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Neumarkt
Freitag, 17. August 2018 29° 3

Perspektive

Sie gehen einen ganz individuellen Weg

Die „Reha Kombi Ausbildung“ des Neumarkter bfz bietet Jugendlichen mit psychischer Belastung eine Zukunftsperspektive.
Von Eva Gaupp

Die Finanzierung übernimmt die Agentur für Arbeit, Träger ist das bfz: Über die Reha Kombi Ausbildung können auch Jugendliche mit Handicap einen Beruf lernen.
Die Finanzierung übernimmt die Agentur für Arbeit, Träger ist das bfz: Über die Reha Kombi Ausbildung können auch Jugendliche mit Handicap einen Beruf lernen. Foto: Grubitzsc

Neumarkt.Al, Mg, Si, Pb, Ziffern und Buchstabenkombinationen, Pfeile in verschiedenen Farben füllen das Papier des Flipchart. Drei Jungs sitzen an einer Werkbank zwischen Unterlagen, Schraubstöcken und glänzenden Uhr-Zifferblättern und lauschen den Ausführungen von Ferdinand Rieder. Es geht um Stahl und Metallsorten, mathematische Formeln und die chemischen Bezeichnungen für Aluminium, Magnesium, Silizium und Blei.

Stefan L. (Name v. d. Red. geändert) ist einer der Drei. Der 18-Jährige hat im Herbst eine Ausbildung zum Metallfachpraktiker begonnen. Allerdings büffelt er gerade nicht in einer Berufsschulklasse und befindet sich auch nicht in einem Handwerksbetrieb, sondern in dem neuen Gebäude des bfz an der Regensburger Straße in Neumarkt.

Frisörsalon und Werkstatt

Im Erdgeschoss befinden sich die große Kantine und die Werkstätten: ein kleiner Friseursalon, eine deutlich größere Holzwerkstatt und eine Lehrwerkstatt für Metallberufe. Hier haben junge Menschen mit intensiver Begleitung die Chance, einen Beruf zu lernen, wenn sie es allein aus eigener Kraft nicht schaffen würden. „Reha Kombi Ausbildung“ nennt sich das Programm, das von der Agentur für Arbeit finanziert und vom bfz als Träger realisiert wird.

Stefan lernt die Praxis in der integrierten Ausbildung unter dem Dach des bfz, wo Ausbilder wie der Maschinenbau- und Metallbaumeister Rieder ihm bei Bedarf fachliche Inhalte noch einmal ausführlich erklären und anhand von praktischen Beispielen veranschaulichen. Die Schulbank drückt der 18-Jährige in Grafenwöhr in der Berufsschule zur sonderpädagogischen Förderung des St. Michaelswerk.

90 Minuten Busfahrt nimmt er dafür ein- bis zweimal pro Woche morgens und abends auf sich. Von Neumarkt nach Amberg und dann weiter bis Grafenwöhr. Zwar bevorzugt er praktisches Arbeiten, „aber die Berufsschule ist ok. Wir sind zehn Schüler in einer Klasse. Da kann man besser lernen“, erzählt er.

Eigentlich lernt Stefan gern. Ist interessiert. Hat Pläne für seine Zukunft. Landwirt möchte er einmal werden. „Man muss sein ganzes Leben lang lernen“, sagt er. Aber ohne Medikamente kann er sich nur schwer konzentrieren. Es passiert leicht, dass seine Gedanken abschweifen, ihm tausend andere Dinge durch den Kopf schwirren. Als er sechs Jahre alt war, wurde bei ihm das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ADHS diagnostiziert.

„Wenn ich meine Tabletten nicht nehme, kann ich außer Kontrolle geraten.“

Stefan

„Wenn ich meine Tabletten nicht nehme, kann ich außer Kontrolle geraten“, erzählt der 18-Jährige. Wenn er sie aber nehme, könne er ruhig mit den Leuten reden. „Ohne die Tabletten würde ich nicht überleben“, sagt er und fügt noch an: „Ich nehme sie, damit es mir gut geht – und den anderen auch.“

Es habe eine Weile gedauert, bis er richtig eingestellt gewesen sei, die passenden Medikamente und die richtige Dosierung. Wenn es sich ergibt, erzähle er anderen auch davon. Aber lieber nehme er die Tabletten, wenn gerade keiner hinschaut. Etwa einmal im Quartal müsse er zum Arzt, um die Medikation zu überprüfen. „Aber das ist okay.“

Stefan ist nicht der einzige Jugendliche im bfz mit dieser Diagnose. Wer die „Reha Kombi Ausbildung“ absolviert, bringt meistens ein Paket an Belastungen mit. In einer sogenannten „Reha-Testung“ überprüft die Agentur für Arbeit, ob ein Schulabgänger einer besonderen Förderung bedarf, um eine Berufsausbildung zu schaffen. Seit 2008 haben 40 Jugendliche die integrative Ausbildung im bfz begonnen bzw. inzwischen auch schon beendet – und 16 die kooperative. Diese findet nicht in den Räumen des bfz statt, sondern bei Handwerksbetrieben, den Kooperationspartnern. Möglich sind grundsätzlich alle Ausbildungszweige, entweder als Vollausbildung oder als theoriereduzierter Beruf zum Fachpraktiker in einer Branche. Zusätzlich zur Berufsschule erhalten die Jugendlichen Stützförderunterricht und Einzelarbeit mit einem Psychologen und zwei Sozialpädagoginnen.

Sehr gute Resultate

Das sind Gabriele Graf und Heike Renner. Erstere ist für die integrative, zweitere für die kooperative Ausbildung zuständig. Stolz erzählen sie von der sehr hohen Erfolgsquote, die ihre Schützlinge vorweisen können. „Eigentlich gibt es nur zwei Gründe, weshalb jemand im Anschluss keinen Job findet – entweder ein Mädchen wird schwanger oder es sind Drogen im Spiel“, sagt Graf.

