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Flusskreuzfahrt

Viel im Fluss bei schwimmenden Hotels

Nach Amerikanern und Australiern werden bald Chinesen und Inder Donau und Kanal bereisen. Aber auch Dialysepatienten.
Von Beate Weigert

  • Die Kelheimer Befreiungshalle im Hintergrund und das Kloster Weltenburg sind fester Bestandteil von Land-Ausflügen im Kreis Kelheim. Doch Bürgermeister Horst Hartmann würde sich wünschen, dass sich Flusskreuzfahrt-Veranstalter für veränderte Programme mit individuellen Stadtführungen und längerer Aufenthaltsdauer gewinnen ließen. Foto: Weigert
  • Maximal zwei Flusskreuzfahrtschiffe können in Kelheim gleichzeitig anlegen. Foto: Weigert
  • Die MS Amadeus Brillant ist ein Schiff der österreichischen Reederei Lüftner Cruises. Diese zählte zu den ersten fünf Anbietern von Flusskreuzfahrten im Main-Donau-Kanal. Foto: Lüftner Cruises

Kelheim. Frau Franz, Sie haben für die Uni Passau untersucht, wie es um die Wertschöpfung der Kabinenschifffahrt bestellt ist. Zu welchem Ergebnis kommen Sie?

Die Flusskreuzfahrtbranche liefert der Region eine beachtliche Wertschöpfung mit deutlichem Ausbaupotenzial. Flusskreuzfahrten sind darüber hinaus eine wertvolle Imagewerbung für die gesamte Region. Für die nächsten Jahre sagen die Experten eine Marktbereinigung sowie die Erschließung neuer Quellmärkte, Indien und China etwa, voraus. Insgesamt sehen aber die Anbieter eine weitgehend positive Entwicklung der Donaukreuzschifffahrt in der näheren Zukunft.

Warum wurde nur der Donau-Abschnitt zwischen Regensburg und Wien untersucht?

Initiator und Auftraggeber der Studie ist die ARGE-Donau Österreich. Im Zuge der Projektvorbereitungen wurden auch die ARGE-Donau-Städte Regensburg, Straubing, Deggendorf, Passau und Linz mit ins Boot geholt, um die Studie noch aussagekräftiger zu gestalten.

Brigitte Franz vom Centrum für marktorientierte Tourismusforschung der Universität Passau Foto: Franz
Brigitte Franz vom Centrum für marktorientierte Tourismusforschung der Universität Passau Foto: Franz

Gibt es Aspekte, die sich auch auf den Main-Donau-Kanal im Landkreis Kelheim übertragen lassen?

Die Passagiere, die auf dem Main-Donau-Kanal unterwegs sind, befahren in aller Regel auch den von uns untersuchten Streckenabschnitt Regensburg-Wien. Die Gäste sind im Durchschnitt 67 Jahre alt, entsprechend hoch ist auch der Anteil der Rentner und Pensionäre unter ihnen. Es handelt sich überwiegend um eine sehr zahlungskräftige Klientel, die größtenteils zum ersten Mal im Donauraum ist bzw. eine Flusskreuzfahrt unternimmt. Auf dem Main-Donau-Kanal dürfte allerdings der Anteil der Gäste aus nicht-europäischen Ländern signifikant höher sein als im untersuchten Streckenabschnitt. Gäste aus Deutschland, Österreich und der Schweiz beginnen ihre Reise meist in Passau, flussabwärts.

So sehen unsere Facebook-User die Flusskreuzfahrtschiffe im Kreis Kelheim:

Wie hat sich die Flusskreuzfahrt in den vergangenen Jahren entwickelt?

Die Flusskreuzfahrt hat sich in den letzten Jahren rasant verändert. Die Zahl der Schiffe und somit auch die Zahl der Passagiere sind kontinuierlich gestiegen. Seit 2007 haben sich die Schiffe im relevanten Streckenabschnitt annähernd verdoppelt.

Grafik zur Flusskreuzfahrt im Main-Donau-Kanal:

Welche Entwicklungen zeichnen sich für die kommenden Jahre ab?

Laut Aussagen einiger Experten wird es in der näheren Zukunft zu Übernahmen und somit zu einer Marktbereinigung seitens der Reedereien und Veranstalter kommen.

Seit 2013 werden wieder Schiffe mit größeren Kabinen und mehr Komfort gebaut, sagt Franz. Diesen erwarteten die Passagiere auch an Land. Foto: Lüftner Cruises
Seit 2013 werden wieder Schiffe mit größeren Kabinen und mehr Komfort gebaut, sagt Franz. Diesen erwarteten die Passagiere auch an Land. Foto: Lüftner Cruises

Verändern sich auch die Dimensionen bzw. die Angebote auf den Schiffen?

Während in den Jahren 2008 bis 2012 Schiffe mit kontinuierlich mehr Betten gebaut wurden, werden seit 2013 wieder Schiffe gebaut, deren Kabinen geräumiger sind. Das bedeutet Platz für weniger Passagiere, dafür mehr Komfort für den einzelnen Gast. Diese Qualitätssteigerungen an Bord erwartet der Gast letztendlich auch an Land. Individuelle Angebote, wie beispielsweise vegane Flusskreuzfahrten, Jazz-Flusskreuzfahrten oder Flusskreuzfahrten für Dialysepatienten, werden bereits jetzt gut angenommen und spielen sicherlich in der näheren Zukunft eine bedeutende Rolle.

Limit liegt bei 500 Schiffen

  • Die Zahl der Flusskreuzfahrtschiffe

    ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen: 154 (1999), 342 (2001), 1225 (2014), 1272 (2016).

  • Genauso ist die Zahl der Anlegungen

    in Kelheim ist gestiegen, nahe der Gronsdorfer Schleuse machten 2007 jährlich 300 Schiffe fest, 2014 waren es 350, 2017 werden es an die 450 sein. Bei 500 liegt laut dem MDK Schifffahrtsverein, der die Anlegestellen betreibt das Limit. Denn mehr als zwei Schiffe können parallel nicht ankern. Bald könnte dieses erreicht sein, denn die Anfragen steigen kontinuierlich und die Saison verlängert sich immer weiter. Aktuell bis November/Dezember. In Riedenburg waren es 2016 an die 30 Schiffe, die anlegten.

  • 108 000 Euro

    brachten die Anlegungen dem MDK 2016 ein.

  • 24 verschiedene Reedereien

    bieten hier Flusskreuzfahrten an.

  • Die Ersten im Geschäft

    waren Grand Circle Cruise Line, Bratislava, Deilmann, Neustadt/Holstein (gibt es inzwischen nicht mehr), Köln-Düsseldorfer (jetzt KD Cruises Services in Limassol, Zypern), Lüftner Reisen, Österreich und Scylla AG, Schweiz.

  • Am häufigsten fahren

    Viking River Cruises, KD Cruises Services (Scenic-Flotte), Rivertech B.V., River Cruise GmbH und Grand Circle Cruise Line mit ihren Schiffen durch die Region. (re)

Ein Schiff der Viking-Flotte liegt an der Kelheimer Anlegestelle nahe der Gronsdorfer Schleuse Foto: Weigert
Ein Schiff der Viking-Flotte liegt an der Kelheimer Anlegestelle nahe der Gronsdorfer Schleuse Foto: Weigert

Wer profitiert laut Ihrer Studie an Land von der Flusskreuzfahrt, wer nicht?

Es gibt eine ganze Reihe an Profiteuren. Angefangen von regionalen Bus-Reiseveranstaltern, die teilweise neben den klassischen Transportdienstleistungen auch weitere Landleistungen mit im Portfolio haben, bis hin zu Hafen-/Ländenbetreibern, Parkplatzanbietern, Einzelhandel und auch Gastronomie, um die wichtigsten Akteure zu nennen. Ausbaupotenzial gibt es insbesondere noch im Bereich „Loading“, also beim Beladen der Schiffe mit Food- und Non-Food-Artikeln aus der Region.

