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Natur

Blinde Passagiere machen sich breit

Schiffe als Vehikel, verbaute Ufer als Quartier: Auch findige Tiere nutzen massiv „Europas Wasserstraße“
Von Martina Hutzler

Ein altes Fahrrad im Kanal bei Riedenburg als Behelfsquartier: Die Wander- oder Zebramuschel nimmt als Unterlage, was sie kriegen kann. Ein Grund, warum sie als „invasive Art“ so erfolgreich ist. Foto: Petra Kolbinger /Archiv
Ein altes Fahrrad im Kanal bei Riedenburg als Behelfsquartier: Die Wander- oder Zebramuschel nimmt als Unterlage, was sie kriegen kann. Ein Grund, warum sie als „invasive Art“ so erfolgreich ist. Foto: Petra Kolbinger /Archiv

Kelheim. Einen skurrilen Fund zogen Riedenburgs Wasserwachtler im April bei einer Tauchübung aus dem Main-Donau-Kanal (MDK): ein verbeultes Radl, das sich in eine „Wohnanlage“ verwandelt hatte. Es war überwuchert mit der Dreikant-Muschel, wie eine Wissenschaftlerin der TU München bestätigte, auch „Wander-“ oder „Zebramuschel“ genannt. Sie zeigt: Flora und Fauna haben die „Wasserstraße, die Europa verbindet“, in ihr biologisches Navi aufgenommen.

Vielen Tieren und Pflanzen hat die Evolution das Mitreisen beigebracht: Kletten-Samen, der sich im Tierfell verhakt, Spinnen, die sich am eigenen seidenen Faden hunderte Kilometer „vom Winde verwehen“ lassen, Wasserlinsen, die Enten-Gefieder als Shuttle nutzen. Freilich – seit der Mensch aktiv seine Umwelt gestaltet, hat er wahre Wander-Autobahnen bereitet.

 Unverwüstlich: die Wander- oder Zebramuschel Illustration: obs/Degussa AG
Unverwüstlich: die Wander- oder Zebramuschel Illustration: obs/Degussa AG

Der MDK zum Beispiel verbindet mit Rhein und Donau seit 25 Jahren zwei Fluss-Einzugssysteme, in denen sich die 10 000 Jahre zuvor (seit der letzten Eiszeit) das Leben getrennt entwickelt hatte, schildert Maximilian Sehr vom Landesbund für Vogelschutz in einem Fachbeitrag. Seither, erklärt Sehr, nutzen „blinde Passagiere“ die Schifffahrt, und die Überleitung von rund 100 Millionen Kubikmetern Donauwasser, das im Schnitt jährlich ins trockenere fränkische Main-Gebiet gepumpt wird, somit ins Einzugsgebiet des Rheins. Aber nicht nur dadurch hat der MDK den Arten-Mix im Wasser gehörig aufgemischt.

Konkurrenz für „Ureinwohner“

„Wo der Kanal betoniert wurde, hat das die Molluskenfauna beeinträchtigt“, also das Arten-Inventar an Schnecken und Muscheln, fasst der Kelheimer Hans-Jürgen Hirschfelder zusammen. Er erforscht seit Jahren diese Molluskenfauna und stellt drastische Veränderungen fest. Die Altmühl war ein Fließgewässer mit Arten, die sauerstoffreiches Wasser brauchen, etwa die „Gemeine Flussmuschel“. „Sie wird wohl verschwunden sein“, schätzt Hirschfelder, denn der Kanal ist jetzt praktisch ein Still-Gewässer. Damit kommt eine weitere heimische Art klar, die Teichmuschel; sie gibt es nach wie vor im Kanal.

Hans-Jürgen Hirschfelder Foto: Beate Weigert/Archiv
Hans-Jürgen Hirschfelder Foto: Beate Weigert/Archiv

„Die Faunenveränderung ist schon groß.“

Hans-Jürgen Hirschfelder

Aber sie und andere „Ureinwohner“ spüren zunehmend Konkurrenz von drei Einwanderern, die sich in Kanal und Donau massenhaft vermehren. „In der Donau ist die ,Chinesische Körbchenmuschel‘ mittlerweile die am häufigsten zu findende Art“, beobachtet Hirschfelder. Damit wiederholt sich hier, was Forscher vom Rhein kennen: „Dort sind Kiesbänke oft zentimeterdick gepflastert“ mit der aus Südostasien stammenden Muschel.

Die Wandermuschel, ursprünglich in Europa heimisch, kehrt seit gut 200 Jahren vom Schwarzen Meer nicht nur nach Europa zurück, sondern erobert auch Amerika, dank internationaler Schifffahrt – wo sie als tonnenschwerer Ballast an Schiffsrümpfen Sorgen bereitet.

In der Bildergalerie sehen Sie, wie der Kanalbau die Landschaft verändert hat

Der Kanal verändert die Landschaft

Hierzulande wird sie schon von der nächsten Konkurrenz regelrecht überwuchert: „Die Quagga-Muschel besetzt dieselben Substrate wie die Wandermuschel, wächst aber schneller“. Warum die Bestände dieser ursprünglichen Schwarzmeer-Art derzeit fast explodieren, sei unklar, so Hirschfelder; jedenfalls kommt auch sie mit stehendem Wasser prima klar und besiedelt auch Holz- und Stahlpfosten.

Bei einer dritten Art vom Schwarzen Meer konnte man „zuschauen“, wie sie donau-aufwärts den Kanal als Wasser-Autobahn entdeckte, schildert Hans-Jürgen Hirschfelder: eine Kahnschnecken-Art, die seit etwa 2006 bei uns zu finden ist und mittlerweile via Main in den Rhein vorgestoßen ist. Dass ihr die Schiffe im Kanal als Vehikel dienten und seine Uferverbauung als Lebensraum, hält er für erwiesen: In der Vils, ebenfalls ein Donau-Zufluss, fehlen beide Voraussetzung – dort fehlt die Schwarzmeer-Kahnschnecke. Auch den Donaudurchbruch hat sie wohl noch nicht überwunden.

Suchaktion blieb ohne Erfolg

Insofern kann man ihr wohl nicht die „Schuld“ dafür in den Muschel-Fuß schieben, dass die heimische Donau-Kahnschnecke im Donaudurchbruch wohl verschwunden ist. Deren bislang einzige Vorkommen deutschlandweit hattet Hirschfelder 1994 entdeckt. „Seither ging der Bestand rapide zurück“; eine Suchaktion heuer blieb ganz ohne Erfolg.

Für Wissenschaftler sind solche Veränderungen in Flora und Fauna zunächst nur Fakten. Trotzdem: „Die Faunenveränderung ist schon dramatisch“, urteilt Hirschfelder, zumal bei invasiven Arten, die Massenbestände bilden und massiv bislang heimische Arten verdrängen. Dem Naturkundler ist indes auch klar, dass sich in Gewässern wie dem Kanal solche Invasionen nicht bekämpfen, kaum stoppen lassen. Das müssen wohl oder übel die Arten untereinander ausraufen.

Hoffnungssignale scheint es da bei einer invasiven Fischgruppe zu geben. Die „Schwarzmeer-Grundeln“ schwimmen zielstrebig donau-aufwärts und verdrängen heimische Arten – aber zumindest ihre Massenvermehrung scheint etwas gebremst, beobachtet Manfred Beck vom Kreis-Fischereiverein. Er vermutet, dass auch heimische Raubfische globalisieren. Auf deren Speiseplan steht jetzt wohl auch Schwarzmeer-Fisch.

Alle Teile der Serie „25 Jahre Main-Donau-Kanal“ finden Sie hier.

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