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Ausstellung

Die blaue Schwalbe mutiert zur Boa

Der Lothar-Fischer-Preisträger Stefan Rohrer zeigt ab Sonntag seine Sicht der Dinge – und macht dabei Neumarkt unsicher.
Von Florian Sendtner, MZ

Kunst im öffentlichen Raum: Stefan Rohrer und seine um einen Laternenmast gewickelte Schwalbe in Neumarkt.
Kunst im öffentlichen Raum: Stefan Rohrer und seine um einen Laternenmast gewickelte Schwalbe in Neumarkt. Foto: Sendtner

Neumarkt.Brrroooaaarrr!!! Ööööön!!! Tacktacktacktacktacktack!!! Im Museum Lothar Fischer in Neumarkt ist es streng genommen mucksmäuschenstill, und doch hört jeder, der den wunderbaren Bau betritt, sofort ohrenbetäubenden Motorenlärm. Denn der Lothar-Fischer-Preisträger Stefan Rohrer ist mit seinen Skulpturen eingezogen, mit seinen futuristisch-furiosen Fahrzeugen.

Phantastisch de- und rekonstruierte Karosserien, ein roter Roller, der einen doppelten Salto in sich selbst hinlegt, ein blauer Flitzer (Rohrer: „eine Art Scirocco“), dessen Einzelteile sich im Geschwindigkeitsrausch verselbstständigen und davonrasen. Modellautos, von denen nur das Hinterteil übriggeblieben ist, das Vorderteil verschwindet in sprühend auseinanderströmenden Fahrbahnstrahlen, an deren Enden sich der wie von einem Schleudersitz hinauskatapultierte Fahrer findet.

Seit die Futuristen vor hundert Jahren Hymnen auf die „Schönheit der Schnelligkeit“ dichteten (Filippo Tommaso Marinetti 1909), malten und formten (Umberto Boccioni, zu sehen auf dem italienischen 20-Cent-Stück), ist diese Idee nicht mehr so mustergültig und formvollendet verwirklicht worden wie bei Stefan Rohrer. Und so ironisch sowieso nicht. Denn bei Stefan Rohrer ist der Rausch der Geschwindigkeit immer doppeldeutig, die Hingabe an die rasenden Vehikel zwiespältig. Zum Beispiel „Vespa“: der spektakuläre doppelte Salto, den der rote Roller vollführt, kann als Ausdruck eines unbändigen Freiheitsgefühls gesehen werden, das einem das Gefährt gibt. Und gleichzeitig steckt im Salto natürlich auch der Unfall, der Crash, Verletzung und Tod.

Dreidimensionale Comics

Stefan Rohrer sieht seine Kunstwerke als „dreidimensionale Comiczeichnungen“, die für ihn durchwegs ambivalent „tragikomisch“ sind. Das ganze Unheil, das die Mobilität mit sich bringt, wie es etwa Heathcote Williams in seinem „Autogeddon“ drastisch besingt – „dieser Punkt interessiert mich schon“, sagt Stefan Rohrer. „Aber das soll natürlich kein Zeigefinger sein.“

Im Vordergrund steht auch eindeutig das Komische, das Phantastische, das Comic- und Poparthafte. Der Höhepunkt der Ausstellung ist gar nicht im Museum, sondern mitten in der Stadt. „Bluebird“, eine blaue Schwalbe, wickelt sich an der großen Kreuzung am Unteren Tor spektakulär um einen Laternenmast. Passanten stehen staunend drumherum. Das Hinterteil des Mopeds, das in der DDR gebaut wurde und heute noch sehr beliebt ist (im Westen noch mehr als im Osten), steht ganz normal auf dem Boden, doch dann dehnt und streckt sich der Rahmen meterlang nach vorn, um sich schließlich wie eine Boa um den Laternenmast zu winden. Das Vorderrad kommt dabei abhanden, der Lenker macht sich selbstständig, der Scheinwerfer zeigt schräg nach oben in den Himmel.

So sieht Stefan Rohrer seine röhrenden Skulpturen am liebsten: „Nicht auf dem Sockel im Museum, sondern als Alltagsgerät dort, wo sie hingehören.“ Auch Museumschefin Pia Dornacher ist von der Schwalbe an der Kreuzung ganz begeistert: „Man hat den Eindruck, dass das Moped gerade um die Ecke knattert, von der Fahrbahn abkommt und sich um den Laternenmast wickelt.“

Anknüpfungspunkte en masse

Was hat das alles mit Lothar Fischer zu tun? Mehr, als man denkt. Pia Dornacher erinnert etwa an die Skulptur „Spur-Bau“ der Gruppe Spur von 1963, die im Münchner Lenbachhaus zu sehen ist. Aber auch im Museum Lothar Fischer sind Anknüpfungspunkte en masse zu sehen, angefangen vom BMW-Straßenkreuzer aus bemaltem Ton von Lothar Fischer (1966) bis zu einer Serie schwarzweißer Pop-artbilder von Uwe Lausen.

Stefan Rohrer ist also ein denkbar legitimer Lothar-Fischer-Preisträger. Seine eigenhändig mit Flex und Blechbiegemaschine hergestellten Blech- und Chromskulpturen pfeifen auf die traditionellen Regeln der Bildhauerei und frönen ästhetisch und programmatisch dem Futurismus und der Moderne. Eine schwindelerregend schöne, eine phantastisch-bombastische Schau.

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