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Spagat zwischen analog und digital

Als Kind lauschte Tanja Reichel ihrer Mama beim Vorlesen am Bett. Lesen wurde ihr Hobby. Ihren Traumjob fand sie in Neumarkt.
Von Bettina Griesbeck

  • „Das könnte Ihnen gefallen...“: Buchhändlerin Tanja Reichel (l.) kennt die Lesegewohnheiten ihrer Kunden. Foto: Griesbeck
  • Tanja Reichel beim Kassieren Foto: Griesbeck
  • Arbeit am PC gehört zum Beruf. Foto: Griesbeck
  • Im Büro ist Genauigkeit angesagt. Foto: Griesbeck
  • Der Eingang zur Buchhandlung Boegl in der Oberen Marktstraße – außerhalb der Ladenöffnungszeiten können Kunden ihre Wunsch-Bücher über die Laden-Homepage bestellen. Foto: Griesbeck

Neumarkt.Zwischen Glückwunschkarten-Ständer und Bestseller-Regal schiebt sich eine Frau zum offenen Fenster im ersten Stock der Buchhandlung Boegl hindurch. Vor dem Laden hat sich seit über einer Stunde ein Straßenmusiker auf dem Bürgersteig niedergelassen. „Was ist das nur für ein Instrument?“, fragt die Kundin. „Ein Didgeridoo“, sagt Buchhändlerin Tanja Reichel, die gerade mit einem anderen Kunden an der Kasse steht. „Aber es ist modern, kein altes Original aus Holz – und klingt auch…“, Reichel überlegt, „…anders.“

„Leseratte“: Hobby wird zum Beruf

Taschenbücher, Neuerscheinungen, Klassiker – die Bücher reihen sich in den Regalen des Geschäfts aneinander. Tanja Reichel nutzt die Mittagszeit, in der es im Laden ruhiger ist, und füllt die Abteilung mit den Spiegel-Bestsellern auf. „Verschwörung“, „Unschuld“ und „Gelassenheit“ steht auf den Buchdeckeln. „Viele Kunden kaufen gezielt die gerade meistgelesenen Titel“, sagt die junge Buchhändlerin.

In gerüschtem pink-schwarzen Hemd, grauer Stoffhose und mit Goldkette huscht sie durch den Laden. Reichel arbeitet seit 2007 in der Buchhandlung und hat dort auch ihre Ausbildung gemacht. „Nach meinem Schulabschluss in Parsberg war ich mir unsicher, was ich machen möchte.“ Buchhändlerin sei aber in der engeren Auswahl gewesen. Ein Praktikum in einer Parsberger Buchhandlung habe ihr schließlich „den Schubs in die richtige Richtung“ gegeben.

Tanja Reichel zum Beruf Buchhändler/in

Lesen sei immer Reichels Hobby gewesen. Als Kind lauschte sie ihrer Mama, die ihr am Bett vor dem Einschlafen aus Märchenbüchern vorgelesen hat. Eine Freundin der Familie brachte ihr Bilderbücher mit und später lieh sich Reichel regelmäßig Geschichten aus der Schulbücherei. „Ich war und bin eine ,Leseratte‘ – aber das sind wohl alle Buchhändler“, mutmaßt Reichel. Zuletzt hat sie den Thriller „Totenfrau“ gelesen – eine Geschichte über eine mörderische Bestatterin. „Gänsehaut-Gefühl ist garantiert.“

Tanja Reichels aktueller Buch-Tipp

Obwohl Reichels Ausbildungszeit noch keine zehn Jahre zurück liegt, hat sich seitdem im Buchhandel viel verändert. Die Nachfrage nach E-Books und E-Readern sei gestiegen und fast alle Buchläden nutzen das Internet als weitere Verkaufsplattform. Viele Kunden rufen an oder schreiben eine E-Mail. „Der Kunde kann bequem von zu Hause aus bestellen“, sagt Reichel. Das Buch liegt am nächsten Tag im Laden oder kann auf Wunsch geliefert werden.

Internet ist Teil des Arbeitsalltags

Das Telefon klingelt. Ein Mann sucht einen Dinosaurier-Bildband für seinen Sohn, der vergriffen ist. „Warten sie“, sagt Reichel und klemmt den Hörer zwischen Ohr und Schulter. Gleichzeitig tippt sie den Buchtitel in den Computer. Ein paar Sekunden später findet sie ein Restexemplar in einem Online-Antiquariat und bestellt es für den Kunden. Das Internet und der Umgang mit neuen Medien seien Teil ihres Arbeitsalltags. Auch Rechnungen schreiben, Bestände verwalten, Nachbestellen und Zurückschicken von Ware gehören zu Reichels Aufgaben. „Der Beruf ist vielseitig“, sagt sie. „Und wird deshalb nie langweilig.“

Tanja Reichel - Bücher sind für mich...

