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Flucht

Velburg: Familie droht die Abschiebung

Die Senalejans müssen innerhalb von einer Woche Deutschland verlassen. Viele Velburger wollen das nicht hinnehmen.
von Wolfgang Endlein

Vermieterin Bele Schneider (l.) und Nachbar Franz Fruth (r.) sind wie viele andere Velburger bestürzt, dass Anna Senalejan und ihre Kinder Georg (2.v.r.), Johannes und Elisabeth abgeschoben werden sollen. Durch zahlreiche Schreiben an das Bundesamt setzen sie sich für die Familie ein.
Vermieterin Bele Schneider (l.) und Nachbar Franz Fruth (r.) sind wie viele andere Velburger bestürzt, dass Anna Senalejan und ihre Kinder Georg (2.v.r.), Johannes und Elisabeth abgeschoben werden sollen. Durch zahlreiche Schreiben an das Bundesamt setzen sie sich für die Familie ein.Fotos: Endlein/Frey

Velburg.Wie wohl hunderttausend andere Kinder in Deutschland ist der kleine Johannes am Tag danach noch immer traurig. „Wir haben verloren“, sagt er. 0:2 gegen Frankreich. Wir, das sind die Deutschen. Johannes zählt sich dazu – der deutsche Staat tut das jedoch nicht. Gemeinsam mit seinen Eltern Simon und Anna sowie seinen Geschwistern Georg und Elisabeth soll er Deutschland verlassen – Richtung Armenien.

Simon Senalejan und seine Familie sollen abgeschoben werden. Diese Botschaft landete am Dienstag im Briefkasten ihrer Wohnung in Velburg. „Wie aus heiterem Himmel“, sagt Bele Schneider, die Vermieterin der armenischen Familie, die seit einem Jahr in ihrer Wohnung lebt.

Rechtsanwalt reicht Klage ein

Simon Senalejan habe doch schon die Duldung und die Arbeitserlaubnis gehabt, sagt Schneider. Aus ihrer Sicht waren das Hinweise auf einen positiven Bescheid für Senalejans Asylantrag. Doch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge entschied anders als von Schneider erwartet: Innerhalb einer Woche muss die Familie nun Deutschland verlassen.

Sie will aber nicht gehen. Deshalb hat die Familie durch ihren Rechtsanwalt Michael Hiemann Klage gegen den Bescheid erhoben (siehe Interview). Während die bürokratisch-juristische Maschine arbeitet, nagt die Ungewissheit sichtbar an Simon Senalejan, der mit leiser Stimme von seinen Gefühlen berichtet. „Ich kann mir nicht vorstellen von hier wegzugehen. Allein der Gedanke bereitet mir großen Stress.“

Er hat Angst vor der Rückkehr in sein Heimatland. Auch noch 16 Jahre nach seiner Flucht, die ihn über verschiedene Länder schließlich nach Deutschland führte, wo die Familie unter anderem elf Monate im Kirchenasyl im Kloster Plankstetten verbrachte.

Angst vor der Rückkehr nach Armenien

Als Auslöser für die Flucht nennt Simon Senalejan die Angst um sein Leben. Ein älterer Bruder sei in Armenien verschwunden. Die konkreten Vorgänge seien nichts, was er in der Öffentlichkeit erzählen möchte. Auch fotografieren lassen will er sich lieber nicht. Die Angst vor dem weiten Arm mächtiger Menschen in Armenien ist selbst in Deutschland sein Begleiter.

Genau an diese Begründung glaubt das Bundesamt nicht. Vielmehr bemängelt die Behörde, dass die eingereichte schriftliche Begründung nichts weiteres zu dem bereits in Polen gestellten ersten Asylantrag auf EU-Boden aufweise. Polen hatte den Antrag damals abgelehnt.

Vielmehr gehen die Beamten laut Bescheid davon aus, dass die Senalejans insbesondere wegen der Gesundheit ihres Sohnes Johannes, der einen Herzfehler hat, hier bleiben wollen. Ein Grund, der aus Behördensicht rechtlich nicht ausreichend für ein Asyl ist – und zur Abschiebung führt.

„Ein Beispiel für gelungene Integration“

In Velburg hat die Entscheidung Bestürzung ausgelöst. „Man hat den Eindruck es zählt nur noch das Papier und nicht mehr der Mensch“, sagt Franz Fruth. Der Nachbar hat die Senalejans ins Herz geschlossen. Auch Georg Denicolo, der die Familie im Kirchenasyl in Plankstetten kennengelernt hat, versteht das staatliche Vorgehen nur bedingt. „Der Staat gibt viel Geld für die Integration von Flüchtlingen aus. Und dann hat man mit den Senalejans ein Beispiel für sehr gut gelungene Integration – und die schiebt man dann ab.“

„Hier ist unsere Heimat“, bekräftigt Anna Senalejan das, was alle, mit denen man sich unterhält, über die Familie sagen: Die Senalejans seien sehr offen, lernwillig und bemühten sich enorm, sich zu integrieren. Beim Besuch bei der Familie fällt auf: Die Kinder sprechen akzentfreies Deutsch, mit dem sie sich auch mit den Eltern unterhalten. So viel Wille zur Integration hat aber auch seine Folgen: „Sie sind mehr mit der deutschen Kultur verwachsen als mit der armenischen“, sagt die Mutter, um lachend nachzuschieben: „Wenn ich armenisch koche, bleibt es immer für uns Eltern übrig“.

Unternehmer möchte Armenier weiter beschäftigen

Aber nicht nur die Integration der Kinder ist weit vorangeschritten, auch die Eltern bringen sich gesellschaftlich ein. Simon Senalejan hat beispielsweise für die jüngste Ausstellungsreihe „Blicke“ in Velburg ein Werk beigetragen. Auch Arbeit hat er sich gesucht. „Es würde mich schwer treffen, wenn er gehen müsste“, sagt Unternehmer Stefan Schön, der den Armenier befristet als Bauhelfer angestellt hat. Inzwischen steht für ihn aber fest: „Ich würde ihn dauerhaft beschäftigen“. Perspektivisch wäre eine Schreinerlehre möglich.

Ob daraus etwas wird, hängt aus Sicht von Bele Schneider davon ab, ob Simon Senalejan nach viel Kontakt auf dem Papier sein Schicksal im persönlichen Gespräch mit dem Bundesamt schildern darf. „Das ist wohl noch die einzige Chance“, sagt sie.

Bis zur Entscheidung will sie aber nicht still dasitzen, sondern aktiv werden. Bereits jetzt hat sie die Briefe vieler Velburger an das Bundesamt entgegengenommen, in denen diese sich für die Senalejans einsetzen. Schneider sammelt zudem Unterschriften am Samstag von 10 bis 12 Uhr auf dem Stadtplatz in Velburg.

„Das macht mir Hoffnung, das wir so viel Unterstützung von den Menschen hier bekommen“, sagt Simon Senalejan.

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