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Ein Landwirt aus Überzeugung

Über den Beruf des Bauern gibt es viele Vorurteile. Martin Pruy aus Harenzhofen ist einer und erklärt, warum er es gerne ist.
von Wolfgang Endlein

Harenzhofen.1975 gab es im Landkreis 6383 landwirtschaftliche Betriebe. 2013 waren es noch 2159, davon 634, die im Haupterwerb betrieben werden. Strukturwandel nennt sich das und in dessen Zug hat sich das Berufsbild des Landwirt erheblich verändert. Vor allem aber das Bild, dass die Menschen von diesem Beruf haben.

Immer mehr Menschen wissen wenig über Landwirtschaft – selbst in ländlichen Regionen. Die Vorstellung vieler: Bauer ist ein Beruf, der viel Zeit verschlingt für im Vergleich dazu verhältnismäßig wenig Verdienst. Dazu kein Urlaub, stattdessen Arbeit im Dreck und Gestank. Fazit: Ein unbequemer Beruf. Warum also sollte man heute noch Landwirt machen?

Martin Pruy sitzt in der Küche seines im alten Oberpfälzer Stil neu erbauten Hofes in Harenzhofen und hat einen Riesenspaß – obwohl er Landwirt ist. Oder vielleicht auch gerade deswegen. Es ist Mittagszeit, auf dem Tisch dampft das Essen und der drei Jahre alte Jakob unterhält den 35-jährigen Papa mit so manch kreativer Wortkreation.„Ai vergoogelt“ ist die neueste. Dazu gibt es witzige Grimassen. Dem Vater gefällt’s. Der Kopf ist hochrot vor lauter Lachen.

120 Kühe versorgt Martin Pruy auf seinem Hof in Harenzhofen. Fünfeinhalb Tonnen Futter fressen die Tier täglich.
120 Kühe versorgt Martin Pruy auf seinem Hof in Harenzhofen. Fünfeinhalb Tonnen Futter fressen die Tier täglich. Fotos: Endlein

120 Kühe und 150 Stück Jungvieh

„Das ist einer der großen Vorteile meines Berufes. Ich kann meine Kinder täglich erleben und Zeit mit ihnen verbringen, weil ich mein eigener Herr bin“, sagt Pruy, der gegenüber seines Wohnhauses in einem modernen Boxenlaufstall 120 Milchkühe hält. Im Ortskern von Harenzhofen stehen im Stall des väterlichen Anwesens weitere 150 Stück Jungvieh.

Sein eigener Herr waren auch schon Martin Pruys Vater Joseph und dessen Vorfahren – allerdings in wesentlich kleinerem Rahmen. Wer heute als Landwirt hauptberuflich überleben will, braucht eine gewisse Größe. Bei Martin Pruy sind es 80 Hektar, um sein Vieh ernähren zu können. Nur wer eine entsprechende Größe hat, kann im Umkehrschluss die Mengen produzieren und das Geld erwirtschaften, um die moderne Technik wie Traktoren oder Melk-Roboter finanzieren zu können. Und die ist notwendig, denn die für solch große Betriebe notwendige Arbeitskraft wäre heutzutage noch unerschwinglicher. Der Schluss aus all dem: Mehr denn je ist der Landwirt Unternehmer. Für Martin Pruy ist das aber nicht abschreckend. Für ihn liege darin ein Reiz, sagt er.

Der Harenzhofener ist Vorstandschef seines eigenen Unternehmens – und 270 Rinder sind seine Arbeiter. Oder wie Pruy sie nennt: Hochleistungssportler. „Und ich bin der Trainer.“ Als ein solcher hat er die Ernährung seiner Tiere im Blick – schließlich produzieren die Kühe 900 000 Kilogramm Milch im Jahr.

Fünfeinhalb Tonnen Futter, größtenteils Grassilage, aber auch teils Mais- und Sojafutter, verfüttere er täglich, erzählt Pruy beim Blick in eine große rote Maschine. Der Futtermischer ist an einen Traktor angehängt. Rührbesen vermengen Silage und Kraftfutter, bevor Pruy durch eine Gasse im Stall fährt und die Mischung bei den wartenden Kühen ausbringt.

120 Kühe ohne entsprechende Technik zu Höchstleistungen zu treiben, ist undenkbar. Auch auf dem Hof von Martin Pruy stehen mehrere der modernen Traktoren mit ihren mannshohen Reifen – der Traum vieler Jungen und auch so mancher erwachsener Männer. Pruy lebt ihn, wenn er sich hinter das Lenkrad eines solchen Gefährts setzt. Der Traum macht aber auch Arbeit.

Moderne Technik wie der Melkroboter erleichtern Martin Pruy die Arbeit, ist aber teuer.
Moderne Technik wie der Melkroboter erleichtern Martin Pruy die Arbeit, ist aber teuer. Foto: Endlein

Technik kann Gefühl nicht ersetzen

Arbeit, die technisches Wissen und handwerkliches Geschick erfordert. Noch so etwas, das Pruy an seinem Beruf begeistert. Selbst die Technik verstehen und reparieren können, das sei wichtig und zugleich schön, sagt der 35-Jährige, während er neben einem anderen Stück Hightech steht: dem Melk-Roboter.