Trotz Digitalisierung besuchen viele Kunden den Laden. Das ist es auch, was Reichel an ihrem Beruf gefällt: der persönliche Kontakt. „Am meisten freut mich, wenn jemand kommt und mir erzählt, wie fesselnd, spannend oder unterhaltsam das Buch war, das ich empfohlen habe.“ In der Buchbranche gebe es aber auch Zukunftsängste. Reichel hofft, dass das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP und die damit verbundene Aufhebung der Buchpreisbindung nicht kommen. „Das wäre wohl das Aus für zahlreiche kleine Buchhandlungen.“ Zumindest der vorhergesagte digitale Siegeszug konnte dem gedruckten Buch bisher nichts anhaben, sagt Reichel.

Was aber liegt bei der Buchhändlerin auf dem Nachttisch: E-Book oder gedrucktes Buch? „Ich mag lieber Papier in der Hand halten“, sagt Reichel. „Das Gefühl ist ganz anders, wenn man ein Buch aufschlägt.“ Vor dem Laden hat der Didgeridoo-Spieler mittlerweile zusammengepackt. „Trotz der modernen E-Versionen sei das Original nicht vom Aussterben bedroht.“

Ausbildung zum Buchhändler

  • Die Ausbildung

    dauert drei Jahre. Die Ausbildungszeit findet dual im Unternehmen und der Berufsschule statt. Mit Realschulabschluss kann die Zeit um sechs Monate, mit Abitur oder Fach-Abitur um zwölf Monate verkürzt werden.

  • Arbeitsbereiche:

    Die Ausbildung kann in einer Buchhandlung, im Antiquariat, einem Verlag oder einer Bibliothek gemacht werden.

  • Ausbildungsinhalte:

    Arbeitsorganisation; Marketing; Einkauf; Beschaffungsorganisation und Absatz; Verlagswesen; Bibliographieren und Recherchieren, Controlling.

  • Qualifikation:

    Schulische Mindestvoraussetzung ist die Mittlere Reife.

  • Verdienst:

    Bezahlt wird nach Buchhandelstarif. Im ersten Ausbildungsjahr werden zwischen 527 Euro bis 719 Euro bezahlt, im zweiten Jahr zwischen 582 Euro bis 792 Euro, im dritten Jahr zwischen 621 Euro bis 870 Euro. Das Einstiegsgehalt liegt zwischen 1360 Euro und 2000 Euro (Brutto).

  • Weiterbildung:

    Für Buchhändler besteht nach abgeschlossener Ausbildung die Möglichkeit, in Frankfurt an der IHK eine Weiterbildung zum Buchhandelsfachwirt zu absolvieren. Ebenso bestehen für Buchhändler die Aufstiegsmöglichkeiten zum Abteilungsleiter, Geschäftsführer oder Filialleiter. Mehr Informationen gibt es unter www.boersenverein.de/de/home/ausbildung/buchhaendlerin/354121

Die drei größten Vorurteile über Buchhändler

1. Vorurteil: „Buchhändler sind Leseratten.“
1. Vorurteil: „Buchhändler sind Leseratten.“ Foto: dpa

1. Vorurteil: „Buchhändler sind Leseratten.“

Das stimmt natürlich. Ein Buchhändler, der keine Bücher liest, kann auch nur schwer welche verkaufen oder den Kunden kompetent beraten. Buchhändler, die nicht gerne lesen, gibt es wahrscheinlich selten.

 2. Vorurteil: „Buchhändler mögen keine E-Books.“
2. Vorurteil: „Buchhändler mögen keine E-Books.“ Foto: dpa

2. Vorurteil: „Buchhändler mögen keine E-Books.“

Stimmt nicht: E-Books sind aus dem Buchhandel nicht mehr wegzudenken. Gedruckte Bücher werden wohl nie aussterben, hofft Buchhändlerin Tanja Reichel. Aber E-Books sind gerade im Urlaub oder für Zugpendler eine handliche Alternative.

3. Vorurteil: „Buchhändler kennen sich mit Online-Shopping nicht aus.“
3. Vorurteil: „Buchhändler kennen sich mit Online-Shopping nicht aus.“ Foto: obs/buch.de internetstores AG

3. Vorurteil: „Buchhändler kennen sich mit Online-Shopping nicht aus.“

Das stimmt auch nicht. Mittlerweile bietet fast jede Buchhandlung auf ihrer Internetseite eine Bestell- und Recherchemöglichkeit an. Bei Kundenanfragen in der Buchhandlung recherchieren die Buchhändler im Online-Angebot, sollte das Buch nicht im Laden-Sortiment sein.

Alle Artikel zur Serie „Mein Beruf“ finden Sie online unter www.mittelbayerische.de.

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