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Neuer Kanal

Die Zeiten für Naturschützer waren rau

Die Dietfurterin Marlene Gmelch-Werner kämpfte gegen den Bau – vergeblich. Sie wurde angefeindet und ausgelacht.
Von Katrin Böhm

Marlene Gmelch-Werner nimmt es auch 25 Jahre später noch mit, wenn sie sieht, welch tiefe Einschnitte Menschen der Landschaft rund um Dietfurt zufügten. Bücher wie dieses mag sie sich am liebsten gar nicht mehr anschauen. Foto: Böhm
Marlene Gmelch-Werner nimmt es auch 25 Jahre später noch mit, wenn sie sieht, welch tiefe Einschnitte Menschen der Landschaft rund um Dietfurt zufügten. Bücher wie dieses mag sie sich am liebsten gar nicht mehr anschauen. Foto: Böhm

Dietfurt. Dietfurt. Die Bücher bringen die Erinnerung zurück. Lange hat Marlene Gmelch-Werner sie im Schrank stehen lassen, weitgehend unbeachtet. Denn die Wunden sitzen tief. Die Fotos, die sie damals gemacht hat, sind verschwunden, wohin, weiß keiner so genau. Irgendwo vergraben hat sie sie, sagt sie – das mag metaphorisch gemeint sein. Daten-Sticks, CD-Kopien, das gab es in der Zeit, als man Filme noch im Labor entwickelte, nicht. Wenn die Vorsitzende des Bund Naturschutz in Dietfurt heute Fotos aus der Zeit, in der der neue Kanal gebaut wurde, anschaut, kommt alles wieder hoch. Wie es war, damals, als sie und die anderen Naturschützer als Utopisten hingestellt wurden, als Naivlinge, die keine Ahnung hätten von der Realität und wirtschaftlichen Notwendigkeiten.

Der Kanal spaltete nicht nur die Landschaft, er spaltete auch die Stadt. Das erfuhren jene, die gegen den Kanalbau Widerstand leisteten, am eigenen Leib. „Einem Elektromeister im Ort (er ist mittlerweile verstorben, Anm. d. Red.), dem sind die Leute aus dem Geschäft weggeblieben, weil er gegen den Kanalbau war“, sagt Gmelch-Werner. Das Bewusstsein für Natur und Umweltschutz habe noch in den Kinderschuhen gesteckt. „Ökologie, das war was für intellektuelle Spinner. Der Widerstand im gesamten Altmühltal, das war Pionierarbeit.“

Naturschützerin Marlene Gmelch-Werner auf den Irrlewiesen:

Der neue Kanal und der Naturschutz

Schwer sei es gewesen, gegen die Kommunal- und Landespolitiker anzukommen, „die den großen Segen versprachen“. Denn der Kanalbau und alles, was damit zusammenhing, die Auswirkungen auf die Natur waren heikel. Auf der einen Seite des Kanals würde es Wasserverluste geben, auf der anderen würde sich Wasser anstauen, so die Prognose. „Es gab also nicht überall das gleiche Argument, das war für die Leute nicht so einfach zu verstehen.“ Und so gab es nicht wenige Menschen, die sich mit dem Thema eigentlich gar nicht weiter auseinander setzen wollten, erinnert sich Gmelch-Werner. Zu kompliziert. Stattdessen hätten sie auf die Politik vertraut, dass das schon passen oder zumindest nicht so schlimm kommen werde.

Heute, 25 Jahre nach der Einweihung des neuen Kanals, hört die Naturschützerin oft, „dass das doch alles so schön grün geworden ist“. Und dass sie sich doch gar nicht so hätte aufregen müssen, damals. Wäre ihr Kampfgeist noch der selbe wie 1992, könnte die Diplom-Biologin jedes Mal aus der Haut fahren, wenn sie das hört. Meist reicht die Kraft dazu nicht, manchmal tut sie es aber doch. „Ich kann es nicht mehr hören. Natürlich ist es bequemer, sich nicht aufzuregen, aber genauso könnte ich sagen: Warum regt ihr euch denn nicht auf?“

„Alle, die daheim ein Gartencenter-Grün haben, bei denen alles picobello im Garten ist, finden das ja gut. Die sagen: Toll, das sieht so frisch und sauber aus. Und diese Einstellung kannst du nicht so schnell umkrempeln.“

Marlene Gmelch-Werner

Freilich sei es rund um den Kanal grün, „aber grün ist doch nicht gleich grün. Die Irrlewiesen schauen jetzt aus wie der englische Garten in München. Ich muss aber doch genau hinschauen, ob ich ein seltenes Niedermoor oder eine gemähte Wiese habe.“ Doch genau darin liegt für den Naturschutz das Problem: „Alle, die daheim ein Gartencenter-Grün haben, bei denen alles picobello im Garten ist, finden das ja gut. Die sagen: Toll, das sieht so frisch und sauber aus. Und diese Einstellung kannst du nicht so schnell umkrempeln.“

Diese Sendung war ein Skandal: Dieter Hildebrandt, Gerhard Polt und Gisela Schneeberger zerpflücken im Januar 1982 in der TV-Satiresendung „Scheibenwischer“ den Kanalbau:

Dabei seien die ökologischen Verluste immens – und das sei schon vor dem Kanalbau klar absehbar gewesen. 35 Hektar Niedermoor seien in den Irrlewiesen ausgetrocknet. Vor dem Kanalbau sei in einem juristischen Verfahren zwar ein Gutachten vorgelegt worden, das aussagte, dass keine Austrocknung zu erwarten sei – dabei sei jedem, der das Gelände kannte, ob Kanalgegner oder nicht, klar gewesen, dass genau dies passieren würde, sagt Gmelch-Werner. Seither hat sie Zweifel am Staat und an der Rechtmäßigkeit von Verfahren. Noch viel schlimmer hat es das Ottmaringer Tal getroffen. 35 Meter wurde dort in die Tiefe gegraben, es gibt Fotos, die Bauersfrauen zeigen, die mit entsetztem Blick am Rande der Baustelle stehen. Freilich sei auch hier einiges versprochen worden, sagt Gmelch-Werner. Das Niedermoor dort werde erhalten – eine Betonspundwand werde dafür sorgen, dass das Quellwasser, das das Moor speiste, nicht in den Kanal läuft. Das Moor werde weiter bewässert und erhalten, alles paletti, hieß es.

„Heute würde man mit uns nicht mehr so umgehen. Das ist eine Genugtuung. Allein dafür, dass wir heute so dastehen, ist es der Kampf immer wert gewesen.“

Marlene Gmelch-Werner

Die Naturschützer glaubten nicht daran. Niemals könne die RMD AG eine solche Wand bauen, die dicht sei, kritisierten sie – und so kam es dann auch, trotz der Versprechungen, das sei technisch kein Problem. „Aber wir wurden bei den Versammlungen wie Deppen hingestellt.“ Der Ton war rau in diesen Zeiten. Die Art des Umgangs belastet Gmelch-Werner 25 Jahre später noch. Zumindest ein kleiner Trost ist es für sie, dass nicht alles vergebens war. Der Kanal wurde gebaut, dennoch haben die Naturschützer nicht alles verloren. „Heute würde man mit uns nicht mehr so umgehen“, ist sich Gmelch-Werner sicher und verweist auf die Gegner der dritten Startbahn in München, die heute in ganz anderer Weise ernst genommen würden als sie damals. „Das ist eine Genugtuung. Allein dafür, dass wir heute so dastehen, ist es der Kampf immer wert gewesen.“

So sah es rund um Dietfurt vor, während und nach dem Kanalbau aus:

Und zum zweiten haben die Naturschützer trotz aller Verluste erreicht, dass es Geld und Ausgleichsprojekte gibt. „Ökologische Ausgleichsmaßnahmen“ heißt das im Fachjargon, der Landschaftspflegeverband gründete sich. Im Vergleich zum zuvor gebauten Teilstück des Kanals in Franken („das war für uns das krasse Horrorbeispiel“) sieht es im Altmühltal „relativ milde“ aus – dank des Landschaftsbegleitplans, der im letzten Teilstück verpflichtend war. Prinzipiell schön und gut, findet Marlene Gmelch-Werner. Wäre da nicht das Aber. „Zig Fälle“ könnte sie aufzählen, in denen das mit den Ausgleichsflächen nicht so klappt wie ursprünglich geplant. Die beackert und vereinnahmt werden, weil es keiner wirklich überprüft, sagt sie.

Irgendwann, so hofft Gmelch-Werner, muss damit doch mal Schluss sein. „Man muss sich fragen: Wann hört das auf? Wo ist die Grenze?“ Stattdessen hört sie immer wieder: „Da wurde doch eh schon so viel zerstört, da ist’s doch wurscht.“ Zum Jubiläum des neuen Kanals, da werden die Befürworter die Sektkorken wieder knallen lassen, Lobreden schwingen, ist Marlene Gmelch-Werner überzeugt. Für sie werden die Feste eine traurige Angelegenheit – sie werden sie an die Zeit erinnern, als man beschloss, „ein Wahnsinnsbauwerk der Natur vorzuziehen“.

Pfarrer Claus Petersen Foto: Röhrl
Pfarrer Claus Petersen Foto: Röhrl

Nicht nur Marlene Gmelch-Werner kämpfte, der Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Beilngries, Dr. theol. Claus Petersen, hielt einen „Gottesdienst zur Bewahrung der Schöpfung“ – und weigerte sich, den Kanal zu segnen.

Mit der neuen Wasserstraße kam ein lästiger GastErich Steindl ist seit 40 Jahren Angler. Hier lesen Sie, was er zum neuen Kanal sagt.

Erich Steindl Foto: Fuhrmann
Erich Steindl Foto: Fuhrmann

Alle Teile unserer Serie zum neuen Kanal finden Sie hier.

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