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Kontrahenten

Weckerle und Weiger: Der Graben bleibt

Die kanalisierte Altmühl ist bis heute die Wasserscheide zwischen den Chefs von Bund Naurschutz und der Rhein-Main-Donau AG.

Der Main-Donau-Kanal durchs Altmühltal ist bis heute ein unüberwindbarer Graben zwischen Konrad Weckerle und Hubert Weiger. Foto: dpa
Der Main-Donau-Kanal durchs Altmühltal ist bis heute ein unüberwindbarer Graben zwischen Konrad Weckerle und Hubert Weiger. Foto: dpa

Kelheim.Ein Streitgespräch mit Hubert Weiger? Keinesfalls, wehrt Konrad Weckerle ab: Der Ex-Rhein-Main-Donau-Chef reagiert noch heute so allergisch auf den Bund Naturschutz-Landesvorsitzende wie die Naturschützer auf den Kanalbau. Die einstigen Kontrahenten beim heiß umkämpften Großprojekt „Kanal-Fertigstellung“ haben aber trotzdem etwas gemeinsam: In Gesprächen mit MZ-Reporterin Martina Hutzler über den Bau des Main-Donau-Kanals vor 25 Jahren können Sie ihren damaligen Rollen Gutes abgewinnen.

„Die Fahrt hierher, wo früher das Ottmaringer Moos war, ist für mich wie der Besuch am Grab eines nahen Verwandten“

Prof. Dr. Hubert Weiger, Landesvorsitzender Bund Naturschutz

Den Blick auf die heutige Kanallandschaft finden BN-Vorsitzender Weiger (vorne) und örtliche Bund Naturschutz-Vertreter noch heute deprimierend. Foto: Hutzler
Den Blick auf die heutige Kanallandschaft finden BN-Vorsitzender Weiger (vorne) und örtliche Bund Naturschutz-Vertreter noch heute deprimierend. Foto: Hutzler

Das Jubiläum „25 Jahre Kanal“ nimmt der Bund Naturschutz (BN) mal wieder zum Anlass für einen „Besuch am Grab eines nahen Verwandten“. So fühlt sich Hubert Weiger nach eigenem Bekunden hier, nahe Beilngries, wo der Main-Donau-Kanal (MDK) das „Ottmaringer Moos“ unter sich begraben hat. Aber 25 Jahre danach nur traurig zurückzublicken? Das reicht dem BN-Landesvorsitzenden auch nicht für seine Pressefahrt mit örtlichen BN-Aktive. Eine Gratwanderung also.

Denn dass sie das Mammut-Bauwerk für „ein ökonomisches und ökologisches Desaster“ halten, wollen sie auch ein Viertel Jahrhundert nach Inbetriebnahme nochmals klargestellt wissen. Aber eben auch, dass sie den einstigen Widerstand gegen den Kanalbau heute trotz allem als Erfolgsgeschichte interpretieren; fürs Altmühltal und andernorts.

„Was war, sieht man nicht mehr“

Andernorts wäre mancher Naturschützer ja froh, gäbe es in einer Talaue nicht nur Mais und fetten Klee, sondern auch solche ungenutzten Hochstaudenfluren und kaum bewirtschafteten Wiesen, wie es sie entlang des Kanals gibt. Genau das ist die Gefahr, finden die BNler: „Was vorher war, sieht man nicht mehr“, formuliert es der Beilngrieser Ortsvorsitzende Hubert Stockmeier.

Vorher war zum Beispiel zwischen Beilngries und Dietfurt, im Ottmaringer Tal, „der größte Niedermoor-Komplex der südlichen Frankenalb“. Den wollten sogar die Kanalplaner schützen, mit einer kilometerlangen, rund 25 Meter tiefen und 12 Millionen D-Mark teuren Spundwand aus Beton. Der Plan scheiterte: Was nicht im Kanal absoff, wurde durch dessen Drainage-Wirkung trockengelegt. Oder die „Irrlewiesen“: einst 30, 40 Hektar weitläufige Feuchtflächen, auf denen seltene Vogelarten wie Kiebitz und Bekassine zu finden waren. Gegen das langsam aus Dietfurt heranwachsende Gewerbegebiet behauptet sich zwar ein Biotopbereich mit Schafweiden und zurückhaltend gemähten Wiesen. „Aber man weiß bis heute nicht, wohin sich das entwickeln soll – Hauptsache, für die Radler schaut es Grün aus“, kanzelt Marlene Gmelch-Werner das Resultat der Biotopbemühungen beim Kanalbau ab.

Der Abschnitt durchs einstige Ottmaringer Moos ist für Naturschützer eine der größten Sünden des Kanalbaus. Foto: Dr. Satzl
Der Abschnitt durchs einstige Ottmaringer Moos ist für Naturschützer eine der größten Sünden des Kanalbaus. Foto: Dr. Satzl

Noch so eine Gratwanderung, für den BN eine besonders delikate. Die wenigen örtlichen Kanal-Gegner hatte es einst dem Bund Naturschutz-Landesverband schwer angekreidet, dass er den 1972 erstellten „Landschaftsplan Altmühltal“ befürwortet, ja sogar durch ein Vorwort des damaligen BN-Vorsitzenden Hubert Weinzierl quasi geadelt hatte. „Ich halte das nach wie vor für vertretbar“, verteidigt Weiger seinen Vorgänger.

In diesem Dilemma stecken Umweltverbände bis heute: Fundamental-Opposition oder Kooperation um der Schadensbegrenzung willen? Letzteres war das Ziel des Landschaftsarchitekten Reinhard Grebe. Auf öffentlichen Druck hin gaben die Kanalplaner bei ihm einen Landschaftsplan in Auftrag. Diesen „Grebe-Plan“ hält der promovierte Forstwissenschaftler Weiger „nach wie für vor ein hervorragendes Werk“: um echten ökologischen Ausgleich bemüht, nicht nur um grüne Tupfen in der Kanallandschaft. Und darin habe der BN in den frühen 1970ern das Maximum dessen gesehen, was Widerstand bewirken könne. „Den Kanalbau zu verhindern, hielt man damals für aussichtslos: In der gesamten Region hat es kaum Widerstand gegeben, und auch noch nicht die Struktur der BN-Ortsgruppen.“

„Mit Brückenbauten haben sie die Gemeinden geködert, haben Kläranlagen und Wasserleitungen finanziert: Das Wohlwollen im Tal ist mit öffentlichen Geldern erkauft worden“

Hubert Weiger

Der Protest kam überwiegend vom BN-Landesverband, von Künstlern wie den „Wolfratshausener Schwarzmalern“, Kabarettisten wie Dieter Hildebrandt. Sie bekamen zu hören, „Ihr tragt den Widerstand von außen ins Tal. Die Anwohner dort sind doch für den Kanal“. Ja, aber nur wegen der damaligen Zuckerbrot-und-Peitsche-Taktikvon RMD und Staatsregierung, urteilen Weiger und die BN-Ortsvorsitzenden heute. Zuckerbrot: für die Willigen. „Mit Brückenbauten haben sie die Gemeinden geködert, haben Kläranlagen und Wasserleitungen finanziert“; auch Vereine und Kirchen seien mit Spenden bedacht worden. „Das Wohlwollen im Tal ist mit öffentlichen Geldern erkauft worden“, ätzt Weiger.

So sieht der Main-Donau-Kanal aus der Vogelperspektive aus

Der Kanal aus der Vogelperspektive

Die Peitsche hätten diejenigen zu spüren bekommen, die protestierten: Kleine Unternehmer wie Franz Schmid und Erich Kügel „sind mit massiven ökonomischen Einbußen abgestraft worden“. Er habe, so Weiger, „höchsten Respekt vor all denen, die damals die Fahnen des Naturschutzes hochgehalten haben. Das hat viel Widerstandskraft gekostet“.

Die Erdkröte, einst Allerweltsart im Altmühltal und heute selten, gilt vielen als Symbol für die ökologischen Schadenswirkung des Kanals. Foto: dpa
Die Erdkröte, einst Allerweltsart im Altmühltal und heute selten, gilt vielen als Symbol für die ökologischen Schadenswirkung des Kanals. Foto: dpa

Bei einer Grabrede wäre das ein schönes Schlusswort, aber eine solche soll die Fahrt ja nicht (nur) sein. An den Fakten wollen sie nichts herumdeuteln: Die Fundamental-Opposition, der sich Ende der 1970er der BN dann doch mit voller Kraft anschloss, konnte das ursprüngliche Altmühltal nicht retten. „600 Hektar wertvollste Feuchtgebiete verloren, seltene Tier- und Pflanzenarten verschwunden“, bilanziert Weiger. Das Argument „umweltfreundlicher Transport zu Wasser“ sieht er mit dem Sturzflug der Schiffsgut-Mengen widerlegt. Und „sanften Tourismus und Naherholung hätten wir mit viel weniger Geld und Naturzerstörung haben können“, grämt sich Marlene Gmelch-Werner noch heute.

„Kanal würde nicht mehr genehmigt“

Doch der verlorene Kampf im Altmühltal habe andernorts ähnliche Desaster mit verhindert, trösten sich die BNler: den weiteren Donau-Ausbau etwa. „Die Donau-Anrainer unterhalb von Straubing sind auch deshalb aufgewacht, weil wir in Vorträgen über den Main-Donau-Kanal und seine Folgen berichtet haben.“ Als Teilerfolg werten die Ortsvorsitzenden, dass dank der Hartnäckigkeit Einzelner und des Verbands der Grebe-Plan tatsächlich umgesetzt wurde und nicht in der Schublade verschwand. Den Öko-GAU für die Natur habe das zwar nicht verhindert, „aber zumindest ein Ingenieurs-Beton-Gerinne, schnürlgerade, mit maximaler Ufer-Versteinung“ sowie ungezügelte Bauland-Ausweisung.

Marlene Gmelch-Werner genießt eine weitere, späte Genugtuung: „Selbst CSU-Politiker sagen mittlerweile, ,heute würde so ein Projekt nicht mehr genehmigt werden’. Da hat unser Widerstand schon die Einstellung in der Gesellschaft, in der Bevölkerung verändert. Auch wenn nicht jeder einen grünen Golfplatz von einem Feuchtbiotop unterscheiden kann.“

„Müssen Natur erfahrbar machen“

Weiger verallgemeinert den letzten Satz zum Defizit unserer heutigen Gesellschaft: Naturschutz? Klar, wichtig – aber wie sieht „echte“ Natur gleich nochmal aus?? Das zu zeigen, sei daher die heutige Verbands-Aufgabe: „Wir Naturschützer müssen dringend unsere Bildungsarbeit überdenken“. Statt über Natur die Käseglocke zu stülpen, „müssen wir sie erfahrbar machen – so lange es sie noch gibt. Die Menschen müssen wissen, was ein Fluss, was ein Niedermoor ist!“ Gäbe es das einstige Altmühltal noch, müsste man heute zulassen, ja: fordern, dass es für Radfahrer erschlossen wird, findet er.

Solche Worten dürften manches BN-Mitglied erzürnen, für das „Natur erfahren“ gleich „Natur stören“ ist. Weiger will das notfalls in Kauf nehmen. „Unsere besten Verbündeten im Kampf um die letzten freien Flüsse wären zum Beispiel die Kajakfahrer. Und wir? Streiten mit ihnen um den Zutritt zu diesen letzen Resten. Falsch! Stattdessen sollten wir mit ihnen kämpfen, dass es wieder mehr solche freien Flüsse gibt!“

Rund um den Kanalbau

  • Karrieren

    Für Prof. Dr. Konrad Weckerle war der Vorstandsposten bei der Rhein-Main-Donau AG das Finale der Berufslaufbahn. Für Prof. Dr. Hubert Weiger war der Widerstand gegen den Kanalbau ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum Landes- und später Bundesvorsitz bei BN/BUND.

  • Kosten

    170 km Bamberg-Nürnberg kosteten rund 2,3 Milliarden Euro: Für den Kredit an die RMD verzichten Bund und Land auf die (Milliarden) Zinsen. Er läuft bis 2050; Weckerle schätzt aber, dass ihn die RMD – mit ihren Einnahmen aus Wasserkraft – in ca. zehn Jahren getilgt hat.

  • Gütertransport

    Vor der MDK-Fertigstellung waren Prognosen immer auch ein Politikum und reichten von 2,7 Tonnen über 14 Mio. (offizielle Berechnungsgrundlage) bis gar 18 Mio. Tonnen Fracht jährlich. Seit dem Höchstwert 8,5 Mio. in 2000 sank der Jahreswert auf 4,6 Mio. im Jahr 2016 .

  • Natur

    Ca. 20 Prozent der Baukosten flossen in ökologische Maßnahmen: für die RMD „trotz veränderter Landschaft „auch ein Hinzugewinn für Flora und Fauna“; für den BN großteils nur „ein Blumenstrauß auf dem Leichensarg der Natur“.

Für Konrad Weckerle ist der Kanalbau ein Erfolg für die Region. Foto: Lex
Für Konrad Weckerle ist der Kanalbau ein Erfolg für die Region. Foto: Lex

„Das Altmühltal ist heute weitaus schöner als in den 1970er Jahren; die Dörfer sind wunderschön geworden.“

Prof. Dr. Konrad Weckerle, früherer Vorstandsvorsitzender der Rhein-Main-Donau AG

Mit 75 und raus aus dem „Tagesgeschäft“, kann sich Konrad Weckerle unverblümte Sätze leisten über „sein Kind“: Dass der Main-Donau-Kanal vor allem politisch gewollt war, dass die Rhein-Main-Donau AG (RMD) als Bauherrin einst den Widerstand „weggekauft“ hat, dass allzu optimistische Prognosen zum Gütertransport den Bach respektive Kanal runtergingen: All das ficht der ehemalige RMD-Vorstandsvorsitzende nicht an, aber es ficht auch ihn nicht an. „Mister RMD“, wie er früher genannt wurde, hält den Kanalbau für eine, für seine Erfolgsgeschichte. Daran lässt der promovierte Jurist beim Gespräch in unserem Medienhaus keinen Zweifel.

Bayerns oberster Kanalbefürworter verpflichtete also 1987 schon den Richtigen: „Franz Joseph Strauß hat zu mir gesagt, ,Du machst das Ding jetzt fertig - am Oktoberfest 1992 will ich diese Wasserstraße einweihen!’“ Weckerle übernahm den Vorstandsjob, „ohne genau zu wissen, was bis 1992 noch zu tun ist…“

Nämlich Politiker und Bevölkerung vom Sinn des Milliardenprojekts zu überzeugen und zeitgleich die rechtlichen Verfahren über die Bühne zu bringen, erinnert sich Weckerle mit leisem Grausen. „Zunächst das Raumordnungsverfahren, mit im Schnitt 123 beteiligten Kommunen und Verbänden – selbst der Deutsche Alpenverein war dabei! Und danach das Planfeststellungsverfahren. Da konnte jeder mit eingreifen, der auch nur so getan hat, als sei er betroffen…“

„Die ganze Region war für den Kanal“

Die wenigsten Protestierer – „vielleicht 20, 30 Prozent“– seien „ideologisch motiviert“ und kategorisch gegen den Kanal gewesen, meist aus ökologischen Gründen. Und die okkupierten obendrein „von außen“ das untere Altmühltal. „Bei den Pressefahrten vom Bund Naturschutz zum Beispiel hab’ ich immer gesagt: ,Weiger und Konsorten sind wieder auf Betriebsausflug, um was gegen uns zu finden’. Unser großer Vorteil war aber, dass vor Ort die ganze Region für den Kanal war; es gab sogar die Bürgerinitiative ,Ja zum MDK’.“

Halt, es gab doch aber auch die örtliche Gegner-BI „Rettet das Altmühltal“, mit Erich Kügel und Anton Mayer als örtlichen Widerstandskämpfern?! „Diese BI haben wir überhaupt nicht ernst genommen. Sie ist gar nicht ins öffentliche Bewusstsein getreten, weil sich der damalige Riedenburger Bürgermeister Michael Schneider so dermaßen für uns eingesetzt hat.“

Riedenburg ist aus Sicht Konrad Weckerles die Gemeinde, die mit am meisten von Kanal profitiert hat. Foto: Dr. Satzl
Riedenburg ist aus Sicht Konrad Weckerles die Gemeinde, die mit am meisten von Kanal profitiert hat. Foto: Dr. Satzl

Kein Wunder, ergänzt Weckerle: Schneider habe sofort die Chancen des Großprojekts erkannt. Weshalb Riedenburg, neben Beilngries, „am meisten vom Kanal profitiert hat: mit der neuen Uferpromenade, mit Bauplätzen, Wohnungen und Läden.“ Demgegenüber habe Dietfurts Kommunalpolitik so lange gezögert, bis die RMD die Kanaltrasse an die siebenhundert Meter wegrückte. „Dort ist am Kanal heute noch nicht viel los.“

„Widerstand haben wir weggekauft“

Wo der Widerstand keine Herzens-, sondern Gelsache war, „haben wir ihn weggekauft, so gut es ging. Und dabei die Preise versaut“, gesteht Weckerle freimütig und schmunzelt: „Anfangs haben wir eine D-Mark pro Quadratmeter gezahlt; am Schluss fünf.“ Polit-Füchse wie Michael Schneider hätten mit der RMD bis aufs Messer gefeilscht um bauliche und finanzielle Zugeständnisse. Mit einem „Win-Win“-Ergebnis für beide, urteilt er heute: Die RMD habe Geld und technische Kompetenz beigesteuert, „um den „bis dahin unbekannten Schatz Flusslandschaft herzurichten“. Aber die Kommunen „haben uns zu landschaftlicher Schönheit gedrängt – sie haben das Zukunftspotenzial ,Tourismus’ völlig richtig eingeschätzt. Wenn die RMD den Kanal alleine, nur mit ihrer technischen Kompetenz gestaltet hätte, hätten wir es deutlich billiger gemacht“.

Den Gemeinden - hier Essing - hat der Kanalbau geholfen, sich herauszuputzen, findet RMD-Chef Weckerle. Foto: Dr. Satzl
Den Gemeinden - hier Essing - hat der Kanalbau geholfen, sich herauszuputzen, findet RMD-Chef Weckerle. Foto: Dr. Satzl

Hier unterlegen zu sein, ist ihm im Nachhinein nur recht. Dadurch nämlich „ist das Altmühltal heute weitaus schöner als in den 1970er Jahren; die Dörfer sind wunderschön geworden.“ Sagt’s, und attestiert sich lachend Befangenheit. „Na gut, ich bin, wie der Weiger von der anderen Seite, auch Überzeugungstäter. Aber fast jeder, der das Altmühltal früher kannte, sagt das so: Jetzt ist es schöner!“

„Vielen Häfen fehlt das Hinterland“

Ja; ein, zwei Abstriche fallen ihm ein. Dass viele Kanal-Gemeinden gleich noch Gewerbegebiete ausgewiesen haben, „gefällt mir weniger. Aber das ist deren Entscheidung.“ Und die vielen Häfen, geboren aus gemeindlichem Kirchturm-Denken, hält er für „sinnlos, mit Ausnahme von Kelheim und vielleicht noch Mühlhausen. Dörfern wie Beilngries oder Berching fehlt für ihre aufwendige Hafenanlagen einfach das nötige Hinterland.“

Der Gütertransport erfüllt die Vorab-Prognosen längst nicht. Foto: Wachter
Der Gütertransport erfüllt die Vorab-Prognosen längst nicht. Foto: Wachter

Aber ob der Erkenntnis, dass Politiker nicht nur die Volkswirtschaft, sondern auch die eigene Wiederwahl im Blick haben, habe er sich „eine gewisse Gelassenheit angeeignet“. Die hilft ihm auch beim Vergleich zwischen den optimistischen Gütertransport-Prognosen vor dem Kanalbau – von bis zu 20 Millionen Tonnen pro Jahr war die Rede – und der Realität, die 2015 bei vier Millionen Tonnen lag. „Das Transportaufkommen hat sich eben deutlich gewandelt“: Mit dem Ostblock sei auch dessen subventionierter Rohstoff-Export per Schiff zusammengebrochen. Aber es habe zum Beispiel keiner vorhergesehen, welchen Boom der Kanal dem Tourismus, gerade der Kabinenschifffahrt, verleihen würde.

Der touristische Nutzen der Wasserstraße, insbesondere die Kabinenschifffahrt, wiegt aus Sicht Weckerles auf, dass der Gütertransport hinter den Erwartungen zurück bleibt. Foto: Weigert
Der touristische Nutzen der Wasserstraße, insbesondere die Kabinenschifffahrt, wiegt aus Sicht Weckerles auf, dass der Gütertransport hinter den Erwartungen zurück bleibt. Foto: Weigert

Überhaupt sei die Wirtschaftlichkeit von Großprojekten kaum bewertbar, erwidert er, wenn man an einstige Kritiker erinnert. So vermochte Bayerns Oberster Rechnungshof 1966 für einen Weiterbau der Schifffahrtsstraße über Nürnberg hinaus „kein wirtschaftliches Bedürfnis“ zu finden. Noch 1982 nannte Bundesverkehrsminister Volker Hauff (FDP) den Weiterbau „das dümmste Projekt seit dem Turmbau zu Babel“. Konrad Weckerle hält entgegen: Die Güterverlagerung aufs Wasser, der Hochwasserschutz und das Facelifting für die Gemeinden, der Tourismusboom – all das gehöre zur Bilanz dazu.

„Die Altmühl war ein Dreckloch! Und im Tal gab es links und rechts nur landwirtschaftliche Nutzung – jetzt dagegen eine Vielzahl von neuen Biotopen.“

Konrad Weckerle

Auch die ökologische Verlustrechnung von Naturschützern mag er so nicht anerkennen. „Die Altmühl war ein Dreckloch!“, die Fischfauna deshalb schlechter als heute, hält er wehmütigen Erinnerungen ans Flüsschen entgegen. „Und im Tal gab es links und rechts nur landwirtschaftliche Nutzung – jetzt dagegen eine Vielzahl von neuen Biotopen. Ein ,Totholz-Biotop’ zum Beispiel – so was kannte ich vorher selbst nicht“. Weckerle bleibt dabei: „Es ist wirklich schön geworden!“

25. September 1992 - Bilder von der Eröffnungsfeier in Berching

Der Main-Donau-Kanal ist eröffnet

Klar mit „Nein!“ antwortet er dennoch auf die Frage, ob der Kanalbau heute noch durchsetzbar wäre. Vor Ort wäre der Widerstand zu groß und würde vor allem bei Politikern wie Horst Seehofer zu sehr Gehör finden: Bayerns Ministerpräsident habe ja auch „in einer einsamen nächtlichen Entscheidung“ dem Protest gegen den Staustufen-Ausbau der Donau nachgegeben – dabei sei der „sanfte“ Ausbau „ein Schwachsinn erster Güte, ökonomisch und ökologisch“, poltert „Mr. RMD“. Und fügt ruhiger an: Dass der Einfluss von Einzelinteressen zunehme, sei seine „einzige allgemein-politische Sorge. Das Denken der Menschen ist immer mehr von Ansprüchen geprägt und völlig frei von der Bereitschaft, einen eigenen Beitrag zum künftigen Wohlstand für alle zu leisten.“

Alle Teile unserer Serie „25 Jahre Main-Donau-Kanal“ lesen Sie hier.

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