Das gut zehn Meter lange Technikkunstwerk erleichtert Pruy das Leben. Er muss die Kühe nicht mehr einzeln zum Melken holen. Denn fast noch erstaunlicher als die Technik ist die trainierte Fähigkeit vieler Tiere, selbst den Melkstand aufzusuchen und sich vom Roboter melken zu lassen.

Was verdienen Landwirte?

  • Schwankungen:

    Die Einkommen der Landwirte sind starken Schwankungen unterworfen. Die Preise, die ein Landwirt für einen Liter Milch oder ein Kilo Fleisch erzielen kann, verändern sich ebenso von Jahr zu Jahr wie die Aufwendungen zum Beispiel für Saatgut, Dünger, Futtermittel und Energie.

  • Berechnungen:

    Im Durchschnitt der letzten fünf Jahre erzielten Haupterwerbsbetriebe laut dem Bundeslandwirtschaftsministerium einen jährlichen Gewinn von rund 51 600 Euro. Umgerechnet auf jedes Familienmitglied, das auf dem Hof mitarbeitet, resultiert daraus ein rechnerisches Einkommen von rund 34 400 Euro. Klein- und Nebenerwerbsbetriebe kommen auf ein deutlich geringeres Einkommen: Sie erwirtschafteten im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre rund 12 600 Euro pro Jahr und Familienarbeitskraft.

  • Aufwendungen:

    Davon müssen aber nicht nur die Aufwendungen für den Lebensunterhalt oder die Alterssicherung bestritten werden, sondern auch Rücklagen für künftige Investitionen gebildet oder Betriebsschulden getilgt werden.

  • Förderung:

    Einen wesentlichen Anteil am Einkommen der Landwirte hat die finanzielle Förderung der Landwirtschaft durch die Europäische Union, den Bund und die Länder.

Doch bei aller Technik, am Ende bleibt auch Raum für etwas, das Maschinen nicht haben: Gefühl. Herdenmanagement-Programme am Computer mögen sinnvolle Instrumente in einem Hightech-Stall sein, aber Pruy setzt immer noch viel darauf, die Stimmung unter den Tieren zu spüren. 20 Prozent seiner Arbeit finde inzwischen im Büro statt, der regelmäßige Gang durch den Stall sei aber unersetzbar. Es sei wie bei einer Fußballmannschaft, sagt der „Trainer“. Von der Stimmung unter den Tieren hänge die Leistungsfähigkeit ab.

Das Vater-Sohn-Gespann Martin und Joseph Pruy ist die treibende Kraft des Familienbetriebs.
Das Vater-Sohn-Gespann Martin und Joseph Pruy ist die treibende Kraft des Familienbetriebs. Foto: Endlein

Aber nicht nur der Gefühle wegen braucht es auch weiterhin Menschen in der Landwirtschaft. Bei aller Technik, Landwirt ist immer noch ein Beruf, bei dem man sich nicht vor Handarbeit scheuen darf. Martin Pruy hat das von Kindesbeinen bei seinem Vater miterleben können – und er kann es noch heute. Joseph Pruy ist immer noch mit im „Unternehmensvorstand“. Die Pruys sind damit die Regel. Nach wie vor sind die landwirtschaftlichen Betriebe im Landkreis vor allem Familienbetriebe, in denen mehrere Generationen mit anpacken.

Nicht die Stunden zählen

Die Fähigkeit anzupacken ist bei aller helfenden Technik noch immer eine Eigenschaft, die ein Landwirt mitbringen muss. Wenn sich Martin Pruy am Mittagstisch niederlässt, hat er gut und gerne schon fünf bis sechs Stunden Arbeit hinter sich. Um sechs Uhr ist er meist das erste Mal im Stall. Landwirt zu sein bedeute wie bei vielen Selbstständigen die Stunden nicht immer zu zählen, sagt Pruy. Etwa, wenn eine Kuh kalbt. Der Bauer ist dann in erhöhter Alarmbereitschaft – rund um die Uhr.

Aber das generelle Vorurteil, dass Landwirte keine Freizeit hätten, könne er für sich nicht bestätigen. „Wenn 17 Uhr ist, ist 17 Uhr – und dann kann ich vielleicht nicht immer, aber doch meist Feierabend machen. Ich muss es nur auch wirklich tun“, sagt Pruy. Man müsse sich selbstdisziplinieren können. Auch Urlaub sei für ihn kein unbekanntes Wort. „Man muss sich das organisieren“, sagt der 35-Jährige. Er habe Menschen, die ihm während seiner Abwesenheit den Hof führten.

Nicht nur deswegen, sondern auch mit Blick auf die vergangenen Jahre sagt Pruy: „Der Landwirtschaft geht es insgesamt recht gut“. Was kommt, das macht Pruy jedoch schon ein wenig Sorge. Was, wenn sich der Strukturwandel weiterhin beschleunigt? „Aber wir werden es schon packen. Da ist mir nicht bange“, sagt Martin Pruy. Er hat Spaß, obwohl er Bauer ist – oder vielleicht auch gerade deswegen.

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