf Arbeitsplätze, die für sie gar nicht geeignet sind, weil das Jobcenter eine gewisse Zahl an Bewerbungen pro Monat vorschreibt. „Damit ist aber niemandem gedient – und für die Personaler ist es auch ärgerlich.“ Ihr Fazit: Ohne Eigeninitiative finden Langzeitarbeitslose nicht aus ihrer Situation heraus – sich allein auf das Jobcenter zu verlassen, reiche nicht aus. „Aber es ist klar, dass man auch Eigeninitiative zeigen muss“, sagt Monika N.

Dennoch geht die 49-Jährige mit der Behörde, in der sie wie alle Hartz-IV-Empfänger offiziell als „Kundin“ bezeichnet wird, hart ins Gericht. „Die Sinnhaftigkeit ist in Vielem nicht da“, findet sie. Die Qualifizierungsmaßnahmen, deren Teilnehmer für die jeweilige Dauer nicht in die Arbeitslosenstatistik eingerechnet werden, seien oft nicht zielführend. Sie kenne etwa einen Mann persönlich, der ganz dem Klischee entspreche: Fünfmal habe ihn das Jobcenter bisher den Staplerschein machen lassen – er habe auch fünfmal bestanden. Ebenso oft habe sie selbst ein Bewerbungstraining absolviert, obwohl die Inhalte immer wieder die gleichen seien.

Manchmal fühlt sie sich „verräumt“

Überhaupt ist es das Ausgeliefertsein, das Monika N. zu schaffen macht. „Ich bin eigentlich nicht arbeitslos, sondern vollbeschäftigt mit dem Jobcenter“, sagt sie und lacht. Denn in den Qualifizierungsmaßnahmen, die die Sachbearbeiter für sie einplanen, fühlt sie sich oft einfach nur verräumt: „Da heißt es beispielsweise erst, dass sich eine Fortbildung nur an Menschen mit abgeschlossener Ausbildung richtet. Dann sitzen fünf oder sechs ohne Lehre drin, und dementsprechend senkt sich das ganze Niveau des Kurses nach unten. Davon hat am Ende niemand was.“

Auch an klaren Informationen fehle es ihr oft. „Rufe ich an drei Tagen an, kriege ich von drei Mitarbeitern drei unterschiedliche Aussagen.“ Das gelte allerdings nicht für alle Sachbearbeiter, betont sie ausdrücklich: „Einige begegnen einem mit der richtigen Portion Menschlichkeit und versuchen wirklich, zu helfen wo sie können – aber die sind leider in der Unterzahl.“

Auch ihre momentane Beschäftigung als Ein-Euro-Kraft ist für Monika N. ein zweischneidiges Schwert. Einerseits freut sie sich über die Beschäftigung, die ihr Halt und ihrem Tag Struktur gibt. Alles was sie unter 120 Euro verdient, kann sie zusätzlich zum Hartz-IV-Satz behalten, den ihr das Amt überweist. Dafür sortiert sie die verschiedenen Waren im Laden, hilft dabei sie zu verkaufen Verkauf oder abzuholen.

Doch das ist nicht ihr erster Ein-Euro-Job – und keiner hat sie in dauerhafte Arbeit gebracht, sagt Monika N. Nach zwei Jahren am Stück müssen die Kräfte pausieren. „Eigentlich wollte der Gesetzgeber damit erreichen, dass die Einrichtungen die Person fest einstellen. Aber die würden sich damit ins eigene Fleisch schneiden. Schließlich rückt ja ein neuer Ein-Euro-Jobber nach“, beschreibt sie das Dilemma, das sie sieht.

Der Traum vom Probearbeiten

Verzweifelt ist Monika N. trotzdem nicht. Sie lacht viel und spricht über ihre Arbeitslosigkeit, ohne frustriert zu wirken. „Mit meiner momentanen Situation habe ich meinen Frieden gemacht und versuche nur noch, nach vorne zu schauen“, fasst sie ihr Lebensmotto zusammen. Träume hegt sie aber dennoch – nicht nur von einer passenden Anstellung: „Schon einmal zum Probearbeiten eingeladen zu werden, wäre für mich wunderbar.“

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