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Leichtathletik

Kollers Weg von Addis Abeba nach Berlin

Die Reise des gebürtigen Äthiopiers Jonas Koller aus Velburg zur Heim-EM war besonders – und ohne Familie unmöglich.
Von Thorsten Drenkard

Jonas Koller läuft am Sonntag im Marathon bei der EM. Foto: Eibner
Jonas Koller läuft am Sonntag im Marathon bei der EM. Foto: Eibner

Velburg.Am 22. März 1993 ist Jonas Koller zur Welt gekommen. So steht es zumindest in seinem Ausweis. Denn genau weiß das niemand. Koller ist ein Findelkind. Die ersten sechs Monate seines Lebens wuchs er im Waisenhaus in Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens auf.

Damals vor 25 Jahren erschien es absurd, dass Koller einmal im Oberpfälzischen Velburg aufwachsen und im Jahr 2018 für Deutschland bei einer Leichtathletik-Europameisterschaft als Marathonläufer starten würde.

Am Sonntag um 10 Uhr wird für den heute 25-Jährigen aber „ein Traum wahr“. Dann, wenn er mit den europäischen Spitzenläufern 42,195 Kilometer durch Berlin laufen wird.

Jonas Koller läuft häufig an der Spitze des Feldes. Foto: Brüssel
Jonas Koller läuft häufig an der Spitze des Feldes. Foto: Brüssel

Vom Waisenkind zum Topläufer, von Addis Abeba über Velburg nach Berlin ist es ein außergewöhnlicher Weg für den Athleten der LG Telis Finanz Regensburg gewesen. Eine aufregende Reise für den „bayerischen Äthiopier“, wie sich Koller launig selbst bezeichnet. Ohne seine Familie und seine Förderer stünde er „heute niemals hier, wo ich jetzt bin“, weiß Koller.

Seine Familie, das sind Mama Rita, Papa Peter und die vier Schwestern Ruth, Judith, Susanne und Raphaela.

Rita Koller war es, die sich 1993 in ein Flugzeug in Richtung des vom Bürgerkrieg schwer gezeichneten Addis Abeba gesetzt hatte, um ihren Jungen aus den dunklen Räumen des Waisenhauses zu sich zu holen.

„Es hat sich alles gelohnt.“

Rita Koller über die Adoption von Jonas Koller

Den Flug ins Ungewisse hatte ihr Vater Alois Heigl mitfinanziert. Ein Grund, weshalb Jonas Kollers Geburtsdatum auf den 22. März datiert wurde – es ist der Geburtstag seines mittlerweile verstorbenen Opas gewesen.

Im Herbst 1993 nachdem sie in Äthiopien gelandet war, habe sie zunächst „einen Kulturschock erlebt“, erinnert sich die heute 62-jährige Rita Koller noch genau. Ebenso an jenen berührenden Moment, als sie ihren Sohn erstmals in den Armen hielt. „Ich habe ihn gedrückt und von da an war er mein Junge“.

Hier sehen Sie eine Bildergalerie aus dem Leben von Jonas Koller:

Bilder aus dem Leben von Jonas Koller

Viereinhalb Jahre hatten sie und ihr Mann von der Adoptions-Antragstellung bis zur ersten Berührung ihres Kindes warten, bangen und hoffen müssen. „Aber es hat sich alles gelohnt“, sagt Rita Koller. Jederzeit würde die Familie wieder so handeln, da sind sich die Kollers einig.

Jonas Koller mag zwar der einzige in diesem Kreis sein, der adoptiert ist und eine dunkle Hautfarbe hat – aber er ist genauso wie die anderen ein waschechter Koller mit feinstem Oberpfälzer Dialekt. „Wir haben ein enges und sehr liebevolles Verhältnis in unserer Familie“, sagt der Dauerläufer.

„Nach außen wirkt er cool und ruhig. Aber er ist schon aufgeregt.“

Rita Koller über ihren Sohn

Da ist es selbstverständlich, dass die Eltern und zwei Schwestern samt ihrer Kinder an diesem Wochenende in Berlin mit dabei sind, wenn das Nesthäkchen der Familie sich erstmals im Herrenbereich mit der europäischen Läufer-Elite misst.

Mutter Rita kennt ihren Sohn ganz genau. „Nach außen wirkt er cool und ruhig. Aber er ist schon aufgeregt“, weiß die 62-Jährige, die dem Auftritt ihres Jonas ebenfalls nervös entgegenfiebert. Ebenso wie Vater Peter, der „natürlich sehr stolz ist“ auf seinen Jungen.

Als Jonas noch ein Kind und Jugendlicher war, da trainierte der heute 65-Jährige seinen Sohn von der F- bis zur B-Jugend bei den Fußballern des heimischen TV Velburg. Jonas stürmte und schoss auch seine Tore, vor allem aber rannte er unermüdlich seinen Gegenspielern auf und davon.

Hervorragendes Gespür gezeigt

Als er älter wurde, zeichnete sich das Ende als Hobbyfußballer ab. „Er ist vom Körperbau zu zart und fein“, sagt Papa Peter und verweist auf die 54 Kilo Körpergewicht seines Sohnes, die sich auf 1,74 Meter verteilen. Der Vater war es auch, der den damals 16-Jährigen zum Laufsport animierte – und damit hervorragendes Gespür verwies.

Bei seinem ersten Laufwettbewerb, dem Osterlauf 2009 in Velburg, jagte Jonas Koller gleich zum Oberpfalzmeister-Titel. Von da an ging seine Laufkarriere mit Riesenschritten voran.

Als Teenager landete Koller in Regensburg unter den Fittichen seines Förderers und heutigen Trainer-Vaters Kurt Ring. Zuletzt gewann er in Berlin den 25-Kilometer-Lauf (1:19:28 Stunden), bereits vergangenes Jahr erreichte er mit einer Zeit von 2:26:03 Stunden beim Frankfurt-Marathon die Norm für die jetzige EM.

Jonas Twitter bestens gelaunt am Leistungsstützpunkt in Kienbaum:

Bis gestern bereitete sich Koller zuletzt im Bundesleistungszentrum Kienbaum mit seinen Nationalteamkollegen auf seinen Wettkampf vor, darunter auch sein prominenter Trainingspartner Philipp Pflieger. Kollers Ziel für Sonntag: „Im Mittelfeld gut mitschwimmen und dann schauen, ob in den vorderen Bereichen vielleicht etwas geht.“ Vor allem aber möchte er „das Team gut unterstützen und mit einem guten Gefühl ins Ziel kommen.“

Wenn es nach dem freundlichen jungen Mann mit dem großen Ehrgeiz geht, soll dessen außergewöhnliche Reise in Berlin nicht zu Ende sein. „Die Olympischen Sommerspiele in zwei Jahren in Tokio sind ein Fernziel, für das ich mich reinhängen werde.“ Dabei ist ihm die treue Unterstützung seiner Familie und seiner Förderer gewiss.

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