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Gesellschaft

„Wir haben uns im Krieg getroffen“

Bianca und Fabian Fischer aus Neumarkt begegnetem dem Elend auf den Fluchtrouten Europas. Das veränderte ihr Leben dauerhaft.
Von Violetta Paprotta, MZ

  • Serkan Eren (rechts)

Neumarkt.An einem kühlen Oktober-Nachmittag fährt Bianca Fischer Ali Güray Yalvaçli in einem verbeulten Opel Astra durch Nürnberg. Wenig später sitzen sie in einer kleinen Wohnung auf einem bunt gemusterten Teppich: die junge Frau aus der Oberpfalz, der türkische Aktivist, ein afghanischer Vater und seine vierjährige Tochter. Auf den Fotos von dem Treffen wird man später die Kleine, Bianca und Ali lachen sehen. Doch es wird vor allem geweint an diesem Nachmittag.

Ali traf diesen Mann und sein Kind schon einmal an einem anderen Ort: Bei Çesme, in einem exklusiven türkischen Ferienort mit rund 40000 Einwohnern, 80 Kilometer westlich von Izmir. Großstädter aus Istanbul haben hier Ferienhäuser. Doch der Vater und seine kleine Tochter waren nicht nach Çesme gekommen, um dort Urlaub zu machen. Sie waren auf der Flucht, eine afghanische Familie – auch eine Frau und ein neun Monate altes Baby gehörten dazu. Sie wollten ein Boot nehmen, um auf eine griechische Insel zu gelangen, Chios. Von Çesme aus kann man die Insel gut erkennen, mit der Fähre fährt man 20 Minuten dorthin, für 25 Euro, unterwegs wird Tee serviert. Doch Flüchtlinge müssen in ein Schlauchboot steigen.

Ali weiß nicht mehr, wie oft er Menschen vor der gefährlichen Überfahrt, den unberechenbaren Strömungen gewarnt hat. Selbst wenn die Flüchtlinge seine Worte ernst nehmen, sehen sie keine Alternative. So auch die afghanische Familie, von der am Ende nur der Vater und das vierjährige Mädchen nach Deutschland gelangten. Mutter und Baby ertranken im Mittelmeer.

Stuttgart, Advent 2015. Bianca, Junior-Producerin bei einer schwäbischen Filmproduktionsfirma, löste in diesen Tagen ein Lager mit Filmrequisiten auf. Wohin mit all der Kleidung? Auf Facebook entdeckte sie Serkan Eren und Steffen Schuldis. Der Lehrer und der Daimler-Mitarbeiter organisierten gerade zum zweiten Mal auf eigene Faust eine Hilfslieferung für Flüchtlinge. Als die junge Frau die Klamotten anlieferte, blieb sie spontan, half dabei, 350 Transportkisten zu packen, und unterhielt sich mit den beiden. Am Ende des Tages stand fest: Sie ist künftig mit dabei.

Raus aufs Meer

Ziel dieser Tour über Thessaloniki war Chios, eine Insel, die neben Lesbos einer der Hauptankunftsorte von Flüchtlingen war. „Wir hatten damals nicht die Idee, dort an den Strand zu fahren und Leute aus dem Wasser zu ziehen“, sagt Bianca heute. Aber schließlich taten sie genau das: Sie halfen Menschen aus dem eiskalten Meer. Dabei waren in den ersten Tagen ihres Aufenthalts auf der Insel gar keine Boote angekommen. Das Wetter war zu schlecht. Zeit für die Helfer, ein Lager für die Hilfsgüter einzurichten. Doch dann kamen in einer Nacht rund 2500 Menschen. Männer, Frauen, Kinder, Säuglinge, Greise. Auf Chios hatte man sich trotz fehlender offizieller Organisation längst auf Flüchtlinge eingestellt. Es gab Teams mit Freiwilligen aus ganz Europa und Nichtregierungsorganisationen (NGOs). Doch in dieser Nacht wurde jeder gebraucht.

