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Gesundheit

Mit Bio und Regenwürmern die Welt ändern

Der Landkreis Neumarkt ist Öko-Modellregion. Was das bedeutet und welche Chancen sich bieten, werden zum Auftakt diskutiert.
Von Eva Gaupp

  • Bio-Produkte aus der Region für die Region – das ist das Ziel im Landkreis Neumarkt. Foto: Gambarini
  • „Wir können die Umweltprobleme nicht lösen, wenn wir bestehende Modelle ändern – wir müssen umdenken“, sagte Bio-Landwirt Sepp Braun. Foto: Gaupp
  • „Wir müssen das Bewusstsein für gesunde Lebensmittel in die Breite der Gesellschaft tragen“, sagte der Leiter des Amts für Landwirtschaft in Neumarkt, Johannes Hebauer. Foto: Gaupp
  • „Da müssen wir hin: Zu 100 Prozent Bio ohne Kompromisse“, sagte die Generalbevollmächtigte der Neumarkter Lammsbräu, Susanne Horn. Foto: Gaupp
  • „Entscheidend ist in der Landwirtschaft, dass wir an einem Strang ziehen“, sagte Landrat Willibald Gailler. Foto: Gaupp
  • Der Saal war voll. Im Anschluss an die Vorträge stellten einige Besucher Fragen. Foto: Gaupp

Neumarkt.Bienen summen über bunten Blumenwiesen. Kühe grasen auf saftigen Wiesen und laben sich in einem klaren Bach. In Hecken zwitschern die Vögel und gleich daneben wogen goldene Gerstenhalme im Wind. Dieses Bild stammt nicht vom Propheten Jesaja aus der Bibel. Und es ist auch nicht die Beschreibung des Paradieses vor dem Sündenfall. Das Bild gibt die Philosophie von Menschen wieder, die hinter dem Öko-Gedanken stehen, die Lebensmittel und Energie im Einklang mit der Natur produzieren wollen. Und es kommt wohl dem ziemlich nahe, was sich die rund 130 Menschen vorstellen, die am Mittwochabend zum Auftakt