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Emotional

Nackerte Protestler und ein Schafott

Martha Krieger aus Riedenburg und Elisabeth Brandt aus Prunn erzählen vom Kampf gegen den Kanalbau. Die Bandagen waren hart.
Von Beate Weigert

Martha Krieger und Elisabeth Brandt zeigen Bilder vor und während des Kanalbaus. 25 Jahre hatten sie sich die Fotos nicht mehr angeschaut. Foto: Weigert
Martha Krieger und Elisabeth Brandt zeigen Bilder vor und während des Kanalbaus. 25 Jahre hatten sie sich die Fotos nicht mehr angeschaut. Foto: Weigert

Riedenburg.Zögernd nimmt Martha Krieger im Garten von Elisabeth Brandt in Prunn die Fotos in die Hand. 25 Jahre hat sich die Riedenburgerin nicht mehr mit dem Kanal beschäftigt. Was blieb ihr und den anderen Gegnern auch übrig, als sich, nachdem die Entscheidung stand und die Bautrupps angerückt waren, auf andere Dinge zu konzentrieren? Sich herauszuziehen aus dem Thema, das für viele Jahre ihr Leben eingenommen hatte. „Sonst gehst du psychisch kaputt.“

Das Leben musste weitergehen. Kriegers hatten die Brauerei. Kinder, die in Riedenburg zur Schule gingen. Sie wollten weiter hier leben. So einfach, wie sich das jetzt anhören mag, war das nicht. Dennoch steht für Martha Krieger fest: „Ich hätte nichts anders gemacht. Ich würde es bereuen, wenn ich mich nicht eingesetzt hätte.“

Inzwischen hadert sie nicht mehr mit dem Erlebten. „Wir haben unser Bestes für die Natur getan“, sagt sie. Dass sich der Kanal etwa heute bei Riedenburg so einigermaßen ins Tal einfügt, wie einst die Altmühl, all die landschaftsbegleitenden Maßnahmen, die Altwasserarme würde es „ohne unseren Protest“ nicht gegeben.

Martha Krieger und Elisabeth Brandt zeigen Bilder vor und während des Kanalbaus. 25 Jahre hatten sie sich die Fotos nicht mehr angeschaut. Foto: Weigert
Martha Krieger und Elisabeth Brandt zeigen Bilder vor und während des Kanalbaus. 25 Jahre hatten sie sich die Fotos nicht mehr angeschaut. Foto: Weigert

Es ist heute gar nicht so leicht, mit den Menschen zu sprechen, die teils vor 40 Jahren begonnen hatten gegen den Kanal zu kämpfen. Die führenden Köpfe der Bürgerinitiative „Rettet das Altmühltal“ Anton Mayer, Wirt aus Oberhofen, und Erich Kügel, Heizungsbaumeister aus Prunn, kann man nicht mehr fragen. Sie sind 2010 bzw. 2008 verstorben.

Für Aufsehen sorgte 1982 diese Scheibenwischer-Sendung mit Dieter Hildebrandt und Gerhard Polt:

Ab Sommer 1977 organisierten sich die Freunde des Altmühltals per Verein. Sie waren mit ihrer Heimat verwurzelt und wollten sie bewahren. Martha Krieger, die Schwester von Anton Mayers Frau Maria, sagt über ihren Schwager: „Er war ein überzeugter Ökologe, ein Freidenker, dem nicht am kurzfristigen Erfolg gelegen war.“ Elisabeth Brandt ist die Tochter Erich Kügels. Ihr Vater war Naturschützer und ein Mensch, der für seine Überzeugung „um alles gekämpft hat“.

Eine Idylle wurde „verurteilt“

Die heute 52-Jährige war in der Hochphase des Kampfes ein Teenager. Sie blättert in einem Fotoalbum. Eine Fotografie zeigt das alte Prunner Stauwehr im Sommer 1981. „Die Idylle kurz vor ihrer Verurteilung“ schrieb Brandt damals darunter. Mit ihren Freunden war sie oft am alten Kanal, an der Altmühl oder den Altwassern zelten und feiern.Ein Freund zieht sich auf einem anderen Foto die Kette am Wehr hoch. Wenig später ließ er sich wohl ins kühle Wasser plumpsen.

1981/82 ging in Prunn der Kampf so richtig los. Eine Albumseite weiter hat Brandt ihren „Abschiedsspaziergang“ festgehalten. „Vor dem Hintergrund, dass ich das bald nicht mehr genießen kann.“

In einem losen Fotostapel finden sich auch Aufnahmen von Riedenburg. „Da wurde die neue Uferzeile auf der Altmühl errichtet“, sagt Martha Krieger und deutet mitten ins Flussbett. Mit anderen Gleichgesinnten gründete sie den Ortsverein des Bund Naturschutz.

Ein Kurzvideo zum Thema finden Sie hier.

Video: Weigert

Andere Bilder zeigen, riesige Baumaschinen, eine braun-gelbe Kraterlandschaft. „Was das für Eingriffe in die Natur waren, nicht nur durch den Kanal. Auch die ganze Infrastruktur drum herum, all die Straßen- und Brückenbauten.“ Martha Krieger und ihre Mitstreiter sammelten Unterschriften, arbeiteten sich Leitzordner dick in Details ein, schrieben Stellungnahmen, organisierten Protestaktionen.

Das sagt Hubert Weiger, der Vorsitzende des Bund Naturschutz Bayern, über den Kanal:

Video: Stark

Erst als der überregionale BN aktiv in den Kampf einstieg, brachte das bundesweit mediale Aufmerksamkeit.

In großen Lettern in der Bildzeitung

Der Unterstützerkreis war plötzlich größer. Bild oder Berliner Zeitung berichteten. „In der Region wurde das nicht so gut aufgenommen“, sagt Martha Krieger. Das schade dem Tourismus, das sei Negativ-Reklame. Im Nachhinein betrachtet, „wurde so das Altmühltal erst bekannt“.

Elisabeth Brandt erinnert sich an Unterstellungen wie die Gegner wären alle nur gekauft oder aus fernen Regionen angekarrt. Solche Sätze schmerzten.

Fotos der Familie Kügel zeigen, wie die Region vor und während des Kanalbaus aussah:

Bilder, die sich eingebrannt haben

Eine Aktion lief aus dem Ruder. Im Mai 1979 wurde bei einem Riedenburger Bierfest zum „Totentanz“ geladen. Durch eine Künstlergruppe aus Wolfratshausen wurde der zum Desaster. Ein Skandal, sei’s gewesen, sagt Martha Krieger, die das Geschehene am liebsten nicht aufwärmen will. Nur so viel: Einige Jugendliche gingen nackt in der Altmühl baden. Die lokalen Aktivisten mussten krawallige Szenen über sich ergehen lassen.

„Das war ein Skandal damals.“

Martha Krieger über die Künstleraktion „Totentanz“

Den Kampf gegen „das ökologische Desaster, die aberwitzige Verschwendung von Steuergeldern“ wollten kommunale Vertreter nicht erkennen, Bürgermeister und andere Politiker witterten Vorteile für die Region. Es gab ja auch viel Geld für neue Straßen, Kanalisation, Brücken. „Da konnte man doch nicht dagegen sein, gegen das Prestigeprojekt von Ministerpräsident Franz-Josef Strauß und den Anschluss an die große weite Welt“, erinnert sich Martha Krieger, die die „Fortschritts- und Obrigkeitsgläubigkeit“ vieler Zeitgenossen heute noch nicht verstehen kann.

Sicher viele Mitbürger im Tal waren Landwirte, „die sahen die Aufwertung ihrer Flächen, und Geld gab’s auch. Das ist legitim.“ Die Riedenburgerin glaubt, dass die Natur heute mehr Wert hätte.

Kurze Zeit schwelte Hoffnung, doch der Baustopp währte nur kurz. Als in Riedenburg wirklich die Baumaschinen standen, „machte sich ein beklemmendes Gefühl der Hilflosigkeit breit“, sagt Martha Krieger. Zuvor hatten sich Befürworter und Gegner lange unerbittlich, hart in der Sache gegenüber gestanden.

Viele Stiche und ein Schafott

Am härtesten traf es aber die Männer an der „Front“, weiß Elisabeth Brandt. Der Höhepunkt vieler persönlicher Anfeindungen und Spießrutenläufe für ihre Eltern war ein Faschingstreiben in Riedenburg. „Da ist mein Vater öffentlich am Marktplatz gehängt worden und meine Eltern waren live dabei.“

Bagger walzen Flusslandschaft nieder

  • „Idylle vor ihrer Verurteilung“

    schrieb Elisabeth Brandt als junge Frau im Album unter dieses Foto. Die junge Generation heute wisse nicht mehr, wie es früher bei Prunn ausgesehen habe. „Die sagen: Ist doch schön! Sie kennen es nicht anders.“

  • Ihr Kampf gegen den Kanal

    habe auch etwas in der Familie bewirkt, sagt Krieger. „Deshalb haben wir die Brauerei ökologisch aufgebaut.“ In Feierstimmung ist sie zum Kanaljubiläum nicht. Aber sie hadert auch nicht mehr mit dem Erlebten.

  • „Unser Protest hat nicht so viel gebracht

    – außer Ausgleichsmaßnahmen“, sagt Martha Krieger. Dass der Eingriff nicht so sichtbar war, wie geplant. Im Grunde Kosmetik in der Landschaft. Das, was heute Radtouristen als Idylle empfinden. (re)

Kein Wunder, dass ihre Mutter heute nicht mehr über den Kampf gegen den Kanal reden mag. Zu vieles käme wieder hoch. Emotionen über die in 25 Jahren Gras gewachsen ist. Elisabeth Brandt hatte es da wahrscheinlich besser. Sie hat keine solchen Bilder im Kopf. Als die Maschinen anrückten, ging sie zur Lehre nach Ingolstadt. Vieles bekam sie von da an nur mehr aus der Ferne mit.

Das, was der Kanal der Region Positives bescherte, etwa den Tourismus mit den Radlern, sehen Elisabeth Brandt und Martha Krieger kritisch. „Radwege und touristische Attraktionen hätte man auch ohne Kanal bauen können.“

Lesen Sie auch: „Es bleibt – ’ne Badewanne voller Schlamm“

Alle Serienteile „25 Jahre Main-Donau-Kanal“ gibt es zum Nachlesen hier.

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