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Verkehr

„Wir arbeiten wie ein Familienbetrieb“

Im MZ-Interview verriet Geschäftsführer Tobias Richter, was seine „National Express“ für das Nürnberger S-Bahn-Netz planen.
Von Lothar Röhrl

  • „Skoda Panther“: 38 Züge hat „NX“ bei Skoda in Pilsen für Nürnberg bestellt. Diese werden fünfteilig – der abgebildete hat drei – sein und 425 Sitzplätze bieten. Ein vierteiliger „Talent2“ hat 230.Studie: Skoda
  • Tobias Richter: Seine Freude über den Gewinn der Ausschreibung um das Nürnberger S-Bahn-Netz ist ihm anzusehen.

Neumarkt.Das private britische Eisenbahnunternehmen „National Express“ wird aller Voraussicht nach den Zuschlag für den Betrieb des Nürnberger S-Bahn-Netzes ab Dezember 2018 bis Dezember 2030 erhalten. Um dieses hatte sich die deutsche NX-Tochtergesellschaft „National Express Rail GmbH“ mit Sitz in Köln beworben. Deren Geschäftsführer ist der in Mittelfranken seit gut 40 Jahren wohnende Tobias Richter. Wir haben uns mit ihm unterhalten:

Wie wichtig war es Ihnen persönlich, als in Mittelfranken wohnender Geschäftsführer der deutschen Tochter eines britischen Eisenbahnunternehmens diese Ausschreibung in Nürnberg zu gewinnen?

Tobias Richter: Jede Nahverkehrsausschreibung in Deutschland ist wichtig. Dennoch fühle ich mich bei dem Nürnberger Wettbewerb wie Miroslav Klose, als er bei der WM 2008 zwei Tore zum 2:0-Sieg gegen Polen vorbereitet hatte: Die langen Jahre in der Bundesbahndirektion Nürnberg waren sehr lehrreich und bei der damals jungen DB Regio Nordbayern habe ich das Handwerkszeug erlernt, das heute die Basis für den Erfolg darstellt. Ich schätze die Kollegen von DB Regio sehr, denn sie machen eine wirklich gute Arbeit und hatten viele Probleme zu meistern. Gerade deshalb fühle ich sehr mit ihnen.

Kaum hat man sich an die roten Talent 2-Züge gewohnt, werden Sie und Ihr Unternehmen ganz neue Fahrzeuge anbieten. Um welche handelt es sich dabei. Passen die Bahnsteiglängen?

Wir sind mit fabrikneuen Zügen ins Rennen gegangen, die gar nicht weit von Nürnberg entfernt produziert werden, nämlich in Pilsen. In Nürnberg gibt es ja leider schon lang keinen Schienenfahrzeugbau mehr. Jeder unserer Züge bietet 425 Sitzplätze und die Zuglänge ist für das nordbayerische S-Bahnnetz und deren Bahnsteige optimiert

Wann werden in Nürnberg dafür die Bahnsteighöhen an Gleis 1, 2 und 3 (von 92 auf 76 cm) angepasst?

Wir fahren nur die Züge, die Infrastruktur, also Gleise und Bahnsteige verbleiben bei der DB, Deshalb kann diese Frage nur die DB beantworten. Im Interesse unserer Fahrgäste werden wir uns aber für eine termingerechte Anpassung einsetzen.

Die Ausschreibung wurde auf zwei Lose aufgeteilt. Was ist darunter zu verstehen?

Auf einigen S-Bahnlinien fahren heute recht neue Fahrzeuge, auf anderen Linien sind die Züge bereits bis zu 30 Jahre alt. Entsprechend wurde in der Ausschreibung das Netz geteilt. In der einen Hälfte waren die alten Züge zwingend durch fabrikneue zu ersetzen, in der anderen Hälfte durfte die Bahn auch mit ihren vorhandenen Zügen anbieten.

Wie geht es mit den DB-Mitarbeitern weiter, die noch bei der roten DB-Tochter „Regio“ im Nürnberger Netz etwa in S-Bahn-Zügen auf der Lok sitzen?

Ich kenne viele der Kollegen persönlich und fühle mich aber nicht nur deshalb für sie verantwortlich. Das entspricht auch der National Express Philosophie, die ich in England erleben durfte. In den Einsatzstellen Neumarkt, Bamberg, Ansbach und Nürnberg Hbf arbeiten vielfach motivierte und gut ausgebildete Kräfte, auf deren Erfahrung wir sehr gern setzen möchten. Wir werden jedem DB-Mitarbeiter, der wechseln möchte, nicht nur einen sicheren und langfristigen Arbeitsplatz anbieten, der auch dem heutigen Niveau entsprechend bezahlt wird. Wir werden auf die Atmosphäre eines Familienbetriebes setzen, denn die Verwaltung wird ebenfalls in Nürnberg sitzen. Wesentliche Entscheidungen werden vor Ort getroffen.

Wie steht es um die Tarifabschlüsse von NX mit beiden Gewerkschaften? Sind dabei bald ähnliche Auseinandersetzungen mit den bekannten Folgen wie bei der DB Regio zu erwarten.

