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Wirtschaft

Top oder Flop: Die Häfen in der Region

In Mühlhausen haben sich elf Firmen angesiedelt, aber nur vier verschiffen. In Dietfurt braucht nur noch die Baywa den Hafen.
Von Katrin Böhm

  • Bögl verschifft Windkraft-Elemente von Mülhausen aus – und so sieht es aus, wenn die Teile auf dem Schiff gelandet sind. Dieses hier fährt nach Wesel. Foto: Böhm
  • Holz wird in Dietfurt nur noch selten verschifft. Foto: Böhm
  • Albert Koller an der Lände in Mühlhausen Foto: Böhm

Neumarkt.„Bögl ist ein Glücksgriff für uns.“ Der Mühlhausener Bürgermeister Dr. Martin Hundsdorfer weiß, was er an dem Bauunternehmen hat, das sich an der Lände in Mühlhausen angesiedelt hat. Denn künftig könnte Bögl dort noch wachsen, weitere acht Hektar Land hat sich der Bauriese bereits gesichert. Schon jetzt verschifft das Unternehmen fast jede Woche Teile – vornehmlich für den Bau von Brücken und Windkraft-Anlagen. Auch an diesem Vormittag. Am frühen Morgen haben die Bögl-Arbeiter begonnen, Windkraft-Elemente, von denen eines 3,80 Meter hoch ist, aufs Schiff zu hieven.

Ein Lastwagen nach dem anderen fährt vor, mächtige Stahlseile werden an jedem einzelnen Teil befestigt, ehe ein Kran es auf das Schiff hebt, von unten lotsen zwei Kollegen es ebenfalls mit Seilen in die richtige Richtung, bis es sicher auf dem Boden des Schiffs gelandet ist. Die Seile werden gelöst, der nächste Lastwagen mit seiner Fracht steht schon bereit. Zwei Tage wird es dauern, ehe das Schiff in Richtung Wesel ablegen kann – 52 Teile werden dann an Bord sein.

Per Kran werden die Windkraft-Elemente in Mühlhausen auf das Schiff gehoben. Foto: Böhm
Per Kran werden die Windkraft-Elemente in Mühlhausen auf das Schiff gehoben. Foto: Böhm

Eigentlich hätten es 64 sein sollen, aber es ist zu wenig Wasser im Kanal, das Schiff würde dann auf Grund laufen.

Neben Bögl haben sich in den vergangenen zehn Jahren weitere zehn Firmen am Hafen von Mühlhausen angesiedelt – von diesen elf Unternehmen nutzen aber nur vier tatsächlich den Kanal und verschiffen Waren. Neben Bögl sind das die Waldbesitzervereinigung Berching-Neumarkt, die Raiffeisen-Handels GmbH und die Jurahafen GmbH.

25 000 Tonnen im Jahr 2016

25 000 Tonnen wurden im vergangenen Jahr insgesamt umgeschlagen, vorwiegend Dünger, Getreide, Futtermittel und Hüttensand von Bögl, hat Albert Koller, der als Geschäftsleiter der Gemeinde Mühlhausen den Hafen managt, eruiert. Hinzu kamen 30 Ladungen Schwerlastteile von Bögl, die insgesamt noch einmal etwa 45 000 Tonnen ausmachen. Konkrete Zahlen aus den Vorjahren gibt es nicht, Koller und der Bürgermeister sind aber sicher, dass die Umschlagzahlen „nachhaltig steigen“. Schätzungsweise um 20 Prozent habe der Umschlag seit Inbetriebnahme der Lände zugenommen, „Tendenz steigend“.

So sieht es an der Lände in Mühlhausen aus, wenn Windkraft-Elemente verladen werden:

Die Lände in Mühlhausen

2008 kaufte die Gemeinde einen Umschlagbagger, ein paar Jahre später für 12 000 Euro einen Hallenfüller, eine Art Trichter, mit der Getreide umgefüllt werden kann, damit es nicht mehr so staubt und sich die Körner nicht in alle Himmelsrichtungen verteilen, wenn ein bisschen Wind geht – was am Hafen ja gerne mal passiert.

Dass der Hafen in Mühlhausen erst vor zehn Jahren, also 15 Jahre nach Fertigstellung des Kanals eingeweiht wurde, sieht Hundsdorfer darin begründet, „dass die Zeit davor noch nicht reif war“. Viele Firmen hätten sich das mit der Schifffahrt erst einmal ansehen und abwarten wollen, ehe sie selbst einsteigen. Viele von ihnen tun das heute noch – die erste Firma, die sich in Mühlhausen an der Lände ansiedelte, hat noch immer kein einziges Teil auf ein Schiff verfrachtet.

Ein Überblick über die Häfen und Länden in der Region:

„Die Option dafür gibt es aber jederzeit“, sagt Hundsdorfer. Der Bürgermeister steht dem Kanal positiv gegenüber. „Ich freue mich über jedes Schiff auf dem Kanal. Denn jedes nimmt Verkehr von der Straße.“ Sicherlich sei der Bau ein tiefgreifender Einschnitt in die Landschaft gewesen, in Mühlhausen sei der Kanal aber ja nicht mitten durch den Ort geführt worden. „Dann wäre sicher auch der Protest anders gewesen“, sagt Hundsdorfer, der seit dem Jahr 2008 Bürgermeister in Mühlhausen und eigentlich Landschaftsarchitekt ist.

„Man kann ja nicht sagen, dass der Kanal die Landschaft verschandelt.“

Bürgermeister Dr. Martin Hundsdorfer

Aus dieser Warte habe er den Bau des Main-Donau-Kanals bereits als Student interessiert verfolgt – schon damals sei er aber davon überzeugt gewesen, dass es besser sei, die Landschaft um den neuen Kanal „sinnvoll mitzugestalten“ als zu protestieren und dann in Kauf nehmen zu müssen, was einem vorgesetzt werde. „Und man kann ja nicht sagen, dass der Kanal die Landschaft verschandelt.“

Albert Koller hat den Bau des Kanals in Mühlhausen selbst miterlebt. Er erinnert sich noch gut daran, wie die Anwohner in Bachhausen jahrelang unter dem Schmutz, dem Verkehr und dem Lärm litten – und auch darüber schimpften, „aber das ist Vergangenheit“. Auf der anderen Seite erinnert er sich nämlich auch daran, wie viele Mühlhausener im Sommer 1992 mit ihrem kleinen Paddelboot über den Kanal ruderten, wie sie im glasklaren Wasser schwammen oder wie besonders mutige Jugendliche von den Brücken ins Wasser sprangen, um sich gegenseitig zu beeindrucken.

Badebetrieb im Sommer 1992

Möglich war das, weil der Kanal vor der offiziellen Eröffnung im September 1992 natürlich erst einmal geflutet werden musste – das passierte zu Beginn des Sommers, so dass die ganzen Sommerferien über nicht ganz legaler Badebetrieb am Kanal herrschte.

Schwimmen ist im Kanal wegen der Schifffahrt längst streng verboten, doch in Mühlhausen betrachtet man die Wasserstraße ohnehin vor allem aus wirtschaftlicher Sicht. „Wir leben davon, dass wir ein Wirtschaftsstandort sind“, sagt der Bürgermeister. Und innerhalb dieses Standorts sei die Lände ein wichtiger Bereich, die noch eine große Zukunft vor sich habe – vor allem dank Bögl.

Hier lesen Sie den Artikel über den Hafen Dietfurt:

Am Hafen von Dietfurt ist es still an diesem Vormittag. Ein paar Radfahrer kommen des Wegs, der Kran ruht, im mittleren Bereich glänzen zwei große Rapsöl-Tanks in der Sonne. Sie stehen leer, sind seit Jahren ungenutzt, für Ernst Dietlmeier, den geschäftsleitenden Beamten der Stadt Dietfurt, ein Beispiel verfehlter Subventionspolitik. Immerhin, am hinteren Ende der Lände liegen ein paar angehäufte Baumstämme, die darauf warten, auf ein Schiff verladen zu werden. Fast schon eine Seltenheit, denn von Dietfurt aus gehen pro Jahr nur noch drei, vier Ladungen Holz auf ein Schiff, seit Ende der 90er-Jahre in Ingolstadt ein großes Sägewerk gebaut wurde und das Holz nun per Lastwagen dorthin und nicht mehr per Schiff in ein österreichisches Sägewerk gebracht wird.

Die BayWa ist in Dietfurt der einzige Betrieb an der Lände, der etwas mit dem Verladen von Waren auf Schiffen zu tun hat. Die Stahlbau-Firma im hinteren Bereich verschifft nichts. Foto: Böhm
Die BayWa ist in Dietfurt der einzige Betrieb an der Lände, der etwas mit dem Verladen von Waren auf Schiffen zu tun hat. Die Stahlbau-Firma im hinteren Bereich verschifft nichts. Foto: Böhm

100 000 Tonnen Gesamtumschlag würde man in Dietfurt Jahr für Jahr machen, hatte die Prognose vor dem Kanalbau gelautet. Und zumindest in den ersten Jahren nach der Eröffnung des Hafens noch im Jahr 1992 trat das auch mehr oder weniger so ein, sagt Dietlmeier.

Firmen siedelten sich an, weil Dietfurt zu einem „EG-Interventionsort für landwirtschaftliche Produkte“ erhoben wurde – und es für Unternehmen in dieser Branche, die sich in Dietfurt ansiedelten, Subventionen gab. Der erste kleine Seilbagger wurde schon nach ein paar Jahren gegen einen großen 40-Tonnen-Bagger eingetauscht. Weil die Sache mit dem Holz gut lief, kaufte die Stadt noch einen Hydraulik-Kran, um den Umschlag mit den Baumstämmen bewerkstelligen zu können.

Holzumschlag brach fast völlig weg

Doch dann brach der Holzumschlag fast völlig weg – und obendrein wurden wenige Jahre später auch noch die Länden in Mühlhausen und Riedenburg eröffnet. „Das Geschäft hat sich verteilt“, formuliert es Dietlmeier freundlich. Andere würden sagen: Die Kommunen ringsum schnappten das Geschäft weg.

Der Gesamtumschlag hat sich von der einstigen Prognose weit entfernt. Diese sei aus heutiger Sicht auch als „vielleicht ein bisschen weit hergeholt“ einzuschätzen, sagt Dietlmeier, da damals zahlreiche potenzielle Ansiedlungen einberechnet worden seien, die dann aber nicht kamen. Im vergangenen Jahr wurden in Dietfurt nicht einmal mehr 50 000 Tonnen umgeschlagen, die Jahre davor sah es auch nicht viel besser aus.

Trotzdem: Davon, dass hier etwas gründlich schief gelaufen ist, will Dietlmeier nicht sprechen. Im Gegenteil: „Man darf den Kanal nicht darauf reduzieren, man muss das Gesamtpaket betrachten. Der Kanal ist ja nicht nur eine Wasserfläche für Schiffe“, sagt er.

Das sagen die Verantwortlichen über ihre Länden:

Die Hafen-Gemeinden im Landkreis Neumarkt

Dabei war Dietlmeier in jungen Jahren selbst ein Gegner des Kanals. Beim Totentanz in Riedenburg war er als gebürtiger Riedenburger damals dabei, Ende der 70er-Jahre. „Als junger Mensch hat man ja oft mal eine andere Meinung wie wenn man ein bisschen älter ist.“ Dann trat er 1982 seinen Dienst bei der Stadt Dietfurt an und wurde dort relativ schnell mit dem Projekt Kanalbau betraut. Je mehr er sich einarbeitete, je mehr Einblick in die Pläne er nahm, desto überzeugter war er davon, dass der Kanal eine gute Sache sei.

„Der Tourismus hat einen Riesenaufschwung genommen.“

Ernst Dietlmeier, geschäftsleitender Beamter der Stadt Dietfurt

Und das ist er noch heute. Niemals hätte sich der Tourismus rund um Dietfurt so gut entwickelt, ist Dietlmeier sicher. „Der hat einen Riesenaufschwung genommen.“ Die Radwege als „flankierende Maßnahmen des Kanalbaus“, die die Gäste geradezu nach Dietfurt schwemmen, wären ohne den Kanalbau in dieser Form nie entstanden.

Nicht vergessen dürfe man auch den Hochwasserschutz für das Altmühltal durch den Kanal. „Früher war das regelmäßig überflutet, auch Dietfurt und Töging waren geplagt – das ist jetzt weg, da redet kein Mensch mehr drüber“, sagt Dietlmeier. Auch die Wasserversorgungs- und Kanalisationsanlagen in Dietfurt hätten beim Bau des Kanals gleich miterneuert werden können, da sie zum Teil unmittelbar mit dem Bau zusammenhingen. „Das so und auch noch so schnell umzusetzen, wäre sonst wesentlich schwieriger gewesen.“

An die Franken denken

Abgesehen davon müsse man den Kanal regionenübergreifend betrachten – schließlich pumpe der Kanal Wasser aus dem wasserreichen Süden ins trockene Franken – zu Spitzenzeiten 20 Kubikmeter, also 20 000 Liter pro Sekunde. „Ohne dieses Bewässerungssystem wäre das Problem mit der Trockenheit dort noch viel schlimmer und der mittelfränkische Raum wäre in seiner Entwicklung deutlich eingeschränkt gewesen.“ Generell hat Dietlmeier den Eindruck, dass Technologie in Deutschland heute eher angefeindet werde. „Früher war Deutschland technologiefreundlich, jetzt entwickeln wir uns zum Gegenteil. Brauchen wir nicht, wollen wir nicht, das hört man ständig, egal ob es um Windräder oder Atomkraft geht“, bedauert er.

Und auch wenn es an der Lände wirtschaftlich nicht rund läuft, will die Stadt sie erhalten, „weil wir sie als notwendiges Infrastrukturmittel betrachten“ – so wurde es auch vor kurzem im Stadtrat besprochen. Schließlich gebe es mit der BayWa nach wie vor einen großen, für die Landwirtschaft wichtigen Betrieb.

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