Autos, vollgestopft mit Isolierdecken, Socken, Hosen, Schuhen und Mützen, fuhren Patrouillen am Strand. Rollerfahrer spähten an Küstenabschnitten, die mit Autos nicht erreichbar waren, hinaus aufs Meer. Wer ein Boot entdeckte, gab die Stelle sofort über eine eigens für diese Nacht gegründete Whatsapp-Gruppe weiter. Wer in der Nähe war, übernahm. Das hieß: Raus aufs Meer. Panischen Menschen helfen, ans Ufer zu gelangen. Kinderfüße trocken rubbeln, schreiende Mütter beruhigen, Decken verteilen, eilig nach halbwegs passender Kleidung suchen. Denn alle, die hier ankamen, waren nass und unterkühlt.

„Der Stress und die Stimmung sind mit nichts vergleichbar“, schilderte Serkan hinterher. „Um darüber nachzudenken, ist kaum Zeit. Alleine schon für die Entscheidung verantwortlich zu sein, wem man bei 50 Personen zuerst hilft, ist kein gutes Gefühl.“

In dieser Nacht rief Bianca ihre Schwester zu Hause in der Oberpfalz an. Fassungslos vor Entsetzen, weinend. Es ist eine Sache, Flüchtlinge in der Tagesschau zu sehen. Und eine ganz andere, ihnen in die Augen zu sehen. „Psychologisch wäre es sicher besser gewesen, darauf vorbereitet zu sein“, sagt Bianca rückblickend. „Mit unseren Leuten machen wir das inzwischen anders und briefen sie.“

„Unsere Leute“, das sind die Freiwilligen, die Bianca, Serkan und Steffen seit einiger Zeit in Teams immer wieder auf die Reise schicken – unter dem Dach von „Balkan Route Stuttgart e.V.“. So heißt der Verein, den die drei gegründet haben. Denn so sehr sie von ihren Erlebnissen auf Chios geschockt waren, ein Zurück gab es für die Gruppe jetzt nicht mehr. „Wir wollten zumindest im Kleinen etwas verändern“, erklärt Bianca ihre Motivation. „Mir wäre es lieber, das würden andere machen, die das Geld oder die Macht dazu haben und sich besser auskennen. Aber es tut halt keiner etwas.“

Zumindest geschah in der Folgezeit wenig, um die Lage der Flüchtlinge zu verbessern. Getan wurde durchaus etwas: Hotspots wurden errichtet, die Flüchtenden kaserniert. An die hinter Stacheldraht weggesperrten Menschen kamen die Helfer kaum noch heran. Der Türkei-Deal sorgte schließlich dafür, dass zunächst keine Boote mehr eintrafen.

„Hier sterben Menschen. Jeden Tag“

Ali Güray Yalvacli hilft einem Flüchtlingskind bei den Hausaufgaben.
Ali Güray Yalvacli hilft einem Flüchtlingskind bei den Hausaufgaben.

Kurzerhand entschieden sich Bianca und Serkan, im März 2016 in die Türkei zu fliegen. Auf Chios empfahl jeder ihnen Ali als Kontakt. Denn der hatte sich inzwischen einen Namen gemacht – und seinem Verein den Namen „Imece Inisyatifi Çesme“ gegeben. Imece steht für Solidarität. „Inisiyatifi“ bedeutet Initiative. Und Çesme ist der Ort, an dem Ali versucht, die Welt ein wenig besser zu machen. Ein kleines Café im Zentrum mit einem Lager daneben ist sein Stützpunkt.

Viele Studenten packen hier mit an. Denn Ali, ein studierter Philosoph, war früher Dozent. Doch seit er vor drei Jahren seine Initiative gegründet hatte, rückte seine vorherige Arbeit zunehmend in den Hintergrund. Er kümmert sich Tag und Nacht um Flüchtlinge. Rund 5000 Menschen sind es derzeit, in einem Radius von etwa 250 Kilometern rund um Çesme. Finanziert werden die Hilfsgüter über Spenden aus der ganzen Welt. Weil Ali – ein ruhiger, besonnener Mann – mit Küstenwache und Polizei gut klarkommt, lassen sie ihn seine Arbeit machen.

