MyMz
Anzeige

Das Kriegsende war eine Befreiung

Am 22. April 1945 war in Neumarkt der Krieg vorbei. Für Hunderte Zwangsarbeiter war es die Erlösung aus einem Martyrium.
von Wolfgang Endlein

  • Das Zwangsarbeiterlager in Wolfstein: Oben links sieht man den Lagertrakt, der als sogenannte „reine Seite“ bezeichnet wurde. Rechts davon ist die „unreine Seite“ samt Entwesung, wo die Gefangenen entlaust wurden. Daran schließt sich links die Verwaltung an. Unten rechts sieht man die Erweiterung.Fotos: Stadtarchiv/Endlein
  • Hanns Obermüller, einst Stadtwerke-Direktor und Landesgartenschau-Organisator, erlebte das Ende des Zweiten Weltkrieg in Neumarkt als 16-Jähriger. Foto: Archiv

Neumarkt.Der 22. April 1945 ist ein Sonntag. Mit der Sonntagsruhe ist es aber nicht weit her. Noch immer fallen Schüsse in Neumarkt. Immerhin, es werden die letzten des Zweiten Weltkrieges in der Stadt sein. Im Verlauf des Tages ziehen sich die letzten deutschen Soldaten nach Süden zurück. Die US-Army rückt nach. Der Krieg ist in Neumarkt vorbei.

Gerade die letzten Kriegstage (18. bis 22. April), geprägt vom sinnlosen Verteidigungskampf einiger SS-Verbände, haben die schweren Zerstörungen gebracht. Viele Bewohner der Altstadt stehen danach vor den Trümmern ihrer Häuser. Hunderte andere, unfreiwillige Bewohner Neumarkts hatten hingegen überhaupt nichts mehr zu verlieren – außer ihr Leben. Für die Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter bedeutet der 22. April das Ende eines langen Martyriums.

Millionen von Zwangsarbeitern

Der Hunger Nazi-Deutschlands nach Arbeitskräften war während des Krieges immens. Rund 9,5 Millionen Zwangsarbeiter und hunderttausende KZ-Häftlinge hielten die deutsche Wirtschaft im Verlauf des Krieges am Laufen, während die deutschen Männer an der Front kämpften. Auch Neumarkt war Teil dieser menschenverachtenden Maschinerie.

Das Zwangsarbeiterlager in Wolfstein: Oben links sieht man den Lagertrakt, der als sogenannte „reine Seite“ bezeichnet wurde. Rechts davon ist die „unreine Seite“ samt Entwesung, wo die Gefangenen entlaust wurden. Daran schließt sich links die Verwaltung an. Unten rechts sieht man die Erweiterung.
Das Zwangsarbeiterlager in Wolfstein: Oben links sieht man den Lagertrakt, der als sogenannte „reine Seite“ bezeichnet wurde. Rechts davon ist die „unreine Seite“ samt Entwesung, wo die Gefangenen entlaust wurden. Daran schließt sich links die Verwaltung an. Unten rechts sieht man die Erweiterung.Fotos: Stadtarchiv/Endlein

Allen voran die 1942 als sogenanntes Durchgangslager für ausländische Arbeitskräfte errichtete Einrichtung in Wolfstein steht dafür. Rund 128 000 Menschen sollen das Lager im Verlauf der Kriegsjahre durchlaufen haben, berichtet Renate Bierschneider in ihrer 1999 verfassten Facharbeit zum Durchgangslager. Größtenteils wurden sie von dort auf ihre Einsatzorte verteilt, 1548 Menschen verließen das Lager jedoch nie mehr. Sie starben dort – darunter 287 Kinder.

Dr. Elisabeth Fuchs erlebte persönlich die Verhältnisse im Kriegsgefangenenlager in der Mühlstraße. Foto: Archiv
Dr. Elisabeth Fuchs erlebte persönlich die Verhältnisse im Kriegsgefangenenlager in der Mühlstraße. Foto: Archiv

Neben kleineren Zwangsarbeiterlagern bei den Expresswerken und am Bahnhof waren Hunderte in der ehemaligen Papierfabrik in der Mühlstraße untergebracht. „Es war schrecklich. Ich kann es bis heute nicht vergessen“, sagt Dr. Elisabeth Fuchs. Die damals frisch von der Universität nach Neumarkt gekommene Medizinerin musste im Auftrag der US-Amerikaner einige Tage nach der Kapitulation sich ein Bild von der Lage in dem Gebäude machen.

