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Tschernobyl-Jahrtag

Vor 30 Jahren war Neumarkt ohne OB

Kurz nach dem Reaktor-GAU von Tschernobyl war Kurt Romstöck zur Partnerschaftsfeier in Issoire. Daheim wurde viel gemessen.
Von Lothar Röhrl

Nicht lange konnten die Verantwortlichen in der damaligen Sowjetunion die Nachricht von der Katastrophe von Tschernobyl zurückhalten. So berichtete unsere Zeitung erstmals darüber.
Nicht lange konnten die Verantwortlichen in der damaligen Sowjetunion die Nachricht von der Katastrophe von Tschernobyl zurückhalten. So berichtete unsere Zeitung erstmals darüber.Foto: Gaupp

Neumarkt.An den 26. April 1986 speziell dürfte kaum ein Neumarkter eine Erinnerung haben – wohl aber an die Tage nach der Atom-Katastrophe von Tschernobyl, die sich an diesem 26. ereignet hatte. Unsere Zeitung hat nicht nur im eigenen Archiv nachgesehen, wie die Atom-Katastrophe in Neumarkt aufgenommen worden ist. Mit eigenen Erinnerungen und denen von anderen Neumarktern skizzieren wir Tage nach, in denen eine unsichtbare Bedrohung alle betroffen hat.

Die Erinnerung an die Tage danach teilt der Verfasser dieser Zeilen mit 79 anderen Neumarktern. Der prominenteste unter ihnen ist Kurt Romstöck. Der heute 90-Jährige war damals Oberbürgermeister – und nicht in Neumarkt, als sich die unsichtbare radioaktive Wolke auch der Jura-Stadt genähert hat. Romstöck war vom 1. bis einschließlich 4. Mai an der Spitze der Neumarkter Delegation in der Partnerstadt Issoire. Dort sollte das 15-jährige Bestehen der Partnerschaft mit dieser auvergnatischen Stadt gefeiert werden. Ganz ahnungslos war der Tross nicht aufgebrochen. Denn erstmals am 29. April war groß im deutschen Fernsehen berichtet worden. Die meisten Tageszeitungen – wie auch das Neumarkter Tagblatt – hatten damit in der Doppelausgabe 30. April/1. Mai aufgemacht.

Der radioaktiven Wolke entgegen

Dennoch verliefen die Tage in Issoire unbeschwert. Die französischen Gäste betonten sehr die Berechtigung des Spruchs „Liebe geht durch den Magen“. Zwischen vier großen Festessen gab es aber auch ein offizielle Zeremonie und einen Unterhaltungsabend mit Musikern aus beiden Städten. Fast schienen die Nachrichten aus der Ukraine vergessen, bis bei der Rückfahrt im Bus die Nachrichten des Südwestfunks zu hören waren. Von einer sich dem Süden und Südwesten Deutschlands unaufhaltsam nähernden radioaktiven Wolke war die Rede. Und es wurde davor gewarnt, dass die Strahlung zusammen mit warmen Mairegen-Schauern den Erdboden erreicht.

Das Gefühl, genau der Wolke entgegenzufahren, machte betroffen. Beim ersten Halt in Deutschland – auf einer Rastanlage bei Freiburg – wollte gar keine richtige Freude über das herrliche Mai-Wetter aufkommen. Während der Weiterfahrt wurde bei jeder Nachrichtensendung das Radio laut aufgedreht, alle im Bus hörten schweigend zu.

Wieder zu Hause herrschte das Gefühl vor, ungeschützt etwas sehr Gefährlichem ausgesetzt zu sein. Was Strahlung bedeuten kann, war bis dahin allenfalls aus Science-Fiction-Filmen oder Dokumentationen über die Folgen der Atombomben-Abwürfe in Japan und der Atombomben-Versuche in der Südsee bekannt. Da linderte auch die Feststellung, dass die gemessene Strahlung weit unter dem lag, was etwa in Hiroshima noch Jahre nach dem Abwurf der ersten Atombombe zum Tod vieler Menschen geführt hat.

Unterricht mit Uralt-Geiger-Zähler

Mit dem Messen von Strahlung hatte in den Tagen des April und Mai vor 30 Jahren einmal auch Stefan Berner direkt zu tun. Der heutige Leiter jener Abteilung im Landratsamt Neumarkt, die bei einem Unfall in einem Atomkraftwerk in Bayern oder im nahen Tschechien Notfallmaßnahmen koordinieren würde, ist damals in seiner Heimatstadt Schwandorf in die elfte Jahrgangsstufe eines Gymnasiums gegangen. In Physik sei eine Unterrichtsstunde ins Außengelände der Schule verlegt worden. Mit einem damals 20 Jahre alten Geiger-Müller-Zählrohr sei versucht worden, die Strahlung zu messen, berichtete Berner unserer Zeitung. Ein hoffnungsloses Unterfangen sei das gewesen. „Denn das Gerät war sehr ungenau“, erinnerte er sich.

