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Main-Donau-Kanal

Anneliese und die „Flusskreuzfahrer“

Die Gästeführerin muss sich beim Ausflug nach Weltenburg an ein enges Zeitkorsett halten. Wenn nicht – klingelt ihr Handy.
Von Beate Weigert

  • Bloß keinen verlieren: Gästeführerin Anneliese Lindner ist seit 18 Jahren „im Geschäft“. Foto: Weigert
  • Am Klösterl vorbei, geht es mit dem Schiff „Weltenburg“ zum Kloster durch die Weltenburger Enge. Foto: Weigert

Kelheim.Im Landkreis Kelheim steht bei der österreichischen Reederei Lüftner Cruises nur ein Ausflug nach Weltenburg zur Auswahl, aber nicht auf jeder Route. Anfang Juli begleitete ich daher die Gäste der „Amadeus Brillant“.

Peter Wolter, ein Busfahrer der Firma Hierl aus Kelheim, und Gästeführerin Anneliese Lindner nahmen die Passagiere an der Donaulände in Regensburg in Empfang. Anneliese kam mit dem Zug. 45 Minuten bevor es losgeht, stehen beide parat. Von den Gästen ist noch nichts zu sehen. Sie sitzen augenscheinlich noch beim Lunch im Restaurant. Wie fernes Geklapper vermuten lässt.

„Die sind müde, gestern war ein langer Tag in Linz“, prophezeit der Hoteldirektor. Bei „gefühlten 39 Grad“. Heute ist der letzte Tag der Flusskreuzfahrt. In der Nacht geht es zurück nach Passau und dort steigen alle aus. An Bord sind diesmal: Holländer, Australier, Kanadier, Israelis und drei Frauen aus den Arabischen Emiraten. 17 Gäste kommen mit. Die meisten eindeutig im Seniorenalter. Zwei so um die 50.

Der erste Bus hat Passagiere eines Nachbarschiffs aufgenommen, der zweite wartet auf die Passagiere der MS Amadeus Brillant Foto. Weigert
Der erste Bus hat Passagiere eines Nachbarschiffs aufgenommen, der zweite wartet auf die Passagiere der MS Amadeus Brillant Foto. Weigert

Zunächst heißt es „Anschnallen“ im Reisebus. Das werden die Gäste wohl unter typisch Deutsch verbuchen, denke ich. Anneliese stimmt ihre Schützlinge ein. Von Kelheim aus wartet eine Schifffahrt zur „Monastery of Weltenburg“. Dort werde „an outstanding church“, also eine außergewöhnliche Kirche besichtigt. Für jeden gibt es zudem „a dark beer from the oldest monastery brewery of the world and a pretzel“. Dann noch ein Fotostopp an der „Liberation Hall“ in Kelheim.

„Ist Bayern ein eigener Staat?“

Das ist Anneliese schon öfter gefragt worden.

Weil Anneliese schon öfter gefragt worden ist, ob Bayern ein eigener Staat ist, gibt es auf der Busfahrt die Basics samt Karten und Fotos. Von den Römern über die deutsche Nachkriegsgeschichte und immer auch etwas vom Wegesrand, das Papsthaus in Pentling etwa. Auf der Rückfahrt werden es die Gäste besser sehen können, sagt Anneliese.

Dass wir Bayern „proud about our beer“ sind, erklärt die 74-Jährige als nächstes und dass die wichtigste Zutat nur wenig weiter gedeiht. Ein Hopfengartenfoto lässt sie zum Beweis durch die Reihen gehen.

Mehr Bilder vom Weltenburg-Ausflug sehen Sie in unserer Bildergalerie:

Flusskreuzfahrt-Passagiere besuchen Weltenburg

Spätestens kurz vor Kelheim ist die Aufmerksamkeit trotz netter Anekdoten und interessanter Details erschöpft. Einige dösen, andere plaudern lieber.

Als die Truppe in Weltenburg das Schiff verlässt, zückt Anneliese ihr wichtigstes Accessoire, ihren orange farbenen Regenschirm. Der ist als Erkennungszeichen nötig, denn zahlreiche andere Gruppen anderer Kreuzfahrtschiffe machen dieselbe Tour.