„Ich war damals erst seit Kurzem in Neumarkt und wusste nicht, dass es dort überhaupt ein Lager gibt“, erinnert sich Fuchs. Was sie erwartete, damit hatte sie noch weniger gerechnet. Die Lage war katastrophal. Bis unter das Dach sei die Fabrik mit vor allem russischen Gefangenen belegt gewesen. „Die Menschen waren ganz abgemagert.“ 221 Menschen, die im Verlauf der Kriegsjahre in der Papierfabrik untergebracht waren, starben.

Auch in der ehemaligen Papierfabrik in der Mühlstraße waren einst Kriegsgefangene einquartiert.
Auch in der ehemaligen Papierfabrik in der Mühlstraße waren einst Kriegsgefangene einquartiert.

Auch im großen Lager Wolfstein dürfte die Versorgungslage schlecht gewesen sein. Bierschneider schreibt in ihrer Arbeit von slowenischen Häftlingen, die über die Rationen berichteten. So habe jeder Häftling am Morgen Tee und 200 Gramm Brot bekommen. Die tägliche Ration für Kinder hat demnach aus zwei weißen Brötchen und einem Viertel Liter Milch bestanden.

Angst vor „Ostarbeitern“

Kein Wunder also, dass die Lagerinsassen sich, als der Krieg vorbei war, vor allem auf die Suche nach Lebensmitteln machten. Mit dem 22. April gab das US-Militär nämlich die Stadt zur Plünderung frei. Zuerst für die Soldaten, in den darauffolgenden Tagen für die Insassen der Lager.

Nach dem 22. April 1945 war die Stadt für einige Tage zur Plünderung freigegeben.
Nach dem 22. April 1945 war die Stadt für einige Tage zur Plünderung freigegeben.

Hanns Obermüller erinnert sich noch, wie er als damals 16-Jähriger gemeinsam mit seinem Großvater als erste Familienmitglieder in das Haus in der Frankengasse zurückkehrte. „Die Scheiben waren eingeschlagen“, berichtet der ehemalige Stadtwerke-Direktor. Obermüllers Großvater rief in das Haus hinein, woraufhin drei Männer aus dem Haus kletterten. Offenbar „Ostarbeiter“. „Die Angst, die meinen Großvater und mich befiel, war aber unnötig. Man fragte Großvater: ,Dein Haus?’ Und als er bejahte, zogen die Männer ohne jegliche Aggressivität fort.“

Auch Heimatforscher Hans Georg Hirn erlebte, wenn auch als damals Vierjähriger, die Plünderung. Von seiner Mutter erfuhr er später, dass die elterliche Wohnung schwer zerstört war. Außerdem habe seine Mutter davon berichtet, dass auch Deutsche sich an den Plünderungen beteiligt hätten.

Beide, Hirn wie Obermüller, ist nichts bekannt von schwereren Zusammenstößen von Deutschen und Zwangsarbeitern. Erstaunlich, bedenkt man, was diese Menschen durch Deutschland widerfahren war.

Hingegen berichtet Bierschneider von einem Zwischenfall, bei dem mehrere Schwestern bei ihrer Rückkehr auf Zwangsarbeiterinnen trafen und versuchten, den Frauen das geplünderte Gut wieder abzunehmen. Diese warfen daraufhin mit Steinen nach den Nonnen. Immerhin, es waren Steine und keine Kugeln mehr. Der Krieg war vorbei.

Erinnerungsstätten in Neumarkt

  • Kriegsgräbergedenkstätte:

    1942 ging das Zwangsarbeiterlager Wolfstein in Betrieb. Von da an wurden die Toten auf einem Friedhof im Föhrenweg bestattet. Später wurden hierher Kriegsopfer, die zuvor in 300 bayerischen Gemeinden in provisorischen Gräber bestattet waren, umgebettet. 1966 wurde eine offizielle Kriegsgräberstätte eingerichtet.

  • Lagermahnmal:

    An das Arbeiterlager Wolfstein erinnert seit 2005 ein Friedenskreuz aus dem Holz der Lagerbaracken in der Wolfsteinstraße. Seit 2010 informiert zudem ein Bronzerelief über das Aussehen des Lagers.

Zwangsarbeiter in Neumarkt

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht