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Neumarkt
Dienstag, 25. September 2018 14° 1

Entwicklung

Immer mehr Kinder psychisch auffällig

Dr. Werner Richter vom Gesundheitsamt Neumarkt erklärt, wo die Ursachen für diese Entwicklung liegen.
Von Eva Gaupp

  • Laut Studien weist in Deutschland etwa jedes fünfte Kind zwischen drei und 17 Jahren eine psychische Störung auf. Das trifft auch auf den Landkreis Neumarkt zu. Foto: Julian Stratenschulte
  • Dr. Werner Richter leitet am Gesundheitsamt Neumarkt das Sachgebiet kinder- und jugendärztlicher Dienst. Foto: Gaupp

Neumarkt.In Deutschland weist etwa jedes fünfte Kind zwischen drei und 17 Jahren eine psychische Störung auf. Eine erschreckend hohe Zahl, auf die unter anderem das Robert-Koch-Institut in seiner Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen (KIGGS) kommt. Den Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigung in Bayern zufolge mussten 5844 Kinder im Jahr 2013 aufgrund einer psychischen Erkrankungen stationär behandelt werden – das sind etwa 40 Prozent mehr als noch im Jahr 2000.

So entwickelt sich die Zahl der Patienten:

Die Zahlen ambulanter und stationärer Behandlungen von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Störungen steigen. Auch im Landkreis Neumarkt. „Wir stellen einen Trend nach oben fest“, bestätigt Dr. Werner Richter. Er leitet das Sachgebiet kinder- und jugendärztlicher Dienst am Neumarkter Gesundheitsamt und ist für viele Eltern eine erste Anlaufstelle, wenn sie merken, irgendwie verhält sich ihr Kind anders. „Wir behandeln nicht und stellen auch keine Diagnose, aber wir nehmen uns Zeit, und beraten Eltern wie Kinder, welche möglichen Hilfen es für sie gibt“, sagt der Mediziner.

„Manchmal sind Eltern sogar stolz darauf, wenn ihr Bub rebellisch ist. Aber das ist in diesem Alter nicht normal.“

Dr. Werner Richter

Eine zweite wichtige Aufgabe ist die Eingangsuntersuchung, der sich jedes Kind vor der Einschulung unterziehen muss. Bemerkt der 62-Jährige dabei psychische Auffälligkeiten, spricht er mit den Eltern und dem Kind und zeigt ihnen auch dann Wege auf. Nicht selten haben Eltern noch gar nicht festgestellt, dass sich ihr Kind nicht seinem Alter entsprechend verhält. „Manchmal sind Eltern sogar stolz darauf, wenn ihr Bub rebellisch ist. Aber das ist in diesem Alter nicht normal.“ Dieses oppositionelle Verhalten werde falsch als Selbstbewusstsein interpretiert.

Die Schuleingangsuntersuchung ist eine Chance, Auffälligkeiten herauszufiltern – um dann rechtzeitig präventiv zu handeln. „Es geht darum, Risiken zu erkennen“, sagt der Arzt für öffentliches Gesundheitswesen. „Ein schwieriges Kind hat ja meist auch Schwierigkeiten mit seinem Umfeld, mit Freunden. Es wird ausgegrenzt, isoliert sich.“ Die Probleme können sich ins Erwachsenenalter erstrecken, zu Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen führen.

Der Trend gehe jedoch dahin, nicht nur die Risiken auszumachen und sie zu minimieren, sondern gleichzeitig die Schutzfaktoren zu stärken. Anstatt den Fokus auf die Probleme zu setzen, wird das Kind über verschiedene Trainingskonzepte und Behandlungsmethoden befähigt, Konfliktsituationen gut zu überstehen – und im besten Fall sogar gestärkt daraus hervorzugehen. „Resilienz“ heißt der Fachbegriff dafür.

Die Familie hat sich verändert

Solchen Konfliktsituationen sind Kinder heute mehr als noch vor 50 Jahren ausgesetzt: Trennung der Eltern, Ein-Kind-Familien, Patchwork-Familien, allgemeiner Leistungsdruck. Neben diesen familiären Faktoren und genetischen Vorbelastungen spiele auch der soziale Aspekt eine Rolle, wenn man nach Ursachen forscht, erklärt Dr. Richter: Die Schere zwischen Arm und Reich klaffe immer weiter auseinander, Kinder aus sozial schwachen Familien seien deutlich öfter von psychischen Auffälligkeiten betroffen als Kinder aus gut situierten.

Ein Beispiel: Alleinerziehende Mütter leiden aufgrund ihrer belastenden Situation häufiger unter einer Depression. Aufgrund dieser Erkrankung sind sie aber nicht in der Lage, sich optimal um ihr Kind zu kümmern. Dadurch besteht ein größeres Risiko, dass auch das Kind eine psychische Störung entwickelt.

Erkrankungen je nach Alter

Welche Störungen auftreten, hängt vom Alter ab: Bei Babys können sich diese durch Schlafstörungen, exzessives Schreien oder Einnässen und Einkoten bemerkbar machen, auch wenn das Kind schon trocken war. Im Kindergartenalter treten vielleicht Sprachstörungen auf, Konzentrationsstörungen, Überaktivität oder extremes Tagträumen – Symptome für ADS oder ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom bzw. ADS mit Hyperaktivität). Bei den Neun- bis 17-Jährigen trete diese zunehmende Symptomatik nicht mehr viel in Erscheinung, auch wenn die Hälfte der Betroffenen sie noch bis ins Erwachsenenalter behalte. „Aber dann wird es nicht mehr so bezeichnet.“

Diese Diagnosen werden bei Kindern gestellt:

Im Jugendalter kommen dann eher Depressionen, Essstörungen oder das Borderline-Sydrom vor. Mädchen und Jungen, die sich ritzen, um die Gefühlsleere in ihrem Inneren mit Schmerz zu füllen. Während im frühen Alter mehr Jungen von psychischen Störungen betroffen seien, kippe das Verhältnis jetzt, sagt Dr. Richter.

Weitere Artikel zu unserem Schwerpunktthema psychische Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen finden Sie hier.

Das Bayerische Gesundheitsamt legt jedes Jahr einen Themenschwerpunkt fest. 2016 geht es um die „Psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen“. Dazu findet von 14. bis 21. Juli eine Wanderausstellung im „Neuen Markt“ statt. Der Titel: „Kindersprechstunde“.

Die Beratung im Neumarkter Gesundheitsamt

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