Wenig später im Biergarten wird sich eine Dame von Scenic Tours aus Versehen an den Amadeus-Tisch setzen. Schnell war sie jedoch von ihrem Guide dort wieder weggefischt.

Wer wann in die berühmte Klosterkirche darf, ist genau festgelegt. Jeder Gästeführer hat sein Zeitfenster. Als ihre Truppe dran ist, geht es schnell hinein.

„Der heilige Georg rettet keine Prinzessin vor dem Drachen, sondern die Seele aus der Hölle“

, erklärt Anneliese in der berühmten Weltenburger Asamkirche.

Während Anneliese die Einzigartigkeit der Asam-Kirche erklärt, und dass der heilige Georg keine Prinzessin rettet, sondern die Seele aus der Hölle, macht ein Holländer neben mir den Nasentest. Nach einem kleinen dunklen Bier kann der doch nicht so arg ausfallen, wie er mir glauben machen möchte, oder? Sein Zeigefinger trifft erst beim fünften, sechsten Mal die Nase.

Ob ihm Bier oder Barockkirche besser gefallen habe? „Die Kirche natürlich, ich will doch in den Himmel kommen“, sagt ein anderer Holländer. Eine Lehrerin, die die Senioren als Reiseleiterin begleitet, verrät, dass viele Männer von ihren Frauen zu dem Kultur-Trip überzeugt werden mussten. Vielleicht war der „Nasenmann“ ja auch nur ein Spaßvogel, der sich nur widerwillig dem Kulturtrip beugte und dies auf seine Art zum Ausdruck brachte... Egal!

Bloß keinen verlieren: Gästeführerin Anneliese Lindner ist seit 18 Jahren „im Geschäft“. Foto: Weigert
Bloß keinen verlieren: Gästeführerin Anneliese Lindner ist seit 18 Jahren „im Geschäft“. Foto: Weigert

Viel Zeit bleibt einem auf so einem Ausflug nicht. Auch nicht zum Grübeln. Die Interessierten lassen sich von Anneliese noch einmal schnell zeigen, wo sich die beiden Asambrüder selbst verewigten, die anderen warten ohnehin schon am Ausgang. Wer nicht gut zu Fuß ist, darf mit dem Shuttle bis zum Busparkplatz fahren, dort wartet Peter Wolter bereits auf die Ausflügler.

Die anderen laufen mit Anneliese das Stück zu Fuß. Zuvor zeigt die Kelheimerin, wo die „Liberation Hall“ von Weltenburg, das WC, zu finden ist.

Seit 18 Jahren ist Anneliese Lindner im Geschäft. Früher hat sie als Chefsekretärin bei einem Kelheimer Unternehmen gearbeitet. Sie ist so routiniert, dass sie gleichzeitig rückwärts laufen und den Hochwasserschutz von Weltenburg erklären kann.

Auf der Fahrt zum Michelberg hören die Gäste, dass es „no bears, no wolves in this region“ gibt. Oben angekommen, entscheiden einige, dass der Fußmarsch zur Befreiungshalle für sie zu anstrengend ist, sie bleiben im Bus sitzen.

Für die anderen geht es schnurstracks zum eingerüsteten Denkmal. Vor dem bereits fertig sanierten Part folgt eine kurze Erklärung. An der Stelle, wo man in die Weltenburger Enge hinabschauen kann, weicht die Reporterin vom Weg ab, um ein paar Fotos zu knipsen. Die Besucher folgen ihr auf dem Fuße und knipsen ebenfalls. Anneliese lässt sich nichts anmerken, doch für so etwas hat sie echt keine Zeit. Die Gäste müssen pünktlich zurück sein. Wenn nicht – werden sie angerufen. Dann hieß es schon mal: „Wo bleiben Sie, wir müssen ablegen!“ „Doch so weit kommt es heute nicht“, sagt Anneliese.

