MyMz
Anzeige

Für alle Katastrophen wurde schon geübt

Obwohl der Kreis Neumarkt nicht neben einem AKW liegt, steht fest, was im Notfall passiert – das gilt auch bei Anschlägen.
Von Lothar Röhrl

  • An allen Häusern der Stützpunktfeuerwehren im Landkreis können alle, die noch keine 45 Jahre alt sind, die Kaliumjodid-Tabletten bekommen, die bei einem Unfall in einem nahen AKW ausgegeben werden. Foto: Regner
  • Tschernobyl liegt in der Ukraine.

Neumarkt.Es gibt kaum eine in unseren Breiten mögliche Katastrophe der Zukunft, für die es jetzt nicht schon Pläne gibt. Und kaum eine, die nicht schon einmal Thema einer Übung gewesen ist. Damit ist beispielsweise 30 Jahre nach der Katastrophe im Atomkraftwerk von Tschernobyl klar, was sich alles bei einem ähnlichen Unglück in den nur teils schon abgeschalteten Atomkraftwerken (AKW) von Ohu bei Landshut, Grundremmingen bei Ulm, Grafenrheinfeld bei Schweinfurt und vor allem im tschechischen Temelin im maximal nur 230 Kilometer Luftlinie davon entfernten Kreis Neumarkt tun würde.

Lesen Sie mehrHier geht es zum Interview mit dem Radio-Cäsium-Messer Michael Mohr aus Neumarkt: „Überall im Kreis Überschreitungen“

Bundeswehr ist mit im Boot

Die große Schaltstelle im Fall der Fälle wäre das Landratsamt. Stefan Berner, Leiter des Sachgebiets „Sicherheitsangelegenheiten“, stellte zum Szenario eines Störfalls im 100 Kilometer Luftlinie entfernten AKW Isar 2 von Ohu fest, dass die Verteilung von Kaliumjodid-Tabletten an alle Kreisbürger bis zum 45. Lebensjahr schon geregelt ist. Diese Tabletten sollen verhindern, dass der Körper radioaktives Jod aufnimmt. Vom Zentrallager in Roding würden Hubschrauber die Tablettenmengen unter anderem nach Parsberg fliegen. Von dort würden Feuerwehr und Technisches Hilfswerk die Tabletten zu allen Feuerwehrhäusern und THW-Stationen bringen, wo sie an die Bevölkerung ausgegeben werden.

Die Karte zeigt die Zonen um bestehende Atomkraftwerke

Weil der Landkreis Neumarkt auch von drei Autobahnen und zwei wichtigen Eisenbahnstrecken mehr oder weniger deutlich tangiert wird, kommt er als Aufnahmebereich für all jene Menschen in Betracht, die aus beiden, bis zu 20 Kilometer von einem Kraftwerk entfernt liegenden Zonen evakuiert werden müssen. Dann kommt die Bundeswehr ins Spiel, die in jedem Landkreis über das „Kreisverbindungskommando“ mit den zivilen Stellen der Katastrophenhilfe vernetzt ist. Dessen Leiter im Kreis Neumarkt ist Werner Thumann. Den Oberstleutnant der Reserve kennen die meisten Bürger aus seiner Funktion als Geschäftsführer des Landschaftspflegeverbandes her. Er berichtete unserer Zeitung, dass laufend geübt oder zumindest durchgespielt werde, wie die Bundeswehr mit ihren Transportkapazitäten bei einer Evakuierung und dem dann nötigen Einrichten von Notunterkünften in Turnhallen zum Einsatz komme. Auch für das Einrichten von Behelfskrankenhäusern sei sie dann zuständig. Über den notwendigen Vorrat an Medikamenten verfüge die Bundeswehr, betonte Thumann. Und zudem habe sie einen ABC-Abwehrtrupp.

Die interaktive Grafik erklärt die neue Schutzhülle für die Atomruine Tschernobyl

Szenario Stromausfall

Im Zeitalter des Terrorismus spielen auch die Folgen größerer Anschläge eine zunehmende Rolle bei den Überlegungen der Katastrophenschützer: Etwa, wenn wegen einer Attacke ein mehrere Tage dauernder Stromausfall zu erwarten ist. Weil es fast keine Tankstelle mehr gibt, bei der trotz Stromausfalls die Versorgung mit Treibstoff weiter funktioniert, sind in diesem Fall Feuerwehren und Bundeswehr etwa mit Notstromaggregaten oder ihren Tankfahrzeugen gefordert. Heuer werden laut Stefan Berner im Landkreis Neumarkt die Lücken beim Verfügen über solche Aggregate geschlossen. Eine davon ist das Landratsamt selbst.

Umweltradioaktivität in Bayern im Vergleich

- Messzeitraum 1.5. bis 2.6.1986: In den ersten zwei Wochen nach Durchzug der radioaktiven Wolke von Tschernobyl (Vom Bayerischen Landesamt für Umwelt erhobene Daten; 484 Einzelwerte)

- Messzeitraum 19.9 bis 18.11.2003: Siebzehneinhalb Jahre nach der Reaktorkatastrophe (Von Umweltingenieuren der Kreisverwaltungsbehörden erhobene Daten; 1186 Einzelwerte)

Mehr zum Thema:

Am 26. April 1986 ereignete sich in Tschernobyl einer der schwersten Atomkatastrophen der Geschichte. Sämtliche Informationen zum Thema finden Sie in unserem Spezial.

Lesen Sie mehr: Nach der Katastrophe von Tschernobyl änderte sich vieles. MZ-Redakteure erinnern sich.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht