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Die Menschen hinter den Hartz-IV-Gesetzen

Die Regeln und Vorschriften zum Arbeitslosengeld II füllen mehrere Bände. Sie umzusetzen ist die Aufgabe des Jobcenters.
von Bettina Dennerlohr

Wer länger als ein Jahr keine Arbeit hat und als bedürftig gilt, muss seine Unterlagen beim Jobcenter einreichen.
Wer länger als ein Jahr keine Arbeit hat und als bedürftig gilt, muss seine Unterlagen beim Jobcenter einreichen. Foto: Dennerlohr

Neumarkt.Krank oder alleinerziehend – das sind die großen Risikofaktoren, um im Landkreis arm zu werden, sagt Gisela Lindemann-Kirsch, Teamleiterin beim Jobcenter in der Dr.-Grundler-Straße. Sie und ihre Kollegen erleben das in ihrem Arbeitsalltag hautnah, denn Bezieher von Arbeitslosengeld II müssen hier vorstellig werden. Wessen Antrag bewilligt wird, der ist seit länger als einem Jahr arbeitslos und hat keine Mittel, um seinen Lebensunterhalt aus eigener Kraft zu bestreiten. „Die Zahl unserer Kunden hat sich in den vergangenen Jahren gewaltig zurückentwickelt“, sagt Lindemann-Kirsch. Etwas mehr als 1000 Bedarfsgemeinschaften betreut das Jobcenter derzeit. Dem Arbeitsmarkt im Landkreis geht es gut – übrig bleiben diejenigen, die es besonders schwer haben.

Kranke Menschen haben es schwer

„Die Menschen, die zu uns kommen, sind zum Großteil gesundheitlich angeschlagen“, sagt Lindemann-Kirsch. Dazu zählen Menschen mit Suchtproblemen, psychischen Erkrankungen oder körperlichen Beschwerden. In den Unterlagen finden 319 Menschen, die ein Alkoholproblem haben, unter Betreuung stehen, psychisch krank sind, schwerbehindert oder an einem Substitutionsprogramm teilnehmen. Besonders schwer zu vermitteln sind Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen nur Teilzeit arbeiten oder eine leichte Tätigkeit ausüben können: „Nur vier bis sechs Stunden am Tag, leichte Tätigkeiten, kein Stress, kein schweres Heben, kein Bücken“, beschreibt Lindemann-Kirsch. Gleich mehrere solcher Arbeitsplätze könnte sie brauchen, doch zu finden sind die so gut wie nicht, sagt sie: „Gesucht werden nun mal Fachkräfte. Menschen mit Einschränkungen haben es da sehr schwer.“ Gerade Menschen mit Drogenproblemen hätten es sehr schwer, auf den ersten Arbeitsmarkt zu finden. Das erfordere gute Begleitung durch die Suchtberatung und die Integrationsfachkraft.

Auch die Alleinerziehenden haben Probleme, einen Arbeitsplatz zu ergattern. 305 betreut das Jobcenter aktuell. Am Willen mangelt es den wenigsten, sagt Lindemann-Kirsch – dafür aber entschieden an der Kinderbetreuung. Vielen fehle das persönliche Netzwerk, noch dazu stehen die Großeltern heute oft noch selbst im Berufsleben und können die Enkel kaum betreuen. „Die Kommunen haben in letzter Zeit viel getan. Nur fehlt es noch an einer bezahlbaren Ferienbetreuung für alleinerziehende Frauen“, sagt Lindemann-Kirsch. Denn die Alleinerziehenden, die von Hartz IV leben, sind im Landkreis Neumarkt ausschließlich weiblich.

