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Flusskreuzfahrt

Himmlischer Höllentrip im Kanal

Südamerikaner, Israelis oder Australier begeistert im Main-Donau-Kanal vor allem eins - die Schleusen. Der Rest ist relaxing.
Von Beate Weigert

  • „It’s amazing“: Die Technik der Schleusen begeistert nicht nur die Männer an Bord. Selbst wenn die Passagiere nicht so genau wissen, wo sie gerade entlang schippern. Die Schleusen sind ihr Highlight. Fotos: Weigert
  • Die MS Silver II an der Donaulände in Regensburg
  • Ist das die Riedenburg, fragten Erich und Ruth aus Costa Rica als sie die Zinnen über den Dächern der Stadt erblickten.
  • Die Frühaufsteher waren von der Holzbrücke bei Essing und die Randecker Ruine begeistert.
  • Hoteldirektor Andras Moszar (li.) und Cruisedirektor Günther Bayer
  • Burg Prunn – haben wohl die meisten Passagiere verschlafen.
  • Nur Vogelgezwitscher oder fernes Glockengeläut waren zwischen Riedenburg und Essing zu hören.

Kelheim.Fast lautlos ist das Schiff in diesen tiefen, dunklen Schlund geraten. Nun, wo es drin steckt, hört es sich an, als krächzte eine Möwe. Wenig später quält ein ungeübter Posaunist sein Instrument in einer Kathedrale. Es hallt und quietscht. Dann ist es urplötzlich totenstill. Die Kathedrale ist aus Stahl und Beton. Dicht gedrängt stehe ich mit Männern und Frauen älteren Semesters darin. Eine Wolke aus Sprachfetzen umgibt mich.

Was genau in Englisch, Hebräisch, Spanisch oder Holländisch gesprochen wird, verstehe ich nicht. Dass aber alle das, was gerade vor sich geht, gebannt verfolgen, ist auch so klar. Wir befinden uns auf dem Vorderdeck der MS Amadeus Silver II. Das Flusskreuzfahrtschiff steckt in der Schleuse Eckersmühlen am Main-Donau-Kanal.

Die Silver II ist ein „Premium“-Flusskreuzfahrtschiff. In acht Tagen erleben die Gäste an Bord die „Blaue Donau“ von Nürnberg bis Budapest. Die erste Etappe führt durch den Kanal und ich will einmal sehen, was Urlauber, die solch eine Tour buchen, von der Region, die sie durchqueren, überhaupt mitbekommen.

Unser Video zeigt die Einfahrt in eine der größten Schleusen am Kanal:

Da muss sogar der Kapitän den Kopf einziehen. Video: Beate Weigert

Die österreichische Reederei Lüftner Cruises ist lange im Geschäft und zählte zu den Ersten, die Flusskreuzfahrten auf dem Kanal anboten. Inzwischen ist der Markt umkämpft. Genauso wie die Positionen auf dem Kanal und an den Schifffahrtsländen. Wer vor den anderen da ist, ist am besten dran.

So sieht es an Bord aus, mehr Impressionen sehen Sie in unserer Bildergalerie:

Flusskreuzfahrt auf der MS Silver II, Teil 1

Nur ganz hinten und ganz vorne, wo die Matrosen die Taue um die Poller in den Nischen der Schleusenkammer hängen, ist jetzt noch Licht. Dort schwirren die Mücken. Doch selbst die Passagiere, die ganz außen stehen, haben kein Auge für sie. Blicke und Smartphones haben sie nach vorne und nach oben gerichtet.

Erst staunen, dann schnell ins Bett

Dann hebt sich Zentimeter für Zentimeter das Schiff. „How does it work?“, fragt sich wohl nicht nur ein sportlich aussehender Mittsechziger, dessen englischer Akzent sich nicht genau einordnen lässt. Fast 25 Höhenmeter wird das 135 Meter lange Schiff hier hochgehievt. Bald werden orangefarbene Scheinwerfer und die Reste der „blauen Stunde“ am Himmel sichtbar.

Einmal hochgeschleust gab es in Eckersmühlen die letzten Minuten der „blauen Stunde“ zu erleben.
Einmal hochgeschleust gab es in Eckersmühlen die letzten Minuten der „blauen Stunde“ zu erleben.

Nachdem das Schleusenspektakel vorbei ist, leert sich das Deck rapide. Bald darauf auch die Bar im Inneren. Gegen 22 Uhr begleitet Pianist Slavi Sängerin Silvia nur mehr vor zwei Pärchen und ein paar Crew-Mitgliedern. Das sei am ersten Abend immer so, sagt Hoteldirektor Andras Moszar und schmunzelt. Die Gäste seien müde. Ab morgen werde die Feierlaune täglich besser. Zuvor hatten sich alle ein mehrgängiges Menü munden lassen. Mit Wein hatte man angestoßen. So wie die Reisegruppe aus Israel. „Lechaim“ – „auf das Leben!“

Mehr Bilder vom Schleusen finden Sie hier:

Flusskreuzfarht auf der MS Silver II, Teil 2

Der Kapitän muss in die Versenkung

Noch besser wäre die Sicht für das Spektakel auf dem Sonnendeck gewesen. Doch für Passagiere ist dieses bis Regensburg dicht. Zu gefährlich. Denn alle paar Kilometer werden Brücken oder Schleusen durchfahren. Oft bleiben nur wenige Zentimeter Luft zwischen Schiff und Stahlbeton.

Kapitän Rob Jager versenkt in Hilpoltstein einmal mehr seine „Brücke“ und tritt an den Außensteuerstand. Von dort „parkt“ er das schwimmende Luxushotel so mühelos als wäre es ein Smart in die Schleuse. Das Schleusenfahren sei viel Erfahrung, sagt der 32-jährige Niederländer. Seinen Blick hat er abwechselnd nach hinten oder vorne geheftet.

