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Sag’ der Plastiktüte leise Servus

Immer mehr Menschen wollen umweltfreundlich leben. In Neumarkt gelingt das nicht immer – der muss Handel nachziehen.
Von Katharina Eichinger

Käse, Butter, Wurst: Im Supermarkt ist vieles in Kunststoff verpackt.
Käse, Butter, Wurst: Im Supermarkt ist vieles in Kunststoff verpackt. Foto: dpa

Neumarkt.Die Supermärkte sind voll von Plastik: Bananen, Toilettenpapier, Müsli – viele Produkte haben eine Kunststoffverpackung. Weiter geht es an der Kasse mit den Plastiktüten. Die EU reagiert: Ab 2020 soll die Zahl der Kunststofftüten pro Einwohner auf 90 verringert werden, fünf Jahre später auf 40. Seit April kosten etwa 60 Prozent der Kunststofftüten im Einzelhandel Geld, ab Juli sollen es noch mehr werden. Das Problem des übermäßigen Plastikmülls ist damit aber nicht beseitigt.

Nach Zahlen des Handelsverbandes Deutschland (HDE) nutzt jeder Deutsche 71 Plastiktüten im Jahr. Damit liegt Deutschland unter dem europaweiten Durchschnitt von 198 Tüten pro Person. „Wir versuchen so weit zu reduzieren, wie es möglich ist“, sagt Bernd Ohlmann, Pressesprecher des Handelsverbandes Bayern (HBE). „Das Thema Plastikvermeidung steht bei uns schon lange auf der Tagesordnung.“ Die Kunden seien sensibler geworden, achteten darauf, was sie einkaufen und wie sie sich ernähren. „Das wird zurückgespielt an den Einzelhandel.“ Und der reagiere.

Eine Grafik erklärt die Verpackungsabfälle in Deutschland:

„Gänzlicher Verzicht ist naiv“

Doch gänzlich ohne Plastik auszukommen, sei naiv, sagt Ohlmann. Durch Plastikverpackungen würden Lebensmittelhygiene und Sicherheitsstandards eingehalten. Das beste Beispiel sei die Fleischtheke: Der Metzger könne nicht wissen, ob mitgebrachte Gefäße von Kunden hygienisch einwandfrei sind. Recherchen unserer Zeitung ergaben jedoch, dass es in Neumarkt Geschäfte gibt, die Kundengefäße akzeptieren.

Tausende Tonnen Plastikmüll treiben in den Meeren.
Tausende Tonnen Plastikmüll treiben in den Meeren. Foto: dpa

Zum Beispiel in der Metzgerei Nießlbeck: „Die Schüsseln der Besucher dürfen aber nicht auf unsere Schneidebretter“, erklärt Roswitha Deinhardt. So wolle man gewährleisten, dass nur unbedenkliche Produkte hinter die Theke gelangen. Auch diverse Bäckereien füllen Becher der Kunden.

In dieser Grafik sehen Sie den Verbrauch von Plastiktüten:

Versandhandel soll nachziehen

Nicht nur der stationäre, sondern auch der Versandhandel soll ökologischer werden. „Man versucht, zu nachhaltigerem Packungsmaterial zu greifen“, sagt Josephine Schmitt, Pressesprecherin beim Bundesverband E-Commerce und Versandhandel (bevh). Dazu gehöre auch, möglichst wenig Hohlräume im Paket zu schaffen, um kein Füllmaterial zu verschwenden. Und immer öfter kämen Verpackungen zum Einsatz, die bei Rücksendung vom Konzern wieder verwendet werden können. Es gebe Kunden, die ausdrücklich nach reduzierten Verpackungen und weniger Füllmaterial fragen, sagt Franziska Ulbricht, Pressesprecherin des Händlerbundes.

Hier lesen Sie Fakten über Kunststoff:

In vielen Großstädten gibt es Geschäfte, die vollständig verpackungsfrei auskommen. In Neumarkt nicht. „Das wird auch noch kommen“, sagt Hidir Altinok von der Beratungsstelle „Klimaschutz und Energie“ im Bürgerhaus.

Hier sehen Sie eine Grafik zum absoluten Plastiktütenverbrauch:

Auflagen erschweren den Boykott

Der Plastikverzicht scheitert oft an Auflagen des Gesetzgebers. Gastronomen müssten jeden Teebeutel einzeln verpackt servieren, sagt Ruth Dorner, Vorsitzende des Eine Welt Ladens. Doch auch wegen der Verbraucher würden solche Vorhaben oft nicht umgesetzt. „Wir sind in einer schwachen Position, wenn der Kunde eine Plastikverpackung möchte.“ Das sei meist bei Geschenken der Fall. Auch Postkarten ohne Folie könne man nicht mehr verkaufen, sobald sie ein paarmal angefasst wurden.

Eine Müllkippe im Wald
Eine Müllkippe im Wald Foto: dpa

In ihrem Laden gab es früher Brotboxen aus Bambus – bei vielen seien die Deckel abgebrochen. Der Grund: Im Bambus fehlen Weichmacher, wie sie Plastik enthält, deswegen ist das Material weniger stabil. Metallboxen seien zwar widerstandsfähig, aber vielen Kunden zu teuer. „Man muss einfach Kompromisse finden.“ Oftmals scheitere es an Hygienevorgaben, zum Beispiel bei Schokolade, sagt Dorner. Die müsse luftdicht verpackt sein. Eine Pappe um die Tafel herum genüge nicht.

Flaschen zum Wiederbefüllen

Fakten zu Kuststofverpackungen
Fakten zu Kuststofverpackungen Foto: MZ-Grafik

Doch es gibt auch Bereiche, in denen Nachhaltigkeit möglich ist. Rita Großhauser führt ihren Laden „Vom Fass“ seit 19 Jahren mit einem umweltfreundlichen Konzept. Sie hat noch nie Plastiktüten herausgegeben und auch sonst verzichtet sie auf Kunststoff. Liköre, Essig, Öl – alles wird in Glasflaschen abgefüllt – die wiederverwendet werden können. Das sei nicht nur gut für die Umwelt, sondern auch für den Geldbeutel, denn die Flasche müsse nur einmal bezahlt werden, sagt Großhauser. Kritik übt sie an den vielen To-go-Produkten. „Das ist reine Müllproduktion“, sagt sie über die Einwegbecher und -schalen.

Plastiktüten kosten jetzt Geld.
Plastiktüten kosten jetzt Geld. Foto: dpa

Auch vonseiten der Stadt werde das Thema immer wieder angesprochen, sagt Ralf Mützel vom Amt für Nachhaltigkeitsförderung. Man überlege, den Einzelhändlern Bio-Baumwolltaschen zu empfehlen. „Mittelfristig wird sich da etwas tun“, ist sich Mützel sicher. Abfallberater Walter Schardt-Pachner im Landratsamt glaubt, dass die Kunden die Reduzierung des Plastikmülls in der Hand haben. „Man muss nur ,Nein’ sagen, wenn der Verkäufer eine Tüte anbietet.“

Diese Grafik zeigt den Umlauf von Kunststoffverpackungen in Deutschland:

Plastik hat auch Vorteile

Trotzdem solle man die Kunststoffverpackung nicht per se verteufeln. „Man muss auch den ökologischen Rucksack beachten“, sagt Schardt-Pachner. Eine stabile Plastiktüte schneide oft schon allein deshalb ökologisch besser ab als eine Papiertüte, weil sie mehrfach zum Einsatz komme.

„Coffee to go“ verursacht nicht nur Papier-, sondern auch Plastikmüll.
„Coffee to go“ verursacht nicht nur Papier-, sondern auch Plastikmüll. Foto: dpa

Auch Ohlmann vom HBE sieht Vorteile der Kunststofftüte: „Eine pauschale Verteufelung ist nicht zielführend“. Kleidung werde oft spontan gekauft, da hätten die Verbraucher keine Stofftasche dabei. Außerdem biete die Plastiktüte eine gute Plattform für Werbung. Auch in der Logistik stelle Kunststoff oft die bessere Alternative dar: Plastik ist leicht und wetterfest – so sinken die Transportkosten. Eine stabile, undurchlässige Verpackung hält Ohlmann auch für wichtig, da die Verbraucher nicht nur beim Obst auf die Optik achten.

So geht es in der Themenwoche weiter

Abfall, aber nicht wertlos: Die Themenwoche beschäftigt sich in ihrer nächsten Ausgabe mit dem Thema Müll. Wieviel Müll entsteht im Landkreis? Was wird damit gemacht? Das sind einige Fragen, denen die Redaktion nachgegangen ist.

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