„Hier sterben Menschen. Jeden Tag“, sagt Ali. Früher, erzählt er, habe er noch gern mit den Kindern gespielt und sie mit Zaubertricks zum Lachen gebracht. „Damit hört man irgendwann auf.“ Zu oft hat er danach ihre kleinen, von den Wellen zurückgespülten Körper tot aus dem Meer gezogen.

Er trägt den Titel „Uferlos“ und zeigt minutenlang die zurückgelassenen Habseligkeiten von Flüchtlingen. An dem azurblauen Meer mit seinen bildschönen Stränden wirken Decken, Kleidung, Rucksäcke und Plastikplanen wie Fremdkörper. So fremd, wie die Flüchtenden selbst in einer Welt, die sich ihnen feindselig verschließt. Europa hat dichtgemacht. Hat das Elend ausgesperrt.

Die Teams von „Balkan Route Stuttgart“ hingegen gehen mitten hinein in dieses Elend. Der Verein hat viele Monate Chios unterstützt, mit Sach- und Geldspenden und indem der Verein die Miete für die Lagerhalle trug. Mittlerweile hat sich der Schwerpunkt der Arbeit in die Westtürkei verlegt. Seit Mai waren durchgehend wechselnde Teams, gut vorbereitet und entsprechend effizient, vor Ort. Und während Bianca hilft, Grundnahrungsmittel und Hygieneartikel zu verteilen, fällt ihr unweigerlich ins Auge, was mindestens genauso dringend nötig wäre: Ärzte, psychologische Betreuung, Beschäftigung für die traumatisierten Kinder, Bildung. „Diese Kinder sind die Zukunft und sie werden unsere mitbestimmen“, sagt Bianca. „Spätestens dann, wenn sie erwachsen sind, werden sie auf die Welt zugehen, und zwar genau so, wie sie die Welt kennen gelernt haben.“ Sie sagt: „Was wir im Moment leisten, ist sehr notwendige, aber kurzfristige Hilfe. Wir müssen langfristig denken, damit die Menschen eine wirkliche Chance haben.“ Künftig soll deshalb die Zusammenarbeit mit Ali und IMECE weiter ausgebaut werden.

Minderjährige Flüchtlinge suchen Anschluss

Fabian Fischer mit einem seiner Schützlinge: In einer Unterkunft in Neumarkt betreut der Sozialpädagoge Flüchtlinge.
Fabian Fischer mit einem seiner Schützlinge: In einer Unterkunft in Neumarkt betreut der Sozialpädagoge Flüchtlinge.

Daran, dass junge Menschen eine andere Seite von Europa kennen lernen, arbeitet rund 1700 Kilometer entfernt von Çesme Fabian Fischer, Biancas Bruder. Er betreut hauptberuflich unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in einer Unterkunft in Neumarkt. Die Wohngruppe im Haus St. Marien, die vom Pädagogischen Zentrum Parsberg geführt wird, ist für zehn junge Menschen ausgelegt. Die sechs Betreuer – Sozialpädagogen – sind abwechselnd im Schichtbetrieb für sie da. Sie helfen ihren Schützlingen, sich in einer fremden Umgebung zurechtzufinden, ihren Alltag zu strukturieren, zu lernen und Lehrstellen zu finden. Das alles in enger Kooperation mit dem Jugendamt. „Vor allem versuchen wir, ihnen Sicherheit zu vermitteln“, erklärt Fabian. „Wir sind ihr Familienersatz.“

An gutem Willen mangelt es den Teenagern nicht. Sie haben auf ihrer Flucht bewiesen, dass sie Durchhaltevermögen, Mut und Anpassungsfähigkeit besitzen. Jetzt suchen sie in Sportvereinen Anschluss, kämpfen sich durch Sprachkurse und Schulunterricht, absolvieren Praktika. Immer mit der Sorge um die Menschen im Hinterkopf, die sie zurückgelassen haben. Minderjährige werden oft von ihren Familien vorausgeschickt, um den Rest irgendwann nachzuholen oder wenigstens Geld zu schicken. Eine große Last auf den Schultern der Jungen und Mädchen. Dazu die entsetzlichen Erlebnisse während ihrer Flucht und die Angst vor Abschiebung. Dass sie sich überhaupt aufs Lernen konzentrieren können, wundert Fabian oft.