Die Sozialpädagoginnen Gabriele Graf und Heike Renner betreuen die Jugendlichen, die über das bfz eine Ausbildung absolvieren – im Haus und in Handwerksbetrieben.
Die Sozialpädagoginnen Gabriele Graf und Heike Renner betreuen die Jugendlichen, die über das bfz eine Ausbildung absolvieren – im Haus und in Handwerksbetrieben. Foto: Gaupp

Zu sehen, wie die jungen Menschen trotz ihrer vielfältigen Probleme – und eben oft auch psychischen Handicaps – ihren Weg gehen, ist für die beiden Frauen Ansporn und Bestätigung zugleich. „Es ist toll zu beobachten, wie sie sich entwickeln“, sagt Renner. Wenn sie zu Beginn eines Ausbildungsjahres vier Tage mit den neuen Azubis in der Jugendbildungsstätte auf dem Habsberg verbringen, geht es um Erlebnispädagogik und Gruppendynamik. Aber es geht vor allem darum, dass die jungen Menschen sich kennen lernen – und Vertrauen zu den beiden Sozialpädagoginnen fassen. „In diesen vier Tagen erfahren wir viel.“

Wir arbeiten mit Zielvorgaben, die kontrolliert werden.“

Gabriele Graf

Das ist wichtig, denn jedes Mädchen und jeder Junge braucht eine sehr individuell abgestimmte Unterstützung. Und die wollen Gabriele Graf und Heike Renner ihnen zukommen lassen, damit sie ihre Ausbildung schaffen. Aber nicht nur die: Nicht selten sei es praktische Lebenshilfe. Und dazu gehören auch erzieherische Regeln: „Mann muss sehr klar und konsequent sein. Wir arbeiten mit Zielvorgaben, die kontrolliert werden“, sagt Gabriele Graf.

Doch das Konzept geht auf. Spätestens ein Jahr nach der Gesellenprüfung – die bislang noch jeder beim ersten Mal bestanden hat – hatte jeder eine Anstellung. „Es ist eine sehr lohnenswerte Maßnahme“, sagt Graf. Auch wenn der Aufwand an Personal und Kosten hoch sei, gelinge es, dass die Jugendlichen selbstständig leben und ihr eigenes Geld verdienen können.

In der Zwischenzeit haben die drei Jungs von Ferdinand Rieder den theoretischen Part abgeschlossen und sich wieder ihrer praktischen Arbeit zugewandt. Eine Uhr entsteht heute: drei Aluminium-Dreiecke, die aufeinander geschraubt wurden, die Oberflächen so behandelt, dass ein 3-D-Effekt entsteht. Nun fehlt nur noch der Zeiger, dann ist das kunstvolle Unikat fertig.

Die Reha-Kombi-Ausbildung:

Zielgruppe: Jugendliche und junge Erwachsene mit festgestelltem besonderen Förderbedarf nach SGB IX und SGB III: lernbeeinträchtigt, körperbehindert, sozial-emotional benachteiligt, psychische Behinderung, Verhaltensauffälligkeiten, fehlender Schulabschluss.

Ausbildungswege: reguläre Vollausbildung oder Fachpraktiker-Ausbildung; integrativ: in den Werkstätten und der Kantine des bfz – kooperativ: mit Kooperationsvertrag in Betrieben

Abschluss: Zum Ende der Ausbildung ist der Reha-Status nicht erkennbar. Ausbildungsabschluss mit Kammerurkunde wie bei einer regulären Ausbildung.

bfz: Die Beruflichen Fortbildungszentren der Bayerischen Wirtschaft (bfz) sind eine gemeinnützige GmbH und gehören zur bbw-Gruppe – dem Bildungswerk der Bayerischen Wirtschaft e. V.. Das bfz versteht sich als Systemanbieter für Bildung, Beratung und Integration. Es beschäftigt bayernweit rund 2000 Mitarbeiter.

Weitere Artikel zur Themenwoche „Psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen“ finden Sie hier.

Laut Studien leidet jedes fünfte Kind unter psychischen Problemen.

Weitere Nachrichten aus der Region Neumarkt finden Sie hier.

Krankheit und Arbeit

  • 17 Millionen

    der 18 bis 79 Jahre alten Bevölkerung leiden an einer psychischen Störung – das sind 27,7 Prozent. Bezogen auf die Oberpfalz sind das 230 000 Menschen.

  • 1,2 Millionen

    stationäre Behandlungen werden jedes Jahr in Deutschland notwendig wegen einer psychischen Störung. Insgesamt gibt es rund 19,6 Millionen.

  • 23 Prozent

    der stationären Behandlungen werden wegen einer affektiven Störung (u.a. ADHS, ADS, Depression) notwendig.

  • 1,3 Millionen

    Menschen sind aufgrund einer psychischen Störung als schwerbehindert anerkannt. Insgesamt leben 7,3 Millionen Menschen in Deutschland, die als schwerbehindert gelten.

  • 28 Prozent

    der psychisch Kranken beziehen Arbeitslosengeld. 37 Prozent leben von Hartz IV. Grundsätzlich sind sie überproportional häufig von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen.

  • 73.000

    Menschen wurden 2014 wegen psychischer Störungen frühverrentet. Insgesamt waren es 169 000 Personen. 32 000 davon wagen Depressionen, 16 000 wegen Anpassungsstörungen, 8000 wegen Sucht.

  • (Quelle: Synapse – Magazin der Medizinischen Einrichtungen des Bezirks Oberpfalz, 1/2016)

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