Der Abschluss von soliden Tarifverträgen mit beiden Gewerkschaften ist für uns obligatorisch. Diese handeln wir in den nächsten Monaten für Nordrhein-Westfalen aus, wo wir im Dezember den Betrieb aufnehmen werden. Ich möchte aber als kleines Bahnunternehmen nicht in Machtkämpfe zwischen den Gewerkschaften geraten, denn der Leidtragende ist am Ende der Fahrgast. Beide Gewerkschaften dürfen von uns einen sehr offenen und fairen Umgang erwarten.

Werden Sie die bestehenden Werkstattanlagen in Nürnberg-Gostenhof nutzen können?

Wir haben großes Interesse, die gesamte Wartung aller Züge durch die DB durchführen zu lassen und hoffen auf ein wirtschaftliches Angebot. Damit wären auch diese Arbeitsplätze gesichert. Alternativ müssten wir in Nürnberg ein eigenes Werk bauen, was wir in unserer Kalkulation berücksichtigt haben. Aber auch dort warten sich die Züge nicht von allein, sind engagierte Fachkräfte gesucht.

Sie haben laut Vorgabe durch die Bayerische Eisenbahngesellschaft BEG für mitfahrendes Sicherheitspersonal zu sorgen. Werden Sie eigens dafür Kräfte einstellen?

Das haben wir noch nicht entschieden. Es gibt viele gute Anbieter auf diesem Gebiet. Die DB gehört übrigens auch hier mit dazu.

Das Nürnberger wird das erste komplette S-Bahn-Netz für NX sein. Schielen Sie schon auf das mit bekannt vielen Problemen behaftete Netz in Berlin?

Nürnberg stand ursprünglich gar nicht auf unserem Programm, wir hatten uns voll auf die S-Bahn-Ausschreibung in Berlin konzentriert und dort sehr viel Geld für Sachverständige, Gutachter und Anwälte investiert. Das Verfahren dort war eine einzige Katastrophe mit über 1000 Änderungen. Mein Eindruck war, dass die Politik dort die Vergabe mit Gewalt der DB zuschlagen wollte. Nun gut: Berlin scheint eine reiche Stadt zu sein, benötigt keinen wirtschaftlichen Nahverkehr und kann sich auch Geisterflughäfen leisten. So haben wir schweren Herzens entschieden, dort auszusteigen und hatten plötzlich Kapazitäten für die Bearbeitung eines Angebotes für Nürnberg frei.

Es gibt ja andere private Regionalnetz-Betreiber in Bayern wie Agilis und Ihre eigene Vergangenheit, die heutige Netinera (Ihre frühere Regentalbahn): Wird sich NX auch an Ausschreibungen wie dem „Regensburg Stern“ mit Verbindungen beispielsweise nach Neumarkt beteiligen?

Das liegt in ferner Zukunft. Fast alle Linien sind durch langfristige Verträge vergeben. Hier stehen in nächster Zeit keine Ausschreibungen an.

Wer Sie kennt, weiß um Ihre Vorliebe für historische Eisenbahnen. Sie waren ja in Ihrer Zeit bei der Nürnberger Pressestelle der Deutschen Bahn stark in Eisenbahn-Jubiläen mit Schwerpunkt Nordbayern involviert. Was lassen Sie sich für die Zukunft in Nürnberg einfallen?

Ja, ich interessiere mich sehr für die Geschichte der Eisenbahn in Deutschland und bemühe mich um den Erhalt historischer Züge. Aber auch National Express aus dem Stammland der Eisenbahn weiß, dass Zu(g)kunft von Herkunft kommt. Deshalb soll es auch bei der S-Bahn Nürnberg einen „Nos-talgiefaktor“ geben, der an manchem Sonntagvormittag nicht nur bei Eisenbahnfreunden für eine Überraschung sorgen wird. Näheres wird noch nicht verraten.

Interview: Lothar Röhrl

Kommentar

Endlich Konkurrenz für die DB!

Jetzt bekommt die Deutsche Bahn mit der britischen „National Express“ (NX) die Konkurrenz, die ihr viele täglich mit der Bahn reisende Menschen schon längst...

Das will die BEG

  • Alle Tickets inklusive:

    Die BEG erwartet die Anwendung des Gemeinschaftstarifs im VGN. Für den Ticketverkauf im Regionalverkehr über das Verbundgebiet hinaus muss „National Express“ die Preise und Beförderungsbedingungen der Deutschen Bahn anwenden. Anerkannt werden müssen neben den Nahverkehrsfahrkarten aller Eisenbahnverkehrsunternehmen auch die BahnCard sowie das Bayern-Ticket. Der Verkauf von Tickets für Züge des Fernverkehrs ist wünschenswert.

  • Verkauf in Neumarkt:

    Zudem verlangt die BEG einen personenbedienten Verkauf mit Mindestöffnungszeiten unter anderem in Neumarkt und Altdorf. Damit sei sicher, dass Kunden weiter einen Ansprechpartner für Beratung und Kauf von Fahrscheinen haben werden.

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