Doch es gibt bereits Erfolge: Ein Junge ist Friseur in Neumarkt geworden, zwei haben vor Kurzem eine Ausbildung zum Maschinen- und Anlageführer begonnen, ein anderer hat für seine Arbeit beim Bauhof viel Lob bekommen. Die Wohngruppe beteiligte sich am Neumarkter Stadtlauf, und auch privat gibt es zunehmend Kontakte zu Einheimischen. Viele Bürger im Landkreis engagieren sich in der Flüchtlingshilfe oder im Verein „Chancen statt Grenzen“.

Wenn sich Ehrenamtliche rechtfertigen müssen

„Man muss sich immer überlegen, wie man selbst behandelt werden möchte, wenn man in so eine Lage gerät“, sagt Fabian. „Die Welt ist nicht gerecht. Jetzt hätte theoretisch jeder von uns die Möglichkeit, dem Ganzen zumindest etwas entgegenzusetzen und ein bisschen mehr Gleichgewicht herzustellen.“ Was Fabian ärgert, ist die oft unsachliche Argumentation von Politikern. Es wäre besser, sich an die Fakten zu halten, findet er. Menschen, die Flüchtlinge unterstützen, werde andernfalls die Arbeit oft schwergemacht. Viele müssten sich für ihr Engagement rechtfertigen. Anerkennung gibt es hingegen von Ali – er schaut sich bei seiner Durchreise von Nürnberg nach Berlin die Unterkunft in Neumarkt an und findet die Arbeit, die hier geleistet wird, vorbildlich.

Auch deshalb, weil die Betreuer bei allen Integrationsbemühungen ihrer Schützlinge darauf achten, dass die jungen Menschen nicht ihre Identität abstreifen. Es sind Kleinigkeiten wie traditionelles Kochen oder grüner Tee, die die Teenager an ihre Heimat erinnern. Dabei fällt Fabian oft auf, wie viele Gemeinsamkeiten er mit diesen jungen Leuten hat. „Wir können über ähnliche Dinge lachen und haben gemeinsame Themen. Nur eben einen anderen kulturellen Hintergrund.“

Bianca fühlt sich ohnehin längst nicht mehr als Deutsche, sondern als Weltbürgerin. Die guten Seiten der internationalen Gemeinschaft hat sie durchaus kennen gelernt, unter anderem in dieser schlimmen Nacht auf Chios. Neben den Griechen waren da Dänen, Norweger, Franzosen, Texaner und Spanier. Letztere traf Bianca auf ihrer Rückreise zufällig wieder an Bord der Fähre. „We’ve met in war“, sagte da der eine zu ihr. „Wir haben uns im Krieg getroffen.“

Das ist etwas, das den Helfern zu schaffen macht: Dass Krieg herrscht, die Welt an allen Enden brennt – und in Europa herrscht weitgehend Alltag. „Das ist der einzige Vorwurf, den wir uns manchmal machen: Dass wir durch unsere Arbeit den Regierungen das Gefühl geben: Läuft doch!“, sagt Bianca. „Wir fördern indirekt ihre Untätigkeit. Aber: Leute sterben lassen ist für uns auch keine Option.“

Dass der Flüchtlingsstrom nicht abreißen wird, steht außer Frage. Die Gefahr zu sterben schreckt nicht ab. „Wir sind schon lange tot. Leben ist etwas ganz anderes“, ist ein Satz, den Bianca schon häufig gehört hat. „Hoffnung ist das Brot der Verzweifelten“, sagt Ali. „Und jeder muss essen.“

Ob der afghanische Vater und sein Töchterchen in Deutschland bleiben dürfen, ist ungewiss. Die Abschiebung hängt wie ein Damoklesschwert über ihnen. Sie haben so viel verloren. Im schlimmsten Fall: umsonst. Bianca wird sich jetzt auch um diese beiden kümmern, Kontakt zu den Behörden aufnehmen. Die Großeltern der Vierjährigen sind nahe Heilbronn gelandet. Vielleicht kann Bianca helfen, wenigstens den Rest der zerrissenen Familie wieder zusammenzuführen.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

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