So verläuft der Main-Donau-Kanal:

Können Gemeinden, Tourismusverbände, Unternehmen an Land, das Maß Ihrer Wertschöpfung beeinflussen? Und wenn ja, wer und wie?

Durch eine noch bessere Organisation verschiedenster Interessensvertreter kann die Wertschöpfung und meist auch die Wertschätzung der Flusskreuzfahrt für die Region optimiert werden. Kleinere Anbieter sollten sich zusammenschließen oder als Subunternehmer agieren. Sicherlich gibt es auch im Hinblick auf die Hafenlogistik noch wertvolles Ausbaupotenzial.

So viele Kabinen- und Ausflugsschiffe passierten die einzelnen Schleusen im Raum Neumarkt/Kelheim:

So sehen es lokale Experten

Kelheims Bürgermeister Horst Hartmann ist auch Vorsitzender des MDK, des Main-Donau-Kanal-Schifffahrtsvereins Foto: Stadt Kelheim
Kelheims Bürgermeister Horst Hartmann ist auch Vorsitzender des MDK, des Main-Donau-Kanal-Schifffahrtsvereins Foto: Stadt Kelheim

Horst Hartmann, Bürgermeister von Kelheim und Vorsitzender des MDK-Schifffahrtsvereins: „Kelheim registriert eine zunehmende Zahl an Flusskreuzfahrtlandungen. Wünschenswert wäre es, dass die Kelheimer Innenstadt und die lokale Wirtschaft in Zukunft noch mehr als bisher von den Anlandungen profitiert. Erfahrungsgemäß ist aufgrund des begrenzten Zeitfensters der Nutzen noch ausbaufähig. Unsere touristischen Magnete Kloster Weltenburg und die Befreiungshalle sind fester Bestandteil der Programme bei Landgängen in Kelheim. Wünschenswert wäre es, Flusskreuzfahrtveranstalter für veränderte Programme wie individuelle Stadtführungen und längere Aufenthaltsdauern in Kelheim und in Erweiterung mit dem Naturpark Altmühltal auch für andere Destinationen wie Beilngries, Dietfurt entlang des Main-Donau-Kanals zu gewinnen.“

Christoph Würflein, Geschäftsführer des Naturparks Altmühltal Foto: Naturpark/Stefan Schramm
Christoph Würflein, Geschäftsführer des Naturparks Altmühltal Foto: Naturpark/Stefan Schramm

Christoph Würflein, Geschäftsführer Naturpark Altmühltal: „Für den Tourismus im Altmühltal ist der Kanal eine Erfolgsstory. Orte wie Berching, Beilngries, Dietfurt, Riedenburg, Essing und Kelheim erlebten in den vergangenen 25 Jahren einen deutlichen Aufschwung. Die touristische Infrastruktur wurde durch den Kanalbau verbessert, attraktive Rad- und Wanderwege sind entstanden. Außerdem erfreut sich die Schifffahrt wachsender Beliebtheit – die hiesige Ausflugsschifffahrt, aber auch die Flusskreuzfahrten. Die Zahl der Kabinenschiffe hat sich innerhalb der vergangenen zehn Jahre fast verdoppelt. Der Kanal ist also in, auch bei internationalen Gästen. Wenn zukünftig noch mehr Passagiere während ihrer Kreuzfahrt unsere Orte am Kanal besuchen, vielleicht auch zu Ausflügen in die Umgebung starten, wird der Main-Donau-Kanal noch stärker als bisher schon dazu beitragen, den Naturpark Altmühltal als Urlaubsgebiet bekannt zu machen.“

Lesen Sie auch unsere Reportage „Himmlischer Höllentrip im Kanal“ von einer Flusskreuzfahrt durch den Kanal.

Video: Weigert

Aus dem eng getakteten Alltag einer Gästeführerin: Anneliese und die „Flusskreuzfahrer“.

Alle Teile der Serie „25 Jahre Main-Donau-Kanal“ finden Sie hier.

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