Sie und alle anderen müssen sie im Jobcenter viel Persönliches darlegen. Nur so könne geprüft werden, ob jemand bedürftig ist, sagt Lindemann-Kirsch. Die Finanzen müssen ebenso komplett offengelegt werden wie die Lebenssituation und jegliches Eigentum, sei es Auto, Wohnung oder Haus. Falls sich daran etwas ändert, müssen es die Betroffenen unaufgefordert melden. Darüber hinaus werden alle sechs Monate Unterlagen wie Kontoauszüge neu angefordert. „Ich verstehe, dass das manche als überflüssig oder Gängelung empfinden – aber das Gesetz schreibt es uns so vor“, sagt Lindemann-Kirsch.

Alle Bestimmungen rund um Langzeitarbeitslosigkeit sind nicht nur detailliert festgelegt, sondern füllen auch dicke Bände: „Die Gesetzeslage rund um Hartz IV ist sehr kompliziert“, sagt Lindemann-Kirsch. Mehrere Monate dauert es in der Regel, sich darin einzuarbeiten. Die Arbeitsvermittler haben in der Regel einen Studienabschluss und sich mehrere Monate für ihre Tätigkeit weitergebildet. Außerdem gibt es im Jobcenter außer Lindemann-Kirsch drei zertifizierte Fallmanager. Zu ihren Aufgaben gehört es beispielsweise, sich intensiv um die Wiedereingliederung zu kümmern. Dazu gibt es verschiedene Förderungen aus dem Vermittlungsbudget, um auch finanziell zu unterstützen.

Wer sich beim Jobcenter meldet, bekommt nicht nur einen dicken Stapel Formulare und Merkblätter, sondern auch einen Termin beim Arbeitsvermittler. Dort wird geklärt, was es braucht, um den Sprung zurück auf den Arbeitsmarkt zu schaffen. Für einige Menschen setzt das Programm aber schon eine Stufe vorher an, sagt Lindemann-Kirsch: „Viele kommen hierher und haben nicht einmal einen Lebenslauf geschweige denn eine Bewerbung.“ Dann werden die Unterlagen in einem Kurs aufgearbeitet. Schließlich müssen sich Bezieher von Arbeitslosengeld II verpflichten, eine gewisse Anzahl an Bewerbungen pro Monat zu verschicken. Die Arbeitsvermittler sind auch angehalten, zu klären, warum es mit einer Beschäftigung bisher nicht klappt. Oft stoßen sie dabei auf tiefergehende Probleme, sagt Lindemann-Kirsch: „Da ist alles dabei – von häuslicher Gewalt und Trennung bis zu Spielsucht.“

Ungewissheit und Existenzangst

Dementsprechend sind die Menschen oft seelisch angeschlagen oder in einem Ausnahmezustand, sagt Lindemann-Kirsch. Schließlich kommen zu bisherigen Problemen nun die Angst um die Existenz, die Ungewissheit, und die unangenehme Situation, sehr persönliche Dinge vor Fremden ausbreiten zu müssen. „Das ist für beide Seiten nicht leicht. Darum gibt es regelmäßig Supervisionen – die braucht man auch“, sagt Lindemann-Kirsch.

Auch das Selbstbewusstsein der Menschen ohne Arbeit leidet, hat sie festgestellt.  Gerade Menschen, die bisher immer einen Job hatten, fühlen sich oft nicht gebraucht, sagt sie. Dabei ist das Alter alleine kaum mehr ein Grund, in Hartz IV zu rutschen, sagt Lindemann-Kirsch. Nicht nur wegen des Fachkräftemangels stellten Firmen gerne ältere Arbeitnehmer ein, die mit Erfahrung punkten können. Schwierig sei es vor allem oft für die, die nach der Lehre jahrzehntelang im gleichen Unternehmen gearbeitet haben. „Vor einigen Jahren haben ja mehrere große Betriebe in Nürnberg geschlossen. Deren langjährige Angestellte hat das Ende schwer getroffen“, sagt Lindemann-Kirsch. Denn, so lautet ihre Erfahrung: „Wir leben in einer Gesellschaft, die sich zu großen Teilen über die Arbeit definiert.“

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