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Inklusion

Am Wurzhof wird Kaffee veredelt

In der Einrichtung der Rummelsberger Diakonie für Menschen mit Behinderung hat man mit einer Rösterei ein neues Projekt.
Von Gerd Schlittenbauer

Die stellvertretende Landrätin Heidi Rackl füllt symbolisch für die Eröffnung der Rösterei den Rohkaffee in die Maschine.
Die stellvertretende Landrätin Heidi Rackl füllt symbolisch für die Eröffnung der Rösterei den Rohkaffee in die Maschine. Fotos: Schlittenbauer

Postbauer-Heng.„Guter Kaffee ist wie Musik – beides berührt die Seele.“ In Holz geschnitzt, prangen diese Sätze am Eingang zur neuen Kaffeerösterei am Wurzhof bei Buch. Die Heimat für Männer und Frauen mit geistiger Behinderung verfügt seit Freitag nun auch offiziell über eine Kaffeerösterei – und verkauft sechs Sorten Kaffee an die Privatbevölkerung. Feierlich wurde von den Offiziellen am Freitagmittag das Band durchschnitten, das nun den Weg zur Kaffeerösterei freigibt.

Einen „Barista“ hat der Wurzhof jetzt, denn Heilpädagoge Ralph Bärtlein ist sozusagen der „Kaffeeröster-Chef“. Barista ist eine Tätigkeitsbezeichnung für jemanden, der für die Zubereitung des Kaffees verantwortlich ist. Michael Fritschi und Sabine Feierler stehen ihm zur Seite.

Neun Heimbewohner involviert

Die Kaffeerösterei am Wurzhof in der Marktgemeinde Postbauer-Heng wurde am Freitag feierlich eingeweiht.
Die Kaffeerösterei am Wurzhof in der Marktgemeinde Postbauer-Heng wurde am Freitag feierlich eingeweiht. Foto: Schlittenbauer

Neun Heimbewohner sind am Vorgang des Kaffeeröstens beteiligt und finden bei der Produktion eines ihrer Betätigungsfelder. „Sie sind in alle Arbeitsschritte eingebunden, außer in das Rösten selber“, sagt Ralph Bärtlein. „Motorik und Konzentration“ fördere dies bei den Menschen mit geistiger Behinderung. Wichtig sei „das Gefühl, ein wertvolles Produkt herzustellen“. Kaffee genieße in Deutschland hohe Wertschätzung. Für die Heimbewohner sei es zudem wichtig, „eine sinnvolle Beschäftigung zu haben in einem Land, in dem sich jeder für das Thema Arbeit interessiert.“

300 Kilo weißen Rohkaffee hat der Wurzhof zunächst einmal bei einem Großhändler in Hamburg bestellt, die nun peu a peu geröstet werden. Es entstehen Espresso und Filterkaffee, sortenrein oder in Hausmischungen. Ein Teil wurde bereits an Mitarbeiter verkauft, am Wurzhof können Privatleute zu den üblichen Öffnungszeiten Kaffee erwerben. „Wir haben jedoch noch keinen offiziellen Vertrieb“, sagt Barista Bärtlein.

Der Erste Bürgermeister des Marktes Postbauer-Heng, Horst Kratzer, sucht bereits nach einer Verkaufsstelle im Ort. Seiner Meinung nach käme der gemeindeeigene Kiosk „Ess-Bar“ am Bahnhof in Frage oder auch „Müsli und mehr“ am Marktplatz 19B. „Der Kaffeeduft soll auch durch das Rathaus ziehen“, lautet Kratzers Vision, der den Wurzhof in seinem Grußwort als „wichtigen Teil der Gemeinde“ würdigte.

„Ein neues Beschäftigungsfeld für die Bewohner“ sieht stellvertretende Landrätin Heidi Rackl in der neuen Kaffeerösterei am Wurzhof. Und Karl Schulz, Mitglied des Vorstandes der Rummelsberger Diakonie, sagte als einziger „Nicht-Franke“ im Vorstand Danke an Sponsor Stefan Thiel, dem für sein Engagement ein Präsentkorb überreicht wurde – und ein Gutschein, mit dem er lebenslang kostenlos eine Tasse Kaffee am Wurzhof konsumieren kann. „Jetzt fehlt hier nur noch eine Brauerei“, meinte Schulz scherzhaft.

Mehr zur Kafferösterei finden Sie hier:

2 Schritte der Kaffeerösterei

  • Schritt 1:

    Hier misst Barista Ralph Bärtlein die Roh-Kaffeemenge auf der Waage ab. Der Röster wird im Show-Room auf 200 Grad vorgeheizt. Zum Kaffeerösten braucht der Wurzhof auch einen Kamin, eine Mühle, eine Waage, eine Arbeitsfläche, eine Kaffeemaschine, Kaffeetüten und Produktlabels.

  • Schritt 2:

    Während des Röstprozesses ist ständige Kontrolle vonnöten, die hier beim Show-Rösten Heimleiter Uwe Niederlich übernimmt. Anfangs riecht der Kaffee dezent nach Graswiese, erst später entwickelt sich der beliebte Kaffee-Duft. Aus einem Kilo Rohkaffee werden rund 850 Gramm Röstkaffee. (ngs)

Georg Borngässer, Pressesprecher der Rummelsberger Diakonie, zitierte den irischen Satiriker Jonathan Swift: „Die beste Methode, das Leben angenehm zu verbringen, ist, guten Kaffee zu trinken. Und wenn man keinen haben kann, so soll man versuchen, so heiter und gelassen zu sein, als hätte man guten Kaffee getrunken.“ Borngässer wies darauf hin, dass seit 1965 Menschen mit Behinderung am Wurzhof leben. Ihre Teilhabe an Arbeit und Beschäftigung sei ein Schwerpunkt der Arbeit der Rummelsberger Diakonie: „Vom Sortieren der Kaffeebohnen bis zur Verpackung des frischen Kaffees arbeiten nun in der Rösterei neun Heimbewohner gemeinsam mit einem Barista in kleinen arbeitsteiligen Schritten an der Herstellung besonderer Röstungen.“

Orientierung auf Bio- und Fair-Trade

Bei der Produktion von geröstetem Kaffee will der Wurzhof zunehmend in die Bio- und Fair-Trade-Richtung gehen, erklärte Barista Bärtlein. Er gibt die grünen Kaffeebohnen in den wurzhofeigenen Röster, wo sie per Trommelröstverfahren veredelt werden. Elf bis 20 Prozent an Volumen verlieren sie dabei. Und wenn am Schluss das letzte Häutchen von der Bohne platzt, ist die helle oder dunkle Röstung nach zehn bis 14 Minuten fertig. Danach muss der geröstete Kaffee noch auf das Gramm gewogen werden, denn schließlich will auch der Zoll nicht vernachlässigt sein.

Warum der Wurzhof ausgerechnet auf die Idee kam, Kaffee zu rösten, erklärte Einrichtungsleiter Uwe Niederlich anlässlich der Einweihung: „Unserem Barista war schnell klar, dass es in der Rösterei einiges Potenzial an verschiedenen Arbeitsschritten gibt, die unterschiedliche Talente ansprechen können: Sortieren, Wiegen, Kontrollieren, Verpacken, Schweißen, Lagern, Mahlen – also eine ganze Palette an Tätigkeiten, bis aus dem Rohkaffee genießbarer Röstkaffee wird.“

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