Die Flusskreuzfahrt im kurzen Infovideo:

Video: Weigert

Jede der elf Schleusen bis Regensburg ist zwölf Meter breit, das Schiff 11,40 Meter. Auf der einen Seite bleibt stets nicht einmal eine Handbreit Luft zwischen Schiff und Schleusenwand. Auch diesmal muss Rob Jager selbst seinen mobilen Stand in der Versenkung verschwinden lassen. Nicht alle Kapitäne mögen die Strecke, sagt er. Er liebt sie.

Nun ist die Nacht vollends über Mittelfranken hereingezogen. Draußen ist es stockdunkel. Ein Meer aus funkelnden Sternen könnte derjenige sehen, der nach draußen blickt.

Ein Videoeindruck vom Fest in Berching:

Berching wird mitten in der Nacht passiert. Video: Beate Weigert

Kurz vor Mitternacht fleht eine Frauenstimme plötzlich laut: „Bitte gib’ mir nur ein Oh, bitte, bitte gib’ mir nur ein Wort“. Die Silver II hat Berching erreicht. Dort wird in dieser Nacht „Kanal im Feuerzauber“ gefeiert. Gerade mit dem Song von „Wir sind Helden“. Ich wäre beinah aus dem Bett geplumpst. Ein paar junge Leute am Ufer laufen auf dem Nachhauseweg neben uns her. „Da, schau’ ein Schiff, aber die schlafen alle.“ Ja, fast alle!

Wenig später quietscht und säuselt sich das Flusskreuzfahrtschiff wieder nach unten. Bis Hilpoltstein ging’s nach oben, seit Bachhausen geht’s runter. Um 20 vor sechs fährt die Silver II in die Riedenburger Schleuse ein. Drei Passagiere bekommen auf dem Vorderdeck etwas davon mit. Ruth und Erich aus Costa Rica und der sportliche Mittsechziger, der aus Israel kommt, haben Glück. Diesmal schiebt vor ihnen ein Matrose Schicht, der Englisch spricht und ihnen erklärt, wie das mit dem Schleusen funktioniert. In der Morgendämmerung lässt sich auf den Handyvideos auch viel mehr erkennen als am späten Abend. „It’s only pumped? Really? Very good!“

Mehr Impressionen von der Fahrt durch den Landkreis Kelheim:

Flusskreuzfahrt auf der MS Silver II, Teil 3

Erich, der aus Nürnberg stammt, sagt, dass er die Reise schon immer machen wollte. Ihn und seine südamerikanische Frau Ruth begeistert die Natur auf dem Weg von Riedenburg nach Kelheim. „Herrlich.“ Ein Eichelhäher schreit einsam am Ufer, ansonsten surrt nur das Radar. Nebelschwaden wabern um den Höhenzug bei Burg Prunn und Randeck. Ruth und Erich zücken einmal mehr ihre Smartphones. „Wo ist die Altmühl“, will Erich wissen. Dass es die hier nicht mehr gibt, nur eben den Kanal, kann er nicht so ganz glauben.

So erlebten die Frühaufsteher an Bord die Region bei Essing:

Morgenstimmung bei Essing Video: Beate Weigert

Einige Stunden später beim Frühstück im Restaurant: Der Kanal liegt seit Kelheim hinter uns. In der Schleuse bei Oberndorf verdunkelt sich erneut alles. Inga aus Australien findet, das sei jedes Mal, als würde man „in die Hölle“ fahren. Zum Glück sei sie ein braves Mädchen und es gehe jedes Mal auch wieder „in den Himmel“ ans Licht, kokettiert die Dame, die die 80 wohl schon hinter sich hat. Ihr gegenüber sitzt ihr Freund John. Der schmunzelt und winkt den ungarischen Servicemann Zoltan zu sich heran. Er bestellt sich eine Portion Frühstückseier und lehnt sich zurück.

Unser Video zeigt die MS Amadeus Silver II in der Kelheimer Schleuse:

Es geht einmal mehr nach unten. Video: Weigert

„It’s so relaxing“, sagt der Mann aus Sydney. Sein Alter will er nicht nennen. Lieber würde er seine Kontonummer verraten, scherzt er. Der Himmel ist wieder erreicht. Eine grüne Landschaft gleitet draußen vorbei.

Für John und Inga aus Australien ist die Reise vor allem Entschleunigung.
Für John und Inga aus Australien ist die Reise vor allem Entschleunigung.

Ob Inga und er in Regensburg an Land gehen werden? Vielleicht kurz auf eigene Faust oder mit dem Taxi. Der „Schwierigkeitsgrad“ vier von fünf für die Stadtführung schreckt sie ab. Sie sei nicht mehr so gut zu Fuß, sagt Inga.

Aber so richtig „relaxing“ wäre der Ausflug auch nicht gewesen. An diesem Sonntag liegen zig Flusskreuzfahrtschiffe vor Anker. In den Altstadtgassen treten sich die Schiffsgruppen sprichwörtlich gegenseitig auf die Füße. In Kelheim, Berching oder Riedenburg wäre das nicht passiert, denke ich.

Unsere Bildergalerie zeigt, wie es an der Donaulände in Regensburg zuging:

Flusskreuzfahrt auf der MS Silver II, Teil 4

Was Gästeführerin Anneliese bei ihrer Tour nach Weltenburg erlebte, lesen Sie hier.

Alle Teile unserer Serie „25 Jahre Main-Donau-Kanal“ lesen Sie hier.

Regen setzt ein, als das Schiff auf die Kelheimer Schleuse zusteuert. Video: Weigert
Das sahen die Frühaufsteher an Bord von Kelheim. Video: Weigert

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