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Wasserschutzpolizei

Auf Streife auf dem Main-Donau-Kanal

Christian Bauer und Josef Richter sind seit zehn Jahren ein Team–und sollen auf anderen Schiffen schonmal ein Bier trinken.
Von Katrin Böhm

  • Das ist ihr Wohnzimmer: Christian Bauer (l.) und Josef Richter unterwegs auf der WSP50 Foto: Böhm
  • Eines der beiden Boote der Wasserschutzpolizei Beilngries Foto: Böhm

Beilngries.Es riecht nach Wasser, nicht nach Meer, aber immerhin, nach Wasser. Die Hauptkommissare Christian Bauer und Josef Richter betreten ihr Revier, das sie so lieben – ihr Schiff, die WSP 50, einen netteren Namen gibt es nicht, ist ja immerhin ein Polizeischiff. Das Rolltor der schwimmenden Garage auf dem Kanal am Hafen Beilngries öffnet sich bedächtig, das Schiff schaukelt friedlich vor sich hin. Christian Bauer stellt den Schiffsradar an, Josef Richter parkt rückwärts aus, die Wellen schlagen sanft gegen den Schiffsbauch. Routine für die beiden – sie sind seit zehn Jahren ein eingespieltes Team. Jeder weiß, was der andere tut – und jeder weiß, dass der andere den Job ebenso liebt wie er selbst.

Früher waren sie bei den „Kollegen von grün“, wie man das bei der Wasserschutzpolizei sagt. Christian Bauer bei der Kripo in Ingolstadt, als Ermittler im Drogenmilieu, Josef Richter bei der Autobahnpolizei Ingolstadt. Bauer wechselte vor zehn Jahren aufs Wasser, weil ihn die Arbeit mit Rauschgift-Kriminellen, die immer wieder rückfällig wurden, zunehmend frustrierte. Josef Richter ist fast ein Mann der ersten Stunde – er kam 1993 zur Wasserschutzpolizei, ein Jahr, nachdem sie gegründet worden war. Der Kanal hat ihn, den gebürtigen Berchinger, schon immer begleitet und fasziniert. Als das Flussbett gebaut war, fuhr er mit dem Radl auf dem Grund spazieren. Und als er hörte, dass für die Wasserschutzpolizei ein Beamter gesucht wurde, bewarb er sich – wenig später trat er seinen Dienst an und kontrollierte sein erstes Schiff, das österreichische Schubboot „St. Florian“.

Ab 0,5 Promille gibt es Strafen

Ein altgedienter Schiffsführer saß dort am Steuer, erinnert sich Richter. Und der fragte ihn und seinen Kollegen erstmal, ob sie gern „ein Viertel“ trinken würden. Für jemanden, der von der Verkehrspolizei kommt, eine überraschende Frage, für einen Wasserschutzpolizisten zumindest damals etwas ganz Normales. Gerade bei alten Schiffsführern – auf dem Kanal gibt es keine Kapitäne – galt es als Sache der Akzeptanz, der Höflichkeit, erstmal gemeinsam was zu trinken und zu plaudern. Bier, Wein oder auch mal einen Kaffee. Gingen Polizisten nicht darauf ein, bockten die Schiffsführer, rückten Unterlagen nur widerwillig heraus. Ließ man sich darauf ein, zeigten sie bereitwillig alles her. „Das war dann eine ganz andere Ebene.“

Heute ist das nicht mehr ganz so. Schließlich gelten auf dem Schiff mittlerweile die gleichen Promille-Grenzen wie im Straßenverkehr – ab 0,5 Promille aufwärts wird geahndet. Freilich gibt es immer mal wieder einen, dem das wurscht ist, es sind aber deutlich weniger wie vor 15 Jahren. Schließlich ist für alle Schiffe tage- oder gar wochenlang Schluss, wenn einer im Rausch gegen eine Schleuse donnert.

Und dass wochenlang Schluss ist, das kann sich heute keiner mehr leisten, der auf dem Wasser unterwegs ist. Gerade bei den neuen, 135 Meter langen Schiffen, die mehrere Millionen Euro kosten, zählt jede Stunde. „Jeder Tag Stillstand ist tödlich für die“, sagt Christian Bauer. Die wirtschaftliche Entwicklung, dass es schnell gehen muss, hat auch vor dem Kanal nicht Halt gemacht, im Gegenteil – um mit der Konkurrenz auf der Straße mithalten zu können, gelten auch zu Wasser neue Spielregeln. Geschleust wird mittlerweile rund um die Uhr – früher war um 22 Uhr Schluss.