Die Karte zeigt die Zonen um bestehende Atomkraftwerke

Noch sehr genau an den 30. April 1986 kann sich Werner Thumann erinnern. Der heutige Leiter des aus insgesamt zwölf Reservisten bestehenden „Kreisverbindungskommandos“, das im Katastrophenfall Einsätze der Bundeswehr koordiniert, hatte gerade Urlaub von der Bundeswehr. „Dieser 30- April war ein schöner Tag, um mit dem Fahrrad eine Tour durch das Lengenbachtal zu machen. Ich war also an der frischen Luft und habe damals sicher was von der Strahlung abbekommen“, sagte Werner Thumann unserer Zeitung.

Ganz sicher war sich Erich Dorfner. Denn er hatte den einzigen Geiger-Zähler, den es damals in Neumarkt gegeben hatte. An welchem Tag es genau war, kann er sich heutzutage nicht mehr erinnern. Aber an den Moment, als er zum ersten Mal mit dem Geiger-Zähler, der in Form und Größe einem Bügeleisen gleicht, radioaktive Strahlung mitten in Neumarkt gemessen hat. „Es hatte geregnet. Und ich bin danach gleich hinaus und habe mit einem Taschentuch über das Autodach gewischt. Als ich die Taschentücher an den Geiger-Zähler gehalten habe, hat dieser zum ersten Mal, seit ich ihn mir zugelegt hatte, ausgeschlagen.“ Das sei richtig deutlich gewesen, weiß Erich Dorfner noch 30 Jahre später. Ein Dauer-Ton sei es zwar nicht gewesen. Aber die Frequenz der akustisch vernehmbaren Strahlung dürfte einen „mittleren Strahlungswert“ gehabt haben.

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Dürfte: Denn genauer sei sein Geiger-Zähler nicht gewesen. Über eine Anzeige für Dosis und Dichte habe das Gerät nicht verfügt. Immerhin sei es aber – zumindest in der Stadt Neumarkt – das einzige gewesen, mit dem man Strahlung nachweisen konnte. „Radioaktivität war ja damals kein Thema. Und so war es nicht üblich, dass sich eine Behörde ein solches Gerät angeschafft hat. Erst Monate später“, so erinnert sich der Neumarkter Apotheker weiter, sei im Landratsamt ein Messgerät angeschafft worden.“

Zu diesem Zeitpunkt hatte Erich Dorfner schon gerätemäßig aufgerüstet. Weil er die Stärke der von ihm gemessenen Strahlung auch zahlenmäßig besser benennen wollte, schaffte er sich ein „Ringschalen-Messgerät“ an. Und so konnte er fortan auch die Dosis, denen er und alle anderen Neumarkter in diesen Tagen vor 30 Jahren ausgesetzt waren genauer bestimmen.

Den alten Geiger-Zähler von damals hat Erich Dorfner immer noch nicht ausrangiert. „Ich messe schon noch ab und zu. Und er schlägt immer noch aus. Aber im Vergleich zu damals ist die Strahlung doch sehr stark zurückgegangen“, stellte Dorfner im Gespräch mit unserer Zeitung fest.

Die interaktive Grafik erklärt die neue Schutzhülle für die Atomruine Tschernobyl

Panik wegen Frischmilch

In unseren Ausgaben vor 30 Jahren war Erich Dorfner ziemlich oft in Wort und Bild abgedruckt. Zudem zeigt der Blick in einige archivierte Ausgaben bis Mitte Mai 1986, dass die Neumarkter sehr in Sorge waren. So wurde etwa in allen Lebensmittelgeschäften Milchpulver ausverkauft, weil es hieß, dass Frischmilch eventuell radioaktiv verseucht sein könnte. Tatsächlich wurde in Milch aus dem Regensburger Milchwerk mehr Radioaktivität gemessen als in Nürnberg produzierter. Aus Vorsicht wurde in Neumarkter Schulen Sportunterricht im Freien gestrichen sowie in den Spielplätzen der Sand ausgetauscht. Über einen miesen Umsatz klagten alle, die entlang der Marktstraße an Ständen Gemüse verkaufen wollten.

Umweltradioaktivität in Bayern im Vergleich

- Messzeitraum 1.5. bis 2.6.1986: In den ersten zwei Wochen nach Durchzug der radioaktiven Wolke von Tschernobyl (Vom Bayerischen Landesamt für Umwelt erhobene Daten; 484 Einzelwerte)

- Messzeitraum 19.9 bis 18.11.2003: Siebzehneinhalb Jahre nach der Reaktorkatastrophe (Von Umweltingenieuren der Kreisverwaltungsbehörden erhobene Daten; 1186 Einzelwerte)

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Am 26. April 1986 ereignete sich in Tschernobyl einer der schwersten Atomkatastrophen der Geschichte. Sämtliche Informationen zum Thema finden Sie in unserem Spezial.

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