MyMz
Anzeige

Mobbing: Jeder kann Opfer werden

Das Problem darf nicht verharmlost werden, sagt Dr. Thomas Schnelzer: Es dürfe nicht das Recht des Stärkeren herrschen.
Von Heike Regnet

Das eigene Kind isoliert und schikaniert – ein Albtraum vieler Eltern. Doch sie können einiges dafür tun, ihren Nachwuchs zu stärken.
Das eigene Kind isoliert und schikaniert – ein Albtraum vieler Eltern. Doch sie können einiges dafür tun, ihren Nachwuchs zu stärken. Foto: Leonhardt/dpa

Neumarkt.„Jeder kann zum Mobbingopfer werden“, sagt Dr. theol. Dipl.-Psych. Thomas Schnelzer: „Jedem kann etwas angedichtet werden.“ Die Folgen für den Betroffenen sind verheerend: „Es kommt zu Leistungsproblemen, zu psychosomatischen Beschwerden, Angst und Hoffnungslosigkeit, die in eine depressive Entwicklung mit Suizidgedanken münden können.“

Mobbing sei meist ein schleichender Prozess, so der Leiter der Caritas-Erziehungsberatungsstelle in Neumarkt. „Das Thema ist nach wie vor sehr aktuell, aber man hört weniger davon“, sagt Schnelzer. Keinesfalls dürfe Mobbing verharmlost werden. Es gehe nicht um die bei Jugendlichen und Kindern üblichen Konflikte, sondern um Psychoterror, an dem die ganze Klasse beteiligt ist – die einen aktiv, die anderen durch „Nichtstun“. Damit sei der Einsatz von Streitschlichtern völlig ungeeignet, denn Mobbing verfüge nicht über die Merkmale eines Konflikts.

Alarmierende Zahlen

Der Blick in die Statistik zeige, dass an Deutschlands Schulen über alle Schularten hinweg täglich tausende Jungen und Mädchen von Klassenkameraden ausgegrenzt, verspottet, geschlagen, persönlich oder auch über Handy und Internet beschimpft, gedemütigt und bedroht werden. Bei einer Gesamtzahl von 12,3 Millionen Schülern werden pro Woche 760 000 Opfer von Mobbingattacken, 282 000 werden durch Cyber-Mobbing schikaniert.

Dr. Thomas Schnelzer, der Leiter der Caritas-Erziehungsberatungsstelle Neumarkt, sprach im Johanneszentrum über Mobbing bei Kindern und Jugendlichen.
Dr. Thomas Schnelzer, der Leiter der Caritas-Erziehungsberatungsstelle Neumarkt, sprach im Johanneszentrum über Mobbing bei Kindern und Jugendlichen. Foto: Regnet

Werden gelegentliche Schikanen dauerhaft, ist laut Schnelzer die Hauptphase des Mobbings erreicht. Nun wirken oft auch zunächst unbeteiligte Klassenkameraden mit, um nicht selbst zum Opfer zu werden. Lügen zugunsten der Täter führen zu einer weiteren Stigmatisierung der Leidtragenden als wehleidig, aggressiv oder verrückt. Sie seien überempfindlich, hätten die Auseinandersetzung selbst begonnen oder bildeten sich alles nur ein, heißt es dann nach Erfahrung des Experten oft. „Dem verzweifelten Opfer wird nicht mehr geglaubt“, sagt Schnelzer. Häufig würden die Opfern sie von den Tätern massiv bedroht, damit sie sich nicht Eltern oder Lehrern anvertrauen.

Die wichtigste Maßnahme gegen Mobbing sei daher, das von den Tätern auferlegte Schweigegelübde zu brechen. Haben Eltern den Verdacht, ihr Kind könnte gemobbt werden, sollten sie unbedingt das Gespräch mit dem Kind suchen. „Dabei gilt es, dem Betroffenen zu versichern, dass man ihm glaubt und dass gegen die Täter konsequent vorgegangen wird“, sagt Schnelzer. Das Gespräch solle unbedingt auf die Gefühlsebene gebracht werden, damit das Kind Gefühle wahrnehmen und verarbeiten könne. Auch hier gelte: „Reden hilft. Weil ich meine Gefühle ausdrücke und benenne, kann ich mich davon auch distanzieren.“

„Wenn keiner einschreitet, herrscht das Recht des Stärkeren.“

Dr. Thomas Schnelzer

Da die Täter in der Regel kein schlechtes Gewissen hätten, sei es enorm wichtig, die Schuld auch konkret zuzuweisen, sagt Schnelzer: „Viele Mobber tun sich schwer, eigene und andere Gefühle wahrzunehmen. Es fehlen Empathie und emotionale Kompetenzen sowie eine verinnerlichte Moral.“ Wichtig sei für Täter und Opfer, dass Mobbing Konsequenzen habe. Schulpsychologe, Vertrauenslehrer oder Rektor sollten eingeschaltet werden, rät Schnelzer: „Denn wenn keiner einschreitet, herrscht das Recht des Stärkeren.“

Mobbingtagebuch führen

Wenn sich ein Kind öffne, müsse ihm unbedingt geglaubt werden: „Das Mobbingopfer hat keinen Grund zu lügen, der Täter schon.“ Sinnvoll sei es, ein Mobbingtagebuch zu führen. Komme es zur Aussprache mit dem Täter, könnten so konkrete Vorfälle angesprochen werden, die schwieriger zu leugnen seien. Wichtige Aufgabe der Eltern sei es, dem Kind deutlich zu machen, dass es sich gegen Mobbing wehren könne, etwa verbal Grenzen setzen, indem es zum Täter sagt: „Ich möchte das nicht!“ Zurückzumobben sei der falsche Weg. So müsse dem Kind vermittelt werden, dass es nicht feige ist, um Hilfe zu rufen oder wegzulaufen: „Wegdrehen, auf Durchzug schalten, das Spiel nicht mitspielen – dann geht Mobbing ins Leere.“

Lesen Sie mehr:
Mehr Nachrichten aus der Region Neumarkt finden Sie hier.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht