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Fotografie

Seine Bilder erzählen ein Mega-Projekt

Über 7500 Fotos hat Franz Lindner vom Bau des Main-Donau-Kanals gemacht. Manchmal war ihm das Herz dabei schwer.
Von Johannes Heil und Manfred Forster

Großbaustelle Riedenburg – die Personenschifffahrt lief bereits, als der Main-Donau-Kanal noch längst nicht fertig war. Foto: Stadtarchiv Kelheim/Franz Lindner
Großbaustelle Riedenburg – die Personenschifffahrt lief bereits, als der Main-Donau-Kanal noch längst nicht fertig war. Foto: Stadtarchiv Kelheim/Franz Lindner

Kelheim. Herr Lindner, wie sind Sie zum Main-Donau-Kanal gekommen?

Der damalige Landrat Rudolf Faltermeier hat vor dem Kanalbau mit den Altmühl-Gemeinden Verbindung aufgenommen. Er wollte einen Verein gründen, um in Sachen Kanalbau mit einer Stimme zu sprechen. Dadurch wurde 1977 der Trägerverein Altmühltal gegründet. Der Verein brauchte noch einen Geschäftsführer. Ich war damals im Landratsamt der Referatsleiter für Umweltschutz. Daher hat mich der Landrat für diesen Job beauftragt. Ich war beim Kanalbau also immer mittendrin.

Inwiefern?

Ich habe Satzungen und Ziele mit ausgearbeitet. Ich habe mich mit der RMD (die „Rhein-Main-Donau AG“, d. Red.) und den Naturschützern diesbezüglich abgesprochen.

Bei Nürnberg oder Bamberg etwa ist der Kanal eine wenig anschauliche „Betonröhre“. Gab es die Befürchtung, dass es auch hier so aussehen könnte?

Natürlich. Man kannte das damals bereits existierende Stück bei Nürnberg ja. Wir waren vor Ort und haben uns das alles angesehen. Das war teilweise erschreckend, was wir da gesehen haben. Es war entweder betoniert oder bituminiert. Bei uns macht die Landschaft um den Kanal aus, dass Wasser und Vegetation nah beieinander sind – und der Kanal somit Flusscharakter hat.

Franz Lindner begleitete den Kanalbau als Fotograf. Foto: Heil
Franz Lindner begleitete den Kanalbau als Fotograf. Foto: Heil

Denken Sie, dass ein solches Vorhaben wie der Kanalbau in der heutigen Zeit noch realisierbar wäre?

Das ist völlig ausgeschlossen. Die Sinne sind mittlerweile viel geschärfter als damals, vor allem was den Umweltschutz betrifft. Außerdem würden sich viele Menschen noch fragen: Wie viele Kitas könnte man beispielsweise für das viele Geld bauen, das ein solches Vorhaben verschlingt? Braucht es das wirklich? Auch für mich persönlich hätte ein solches Mammutprojekt heutzutage keinen Sinn mehr.

Blick auf Essing am 13. September 1977:

Blick auf Essing am 13. September 1977 Foto: Stadtarchiv Kelheim, Franz Lindner
Blick auf Essing am 13. September 1977 Foto: Stadtarchiv Kelheim, Franz Lindner

Während Ihrer Zeit beim Trägerverein haben Sie den Kanalbau mit der Kamera begleitet. Wie ist es dazu gekommen?

Der zuständige Landschaftsarchitekt Professor Reinhard Grebe wollte vor Baubeginn eine umfassende Dokumentation des Ist-Zustands. Vegetation, Tiere, spezielle Arten – einfach alles. Die Landschaftsplanung stand damals schließlich noch völlig am Anfang. Man wusste ja noch nicht einmal, was hinter dem Begriff „Landschaftsplan“ eigentlich stand. Grebe wollte aus diesem Grund dann auch immer wissen, was gerade passiert. Da hat er zu mir gesagt: ‚Herr Lindner, Sie sind vor Ort, machen Sie bitte Bilder, ich brauche das unbedingt!’

Hatten Sie zu diesem Zeitpunkt schon Erfahrung in Sachen Fotografie?