Mit Christian Bauer und Josef Richter auf Streife – das sieht so aus:

Auf Streife mit der Wasserschutzpolizei Beilngries

Doch Natur und Technik setzen Grenzen: Mal ist Hochwasser, mal Niedrigwasser, im Winter friert der Kanal gerne auch mal zu. Und jedes Jahr werden die Schleusen für drei, vier Wochen geschlossen, weil sie wieder hergerichtet werden müssen, Revision nennt sich das. „Für die Burschen ist das alles nicht so einfach“, sagt Christian Bauer. Und dieser Satz sagt viel über die Einstellung der Beilngrieser Wasserschutzpolizisten – sie sehen sich in ihrer Rolle eher als verständnisvolle Kollegen denn als autoritäre Staatsmacht. Sicher, mit Recht muss es schon zugehen und wer Mist baut, wird zur Rechenschaft gezogen, aber „man redet schon erst einmal untereinander. Ich rumpel nicht auf ein Schiff und sag: Da muss ich jetzt was finden“, sagt Josef Richter. Man duzt sich, das gehört dazu, „und man ist auch ein bissl ein Psychologe“.

Das Leben in einer eigenen Welt

Denn die Schiffsführer, die leben meist in ihrer ganz eigenen Welt. Manche von ihnen sind Choleriker, manche verlangen, dass man die Schuhe auszieht. Manche lassen die Polizei nicht ins Steuerhaus, andere sind extreme Geizkrägen, die an allem sparen, obwohl es Vorschrift ist, und übelst schimpfen, wenn das entdeckt wird und sie zur Kasse gebeten werden. Einer hat immer seine zwei Kampfhunde dabei – jedes Mal gibt es Diskussionen, dass er sie erst wegsperren muss, ehe die Polizei aufs Schiff kommt. Die meisten dieser Pappenheimer kennen Christian Bauer und Josef Richter – denn es sind immer wieder dieselben Schiffe, die ihr Revier kreuzen. Auf jedem Schiff waren sie zwar noch nicht, sie kennen aber alle Namen und wissen, wie die dazu gehörenden Schiffe aussehen. Auch die meisten Schiffsführer kennen die beiden Polizisten schon. „Einer, der immer schimpft, ist mittlerweile schon ganz handzahm geworden.“

Die „Euroca“, die an diesem Mittwochvormittag auf dem Kanal unterwegs ist, haben Christian Bauer und Josef Richter schon öfter gesehen – kontrolliert haben sie das Schiff und seinen Schiffsführer bis dato aber nie.

„Kontrollen muss es geben. Ich find’ das sogar gut, sonst könnten doch die Firmen mit uns alles machen.“

Joachim Sengerski

Die Polizisten kündigen sich per Funk zur Kontrolle an, docken sanft an der Seite an und Josef Richter steigt über die Reling auf die „Euroca“. Das passiert während der Fahrt – die Schiffe sind so langsam, dass das problemlos funktioniert. Joachim Sengerski gehört zu denen, die keine Probleme machen. Der 60-Jährige sitzt am Steuerrad, fährt auf die Dietfurter Schleuse zu, vor ihm eine Thermoskanne Kaffee.

Begeisterter Schiffsführer: Joachim Sengerski mit seinem Rhein-Patent Foto: Böhm
Begeisterter Schiffsführer: Joachim Sengerski mit seinem Rhein-Patent Foto: Böhm

Langsam muss er machen, denn es ist ein anderes Schiff in der Schleuse, die „Euroca“ steht auf Warteliste. Der Polizeibesuch ist ihm nicht unrecht. „Kontrollen muss es geben. Ich find’ das sogar gut, sonst könnten doch die Firmen mit uns alles machen“, sagt Sengerski, der bei einer Reederei angestellt ist. Vor zwei Tagen ist er am Neckar gestartet, an Bord mit 1500 Tonnen Rohgipssteinen, die nach Regensburg müssen, an diesem Morgen ist er in Leerstetten aufgebrochen, seit 6 Uhr sitzt er hinterm Steuerrad, so steht es fein säuberlich im Bordbuch eingetragen, das Hauptkommissar Richter kontrolliert.

Ohne Frau „hätt‘ ich ein Hundeleben“

Seit über 40 Jahren steuert Joachim Sengerski Schiffe, „als ich als Schiffsjunge zum ersten Mal aufs Schiff kam, war ich glücklich. Ich bin zweimal im Jahr in Urlaub gefahren, das war’s.“ Glücklich ist er eigentlich immer noch. „Ich bin 60 und war noch nie krank. Und ich hab’ ein Privileg: Meine Frau fährt immer mit. Wenn sie da ist, geht’s mir wunderbar, dann hab’ ich zu essen und alles. Wenn sie nicht da wäre, hätt’ ich ein Hundeleben.“ Auch sein Schiff mag er, 1971 gebaut, 105 Meter lang, 9,50 Meter breit, 1600 PS, „das ist ein sehr schönes Schiff. Die mit 11,40 Meter Breite sind doch eine Katastrophe.“