„So, jetzt kannst gleich Gas geben“, sagt Anneliese. Alle Passagiere sind wieder im Bus. Foto. Weigert
„So, jetzt kannst gleich Gas geben“, sagt Anneliese. Alle Passagiere sind wieder im Bus. Foto. Weigert

Auf dem Busparkplatz am Michelberg hat sie noch die Hoffnung, dass Busfahrer Peter jetzt dann gleich Gas geben kann. Doch wenige Meter später hängt er hinter der Bimmelbahn. Auf der B16 kann er kriechende Laster nicht wegzaubern. Peter Wolter kämpft mit dem Freitagnachmittagsverkehr.

Anneliese erzählt von Kelheim Fibres, dem BLG-Autoterminal. Im Sitz hinter mir atmet der Senior aus Holland mit dem Nasentest, als würde er im Reich der Träume eine Auszeit nehmen. Die meisten haben sich auf der Rückfahrt ohnehin ganz hinten Plätze ausgesucht. Es ist still, fast alle haben die Augen zu. Sie wollen ihre Ruhe.

Busfahrer und Gästeführerin kämpfen permanent gegen die Zeit: Auch hier auf dem Rückweg zum Schiff im Freitagabend-Stau bei Regensburg-Kumpfmühl Foto: Weigert
Busfahrer und Gästeführerin kämpfen permanent gegen die Zeit: Auch hier auf dem Rückweg zum Schiff im Freitagabend-Stau bei Regensburg-Kumpfmühl Foto: Weigert

Es ist 18.25 Uhr. In fünf Minuten sollten sie am Schiff sein. Doch sie stehen in Pentling im Stau. Peter biegt auf die Autobahn ab und Anneliese erklärt: „You wont‘t see the popes house again.“ Dafür seien alle schneller bei ihrem Abendessen. Auf der A93 sieht es nicht besser aus. Peter setzt seinen Bus in eine kleine Lücke in der Abfahrt nach Prüfening. Jetzt nur noch das letzte Stück durch die Stadt.

Vom Zeitstress von Busfahrer und Reiseführerin bekommen die Urlauber aus Australien, Kanada oder Holland nichts mit. Anneliese versucht es noch mit einem Witz: Papst Benedikt habe bei seinem Deutschlandbesuch einmal selbst Autofahren wollen. Der Fahrer gewährte ihm den Wunsch. Da wurden sie von einem Polizisten angehalten. Der wusste nicht, was er tun sollte. Per Funk wandte er sich an seinen Chef: „Ich habe gerade jemanden angehalten und weiß nicht, was ich tun soll. Ich habe keine Ahnung, wer das ist, aber es muss eine echt hohe Persönlichkeit sein. Papst Benedikt ist sein Fahrer.“ Einige kichern leise, der Rest ist erschöpft.

Um 18.42 Uhr biegt der Bus auf die Zielgerade ein. Jetzt muss Fahrer Peter nur noch zwischen einem Haufen Radfahrern und Fußgängern auf der Donaulände hindurch durchrollen.

Von zwei Musikern in Tracht werden die Gäste an Bord gespielt, die Müdigkeit scheint wie weggeblasen. Foto: Weigert
Von zwei Musikern in Tracht werden die Gäste an Bord gespielt, die Müdigkeit scheint wie weggeblasen. Foto: Weigert

Mit etwas Verspätung kommen alle an der Amadeus Brillant an. Der Hoteldirektor ist schon umgezogen. In Lederhose und Gillet steht er auf der Gangway. Schließlich ist bayerischer Abend. Zwei Musiker mit Akkordeon und Gitarre spielen die Gäste an Bord. Deren Müdigkeit scheint wie weggeblasen. Sie sagen Anneliese kurz Tschüss. Das Trinkgeld fällt nicht sehr üppig aus.

Schade, dass diesmal keine Amerikaner dabei waren. Die geben am meisten Trinkgeld und lachen gerne über Annelieses Witze. Australier dagegen seien Trinkgeld überhaupt nicht gewohnt. Das nennt man wohl unkalkulierbares „Berufsrisiko“.

Lesen Sie auch, was unsere Reporterin auf einer Flusskreuzfahrt durch den Kanal erlebte.

Alle Serienteile „25 Jahre Main-Donau-Kanal“ lesen Sie hier.

Auf der MS Silver II durch den Main-Donau-Kanal

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