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Neumarkt
Dienstag, 25. September 2018 14° 1

MZ-Themenwoche

Grenzen aufzuzeigen, will gelernt sein

Ein Schutztraining im Neumarkter Rot-Kreuz-Kindergarten soll das Selbstbewusstsein der Buben und Mädchen früh stärken.
Von Bettina Griesbeck

In einem auf die Bedürftnisse von Kindern zugeschnittenen Schutztraining, lernte eine Gruppe des Neumarkter Rot-Kreuz-Kindergartens, wie man anderen zeigt: „Bis hier hin – und nicht weiter!“
In einem auf die Bedürftnisse von Kindern zugeschnittenen Schutztraining, lernte eine Gruppe des Neumarkter Rot-Kreuz-Kindergartens, wie man anderen zeigt: „Bis hier hin – und nicht weiter!“ Foto: Griesbeck

Neumarkt.Ein Chor an Kinderstimmen brüllt: „Stop, lassen Sie mich in Ruhe!“. Kleine Füße stampfen dabei laut auf den Boden. „Das könnt ihr aber noch besser“, sagt eine Frau, die im Sportraum des Rot-Kreuz-Kindergartens in Neumarkt im Kreis mit einer Gruppe von knapp 20 Mädchen und Jungen steht. Der Chor setzt wieder an – diesmal kreischen die Stimmchen noch ein wenig lauter und kraftvoller: „Stop, lassen Sie mich in Ruhe!“ Und die kleinen Füße stampfen dabei noch energischer auf den Boden. Die Frau ist KidsPro-Trainerin Julia Möstl und extra für ein Kinderschutztraining nach Neumarkt gekommen. Sie lächelt. Alle Blicke sind auf „Frau Julia“ gerichtet, wie sie sich während des Kurses nennt. Das schaffe Nähe, erklärt sie unserem Medienhaus.

Nachfrage für Schutztraining steigt

Eva, sechs Jahre, sagt: „Mir gefällt gut, was wir mit Frau Julia üben. Wir haben gelernt, laut zu schreien, wenn man Hilfe braucht.“
Eva, sechs Jahre, sagt: „Mir gefällt gut, was wir mit Frau Julia üben. Wir haben gelernt, laut zu schreien, wenn man Hilfe braucht.“ Foto: Griesbeck

„Jetzt versuchen wir es einzeln – ich gehe auf einen von euch zu und ihr zeigt mir, dass ich das nicht darf.“ „Frau Julia“ durchquert den Kreis und steuert direkt auf den sechsjährigen Christoph zu. Der zuckt erst etwas zusammen, hebt dann aber seine rechte Hand und schreit laut: „Stop, lassen Sie mich in Ruhe!“. Das sei sehr gut gewesen, lobt ihn „Frau Julia“. Ihr Lächeln verschwindet, ihre Stimme wird ernst. „Wenn euch jemand zu nahe kommt und ihr das nicht wollt, ist es wichtig, dass ihr ganz laut auf euch aufmerksam macht, damit andere Menschen sehen, dass ihr Hilfe braucht“, erklärt sie den Kindern. Die nicken.

Christoph, sechs Jahre, sagt: „Die Übungen sind toll. Morgen kommt Oma mit zum Kurs – dann zeige ich ihr, was wir gelernt haben.“
Christoph, sechs Jahre, sagt: „Die Übungen sind toll. Morgen kommt Oma mit zum Kurs – dann zeige ich ihr, was wir gelernt haben.“ Foto: Griesbeck

Julia Möstl ist staatlich anerkannte Erzieherin und arbeitete bis Februar 2011 in Erlangen in diesem Beruf. Für ihre siebenjährige Tochter suchte sie damals nach einem Selbstverteidigungskurs für Kinder. „Wenn Kinder etwas von Erwachsenen lernen, die nicht Mama oder Papa sind, ist das für sie schneller wahr, als wenn ich ihr etwas erkläre.“ Nach längerer Suche war sie im Internet auf KidsPro in Neufahrn gestoßen. „Dort wurde damals noch ein Trainer gesucht und ich entschloss mich, dort eine Ausbildung an der Kampfsportschule zu machen und sattelte dann beruflich um.“