In diesem Video gibt es ein paar Fakten zur Wasserschutzpolizei Beilngries:

Die Wasserschutzpolizei Beilngries

Einzig die Konkurrenz aus osteuropäischen Ländern macht dem 60-Jährigen zu schaffen. Für „Sklavenlöhne“ würden die Kollegen aus Bulgarien oder Kroatien arbeiten, da könne noch so schön 8,50 Euro auf dem Papier stehen. Trotzdem: Die Liebe zum Schifffahren, die wird ihn sein Leben lang nicht loslassen. Erst recht nicht, wo er im Schiffsbauch eine neue Anlage mit Schallschutz stehen hat. „Mein ganzer Stolz.“ Das darf man auch als Besucher ruhig glauben – die Maschinen sind sauber, der Boden geputzt, die öligen Putzlappen vorschriftsmäßig in einer feuerfesten Metallkiste verstaut – in manchem Keller sieht es nicht so ordentlich aus wie in diesem Maschinenraum. Findet auch Hauptkommissar Richter. „Passt alles“, befindet er nach seiner Inspektion – und steigt wieder auf die WSP 50 um.

13 km/h sind maximal erlaubt

Maximal sind auf dem Kanal 13 km/h erlaubt, auf der Donau hingegen herrscht freie Fahrt. Dass man auf dem Kanal nur so langsam fahren darf, liegt daran, dass es ein künstliches Bauwerk ist, sagt Hauptkommissar Bauer – so sollen Schäden verhindert werden.

Geschwindigkeitsübertretungen sind bei den trägen Binnenschiffen aber ohnehin eher kein Thema, hier geht es mehr um das Einhalten von Vorschriften. Die meisten Verstöße ahnden die Beilngrieser Polizisten wegen Vergehen gegen die Besatzungsvorschriften – immer wieder passiert es, dass ein Mann zu wenig an Bord ist oder jemand mit zu wenig Qualifikation. „Da spart man sich am meisten Geld.“ Manchmal ist einer auch nur beim Arzt oder kauft ein, das Schiff fährt in dieser Zeit ein paar Kilometer weiter und der fehlende Mann fährt mit dem Auto nach und steigt zwei Stunden später wieder ein. Erwischt die Polizei das Schiff ausgerechnet in dieser Zeit, hat der Schiffsführer Pech – und muss zahlen. Die Strafen sind deutlich teurer als auf der Straße – es geht überhaupt erst bei 200 Euro los und in einem Bußgeldverfahren kommen flott auch mal 2500 Euro zusammen.

Zwar kommen nur 30 Prozent der Schiffsbesatzungen auf dem Kanal aus Deutschland, die Sprache ist meistens aber kein großes Problem – denn die Funksprüche müssen in Deutschland in deutscher Sprache gesendet werden. „Und wenn es doch mal Probleme gibt, zückt einer sein Handy und ruft jemanden an, der dolmetscht“, sagt Richter. Schwieriger wird es da schon mit den vielen unterschiedlichen Dokumenten, die man auf einem Schiff braucht – denn auch die stellt jedes Land auf seine eigene Weise aus. Und so kann es passieren, dass Christian Bauer und Josef Richter vor einem Haufen kyrillischer Schriftzeichen sitzen. „Ein paar Brocken auf Englisch oder Französisch sind aber schon immer mit dabei.“

„Die Holländer kommen gerne mal und sagen, ihr Schiff sei holländisches Staatsgebiet und wir hätten da gar nichts zu bestimmen.“

Josef Richter

In der Regel kommen die Beilngrieser Polizisten mit allen Schiffsführern klar, am besten aber mit den Osteuropäern. „Die akzeptieren uns als Uniform-Träger und erledigen immer alles sofort.“ Schwieriger ist es da mit den Kollegen aus den Benelux-Ländern. „Die Holländer kommen gerne mal und sagen, ihr Schiff sei holländisches Staatsgebiet und wir hätten da gar nichts zu bestimmen.“ Von solchen Sprüchen lassen sich die beiden nicht abschütteln, „aber es kann schon manchmal anstrengend sein“.

Trotzdem würde keiner der beiden auf die Idee kommen, noch einmal die Dienststelle zu wechseln. Auch wenn sie mal bei den Landkollegen helfen, wenn bei denen einer ausfällt und dann zu einem Unfall oder einem Einbruch fahren, oder Umweltdelikte an Land aufklären, so lieben sie doch am meisten ihre Arbeit auf dem Wasser. Oder wie es Josef Richter sagt: „Der Kanal, das ist doch mein Wohnzimmer.“

Hier lesen Sie ein Interview mit dem allerersten Chef der Wasserschutzpolizei Beilngries.

Harald Knauer Foto: Renate Crabiell
Harald Knauer Foto: Renate Crabiell

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