Ich habe schon zeit meines Lebens fotografiert. In den ersten Klassen des Gymnasiums in Regensburg war diese Leidenschaft bereits zustandegekommen. Ich hatte einen Freund, der mir außerdem noch erklärt hat, wie man Filme entwickelt und vergrößert. Aus diesem Grund war ich von Grebes Idee natürlich begeistert.

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Selten wurde so lange und so heftig über ein Projekt in der Region gestritten – der Main-Donau-Kanal spaltet die Meinung der Menschen seit den ersten Planungen.

Wurde das Vorhaben dann auch genehmigt?

Ich bin zum Landrat Rudolf Faltermeier und habe gesagt: ‚Der Kanal ist ein epochales Werk. Er wird die Landschaft verändern, wie sie nie wieder verändert werden wird. Man sollte die Gelegenheit nutzen und das Geschehen fotografisch begleiten’. Er fand die Idee gut und ich sollte mich dann erkundigen, wie das technisch und fotografisch am besten umzusetzen sei.

Blick auf Essing am 17. August 1977:

Blick auf Essing am 17. August 1978 Foto: Stadtarchiv Kelheim, Franz Lindner
Blick auf Essing am 17. August 1978 Foto: Stadtarchiv Kelheim, Franz Lindner

Was kam dabei heraus?

Nichts Gutes, wie ich zunächst dachte. Ich habe mich in Verbindung gesetzt mit der ‚Bildstelle Südbayern‘. Die haben mir das Format sechs mal sechs empfohlen. Es gab aber einen großen Haken.

Was war das Problem?
Die Preise für entsprechende Kameras waren sehr hoch. Dementsprechend niedergeschlagen bin ich zum Landrat zurück. Ich dachte bei mir im Stillen: Das war’s dann mit der Fotografie des Kanalbaus.

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Franz Lindner

  • Funktion:

    Franz Lindner war ab 1977 Geschäftsführer des Trägervereins Altmühltal. Zudem war er als Referatsleiter für Umweltschutz im Landratsamt Kelheim tätig. Er begleitete als Fotograf den Bau des Main-Donau-Kanals im Landkreis Kelheim und in Dietfurt.

  • Fotos:

    Im November des vergangenen Jahres übergab Lindner die rund 7500 Fotos, die er vom Kanalbau gemacht hat, an das Stadtarchiv Kelheim.

  • Bedeutung:

    Kelheims Stadtarchivar Wolf-Heinrich Kulke freute sich bei der Übergabe. Die Sammlung bezeichnete er als „außergewöhnlich umfangreich und sehr aussagekräftig“.

  • Wohnort:

    Franz Lindner wohnt in Kelheim – direkt am Main-Donau-Kanal. Somit blickt er auch jetzt noch – in seinem Ruhestand – tagtäglich auf jenes Gewässer, dessen Bau er vor Jahren als Fotograf begleitet hat.

Wie hat Landrat Faltermeier dann schließlich reagiert?

Ich habe ihm gesagt: „Die Experten sagen, am besten geht das Ganze im Großformat mit einer Hasselblad.“ Natürlich war die erste Frage des Landrats die nach dem Preis. Stolze 5000 D-Mark kostete das gesamte Material insgesamt. Aber anstatt einer Absage meinte der Landrat dann: „Wenn wir es machen, dann machen wir es g’scheit. Fang mit der Hasselblad an“. Das war sozusagen die Geburtsstunde der Kanal-Fotografie. Von diesem Zeitpunkt an, das war im Jahr 1975, habe ich während der Entstehung des Main-Donau-Kanals kontinuierlich durchfotografiert.

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Wie sind Sie vorgegangen?

Mein Vorteil bei der ganzen Sache war, dass ich sämtliche Planungen bis ins kleinste Detail kannte, ich war ja schließlich bei allen Verfahren mit dabei. Ich habe mir einige markante Punkte ausgesucht und habe dort dann systematisch über die Jahre den Baufortschritt festgehalten. Ich wusste ja immer ganz genau, wer wann wo zu bauen anfängt.

Das war bestimmt ein enormer zeitlicher Aufwand?

In den ersten zehn Jahren habe ich ausschließlich in meiner Freizeit fotografiert, immer am Samstag. Spätestens ab 10 Uhr war ich draußen mit meiner Kamera unterwegs. Ich war beim Kanalbau bis zur Fertigstellung 1992 quasi ein ständiger Begleiter.

Blick auf Essing am 19. Mai 1981

Blick auf Essing am 19. Mai 1981 Foto: Stadtarchiv Kelheim, Franz Lindner
Blick auf Essing am 19. Mai 1981 Foto: Stadtarchiv Kelheim, Franz Lindner

Wie viele Fotos sind auf diese Weise entstanden?

Insgesamt habe ich um die 7500 Fotos gemacht.

Haben Sie sich auf den Landkreis Kelheim beschränkt?

Ja, mit der Ausnahme von Dietfurt, das auch noch beim Trägerverein Altmühltal mit dabei war. Noch mehr zu fotografieren, das hätte ich aber auch von der Zeit her gar nicht mehr hinbekommen.

Blick auf Essing am 13. Oktober 1981

Blick auf Essing am 13. Oktober 1981 Foto: Stadtarchiv Kelheim, Franz Lindner
Blick auf Essing am 13. Oktober 1981 Foto: Stadtarchiv Kelheim, Franz Lindner

Haben Sie die Hasselblad-Kamera noch?

Ja, die Hasselblad habe ich noch, genauso wie das Stativ. Das finde ich ziemlich bemerkenswert. Nach 30 Jahren härtesten Einsatzes. Das Ding ist manchmal förmlich ins Auto hineingeworfen worden. Steile Berge bin ich mit der Kamera auch hoch gelaufen – heil geblieben ist sie aber bis heute.

Da mussten Sie bestimmt auch ganz schön schleppen?

Ich habe das gesamte Equipment einmal gewogen. Das waren insgesamt an die 18 Kilo. Alles habe ich zwar nicht immer mitgenommen, aber zehn Kilo hatte ich bestimmt immer mit dabei. Schleppen Sie mal von 1o bis 3 Uhr so viel Gewicht mit sich herum. Das war nicht immer ein Spaß.

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Unter dem Strich: War der Kanalbau eine Veränderung zum Positiven?

Man kann Äpfel nicht mit Birnen vergleichen. Es ist wichtig, dass die Ideen des Landschaftsarchitekten Grebe umgesetzt wurden, so kam es zu keiner Betonröhre. Andererseits war die Landschaft vorher einfach die unberührte Natur. Es ist einfach anders. Wenn man zum Beispiel Riedenburg nimmt, muss man schon sagen, dass es dort von der Optik her sicherlich nicht schlechter geworden ist. In Kelheim ist das ganze schon kritischer zu bewerten.

Blick auf Essing am 1. Mai 1990:

Blick auf Essing am 1. Mai 1990 Foto: Stadtarchiv Kelheim, Franz Lindner
Blick auf Essing am 1. Mai 1990 Foto: Stadtarchiv Kelheim, Franz Lindner

Warum?

Wenn man etwa den Bereich nimmt, bei dem früher das E-Werk war. Da waren viele Altwasser, der Efeu hat sich über die Stufen ausgebreitet. Das war traumhaft, wenn man da durchgegangen ist. Da war mir das Herz schon schwer, als ich das fotografiert habe, und wusste, dass es das bald nicht mehr geben wird. Im Kelheimer Stadtbereich war der Eingriff schon hart.

Sie haben ja an vielen Orten fotografiert. Gab es einen Lieblingsort?

Was mir immer großen Spaß gemacht hat, das war der Felsen in Obereggersberg. Da macht das Tal einen Bogen, den man vom Felsen oben sehr gut einfangen kann. Auch vom Licht her hat man dort viele Möglichkeiten.

Blick auf Essing am 2. Mai 2008:

Blick auf Essing am 2. Mai 2008 Foto: Stadtarchiv Kelheim, Franz Lindner
Blick auf Essing am 2. Mai 2008 Foto: Stadtarchiv Kelheim, Franz Lindner

Waren Sie bei der Einweihung des Kanals mit dabei?

Ja, zwar nicht auf dem ersten Schiff, aber auf dem zweiten. Das war schon sehr schön. Man hat lange gekämpft mit der RMD, aber am Schluss waren wir im wahrsten Sinne des Wortes alle in einem Boot.

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