Lernen, wie man sich im Erstfall verhält

Heute arbeitet Möstl selbstständig im Bereich Nürnberg für KidsPro. Die Nachfrage für das Schutztraining wachse und beginne bereits im Kindergarten, sagt Julia Möstl. „Die Kinder sind in dem Alter schon mal allein unterwegs, gehen beispielsweise zum Bäcker oder ein paar Straßen weiter die Oma besuchen – ihre Eltern wollen, dass sie früh lernen, wie sie sich im Ernstfall verhalten können.“

Hier finden Sie weitere Bilder des Kinderschutztrainings im Rot-Kreuz-Kindergarten:

Lucas, sechs Jahre, sagt: „Wir lernen was und wir spielen auch viel. Am besten hat mir die Übung mit den Schafen gefallen.“
Lucas, sechs Jahre, sagt: „Wir lernen was und wir spielen auch viel. Am besten hat mir die Übung mit den Schafen gefallen.“ Foto: Griesbeck

Seit 2013 trainiert Julia Möstl auch immer wieder Gruppen in Kindergärten. Bis zu den Sommerferien ist sie bereits ausgebucht, für das kommende Schul- und Kindergartenjahr gibt es schon zahlreiche Anfragen. In den Kursen vermittelt Julia Möstl den Kindern grundsätzlich, dass nicht jeder Fremde gleich ein Freund ist und man erstmal Distanz halten muss. „Die Kinder sollen so sensibilisiert werden, dass sie sich Fremde besser angucken, denn oft sehen sie jemand, finden den nett und schon ist es der beste Freund.“ In den Kursen lernen die Kinder, besser Acht zu geben.

Hier finden Sie ein Video des Kinderschutz-Trainings:

Kinderschutz-Training in Neumarkt

Spielerisch werden Fragen behandelt wie: Was tust du, wenn dir ein Fremder Süßigkeiten anbietet? Wie verhältst du dich, wenn jemand an der Haustüre läutet und du alleine bist? Was kannst du tun, wenn ein Bekannter dich gegen Deinen Willen berührt? Zwischen den Übungen und Erklärungen gebe es immer wieder Phasen, in denen die Kinder sich austoben können. „Kein Kind kann so lange am Stück aufmerksam sein.“

Auch die Eltern lernen etwas dazu

Felicitas, sechs Jahre, sagt: „Die Spiele sind schön. Ich habe gelernt, dass wir Bauchgefühl haben und auch darauf hören sollen.“
Felicitas, sechs Jahre, sagt: „Die Spiele sind schön. Ich habe gelernt, dass wir Bauchgefühl haben und auch darauf hören sollen.“ Foto: Griesbeck

Der Kurs geht drei Tage lang. „Am letzten Tag dürfen die Eltern oder Großeltern mitkommen – auch die lernen etwas“, sagt Möstl und schmunzelt, bleibt aber ernst. Als Beispiel nennt die Trainerin die „Sie-Personen“. Wenn ein Kind auf der Straße jemanden siezt, wissen außenstehende Passanten, dass es ein Fremder ist. „Die Eltern müssen das von ihren Kindern einfordern – wer ist Sie- und wer ist Du-Person.“ Solche Kleinigkeiten, seien vielen gar nicht bewusst.

Ziel der Kursangebote an Kindergärten und Schulen sei es, die Kinder zu stärken und selbstbewusst zu machen. Die Übungen wirken. Schüchterne Kinder tauen auf, ruhigere lernen, dass es gut sein kann, auch mal laut zu sein – und vor allem: Dass sie es können. „Ihr zeigt mir, wo euer persönlicher Schutzkreis anfängt“, sagt „Frau Julia“ zu den Kindern und geht auf die kleine Eva zu. „Stop“, ruft ihr die auf eine Armlänge Abstand laut entgegen.

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