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Sie verhelfen Gläubigern zu ihrem Geld

Gerichtsvollzieher sind viel unterwegs, auch in Neumarkt. Pfändungen nehmen sie kaum noch vor – erleben aber allerhand Kurioses.
von Bettina Dennerlohr

Auch wenn es TV-Sendungen oft anders darstellen: Etwa zwei Drittel ihrer Arbeitszeit verbringen Gerichtsvollzieher wie Bettina Schrödl (l.) und Gerlinde Kemether-Lang im Büro.
Auch wenn es TV-Sendungen oft anders darstellen: Etwa zwei Drittel ihrer Arbeitszeit verbringen Gerichtsvollzieher wie Bettina Schrödl (l.) und Gerlinde Kemether-Lang im Büro. Foto: Dennerlohr

Neumarkt.Der Anteil der Stammkunden ist bei Bettina Schrödl und Gerlinde Kemether-Lang hoch – 80 bis 90 Prozent schätzen die beiden Frauen. Dieser Wert wäre für manches Unternehmen ein Grund zur Freude, für die beiden allerdings eher nicht. Schließlich sind Schrödl und Kemether-Lang in ihrem Büro in der Bahnhofstraße Gerichtsvollzieherinnen.

Tag für Tag haben sie es mit Menschen zu tun, die ihre Schulden seit längerer Zeit nicht bezahlen. Das betrifft allerdings nicht nur ärmere Menschen: „Wir haben mit allen Gesellschaftsschichten zu tun“, sagt Schrödl. Der Hartz-IV-Empfänger gehöre genauso dazu wie der Anwalt oder Unternehmer. Auch Menschen mit sehr guten Einkommen seien nicht davor gefeit, über ihre Verhältnisse zu leben, sagt Schrödl. Oft geht es bei einer unbezahlten Rechnung aber gar nicht um das Können, sondern um das Wollen. „Oft beauftragen uns die GEZ oder die IHK. Das sind dann Beiträge, die die Schuldner aus Prinzip nicht bezahlen wollen“, erklärt Kemether-Lang.

Um Forderungen einzutreiben haben Gerichtsvollzieher mehrere Mittel zur Verfügung. Voraussetzung ist immer ein vollstreckbarer Schuldtitel, den ein Richter genehmigt haben muss. „Es gibt zu allen unseren Fällen also schon eine längere Vorgeschichte aus Erinnerungen und Mahnungen“, sagt Kemether-Lang. Möglich sind beispielsweise Lohn- oder Kontopfändungen. Die stellen die Gerichtsvollzieher den Schuldnern zu. Gegenstände aus der Wohnung werden aber nur noch selten gepfändet, sagt Schrödl: „Dafür sind die Grenzen mittlerweile einfach zu eng.“ Ein TV-Gerät beispielsweise muss immer im Haushalt bleiben, egal wie wertvoll es ist. Auch das Auto dürfen Schuldner behalten, wenn sie es für den Arbeitsweg brauchen. Nur ein Luxusfahrzeug könnte gepfändet werden – dann aber muss der Gläubiger als „Austauschpfändung“ einen günstigeren Wagen stellen.

Der Grundsatz der Gerichtsvollzieher ist dabei immer: Der Gläubiger muss mit dem Ergebnis zufrieden sein. Er kann sich zum Beispiel darauf einlassen, die Schulden in Raten zurückzunehmen, muss es aber nicht. Stattdessen kann der Gläubiger jederzeit einen „Antrag auf Abgabe einer Vermögensauskunft“ stellen– landläufig ist diese Auskunft als Offenbarungseid bekannt. Dann muss der Schuldner seine gesamten Finanzen offen legen. „Angenehm ist das freilich nicht“, sagt Kemether-Lang. Trotzdem sind die Schuldner dazu verpflichtet – wer sich weigert, muss mit drastischen Konsequenzen rechnen: Der zuständige Richter kann einen Haftbefehl erlassen. Dann gibt es nur noch drei Möglichkeiten: Bezahlen, Auskunft geben oder ins Gefängnis gehen.

Gegen einen jungen Neumarkter, für den Kemether-Lang zuständig ist, lag beispielsweise kürzlich bereits ein Haftbefehl vor – schlussendlich bewahrte ihn sein Vater vor der JVA und legte mehrere tausend Euro für die Handyschulden des Sohnes auf den Tisch. Auch Schrödl hat es bisher nur einmal erlebt, dass jemand tatsächlich lieber ins Gefängnis ging: Eine Nürnbergerin war mir ihrem Scheidungsanwalt nicht zufrieden und weigerte sich, dessen Honorar zu entrichten. Auch die Beugehaft konnte sie nicht schrecken: „Sie ist tatsächlich die einzige, die ich jemals in die JVA gebracht habe“, sagt Schrödl. Nach einigen Tagen hinter Gittern gab allerdings auch diese Frau nach.

Es sind solche kuriosen Geschichten, von denen Schrödl und Kemether-Lang dutzende erzählen könnten. Menschen, die auf den Namen ihrer Haustiere bestellen, sind da schon gar nichts Besonderes mehr. Kemether-Lang hatte beispielsweise mit einer Frau zu tun, die abwechselnd auf die Namen „Sommer“, „Herbst“ und „Winter“ bestellt hatte. Ihre Begründung: „Auf meinen eigenen Namen bekomme ich ja nichts mehr.“ Kreativ war auch die Frau, die sich Waren als „Katz Mietz Maus“ bestellt hatte. „Da sind wir dann natürlich schon im Bereich des Betrugs“, sagt Kemether-Lang.

Überhaupt sind es sehr oft Versandhäuser, deren Forderungen es einzutreiben gilt. Handyrechnungen seien besonders für jüngere Schuldner typisch, sagen die beiden Frauen. Oft stecken dahinter aber auch ganze Schicksale: Spielsucht, Depressionen, Arbeitslosigkeit, Scheidung. „Diese Menschen haben oft Probleme auf allen Ebenen“, sagt Kemether-Lang. Manche lassen etwa Mietschulden auflaufen, obwohl das Amt die Kosten auf Antrag übernehmen würde. Auch die Gerichtsvollzieher lässt das nicht kalt: „Aber zu sehr darf man das auch nicht an sich heranlassen. Jeder schafft das aber sicher nicht.“

Auch Zwangsräumungen gehören zum Alltag der Gerichtsvollzieher. Dabei geht es nicht nur um säumige Mieter, sondern oft auch um Menschen, die ihr Haus nach einer Zwangsversteigerung nicht verlassen wollen. Mindestens drei Wochen im Voraus wird ein Räumungstermin festgesetzt, erklärt Schrödl. Damit niemand ohne Dach über dem Kopf da steht, informiert sie außerdem das Ordnungsamt, das für die Obdachlosenfürsorge zuständig ist. Sind Kinder mit im Spiel, wird außerdem das Jugendamt informiert. Zum Termin selbst kommen dann ein Schlosser und eine Spedition, deren Mitarbeiter das Haus oder die Wohnung ausräumen. Manchmal braucht es dafür sogar Polizeischutz, sagen die beiden Gerichtsvollzieherinnen. Was sie erwartet, können die beiden meistens relativ gut abschätzen: „Wir räumen selten jemanden, den wir nicht schon vorher kennen.“

Selbst bei einem so ernsten Thema kommt es noch zu kuriosen Situationen. Eine ist Kemether-Lang besonders im Gedächtnis geblieben: Ein Fernfahrer vertraute in finanziellen Dingen ganz auf seine Frau, die allerdings trieb das Ehepaar immer weiter in die Schuldenspirale hinein. Mehrmals war das Haus schon zur Zwangsversteigerung gestanden, hatte wegen seiner Baufälligkeit aber keinen Käufer gefunden. Darauf verließ sich die Frau auch weiterhin, doch ein Nachbar kaufte das Gebäude schließlich für einen geringen Betrag. „Die Frau hat bis Sonntagabend gewartet um ihrem Mann zu beichten, dass am Montag um acht Uhr der Räumungstermin ist“, sagt Kemether-Lang. Selbst jetzt weiß sie nicht, ob sie darüber lachen oder den Kopf schütteln soll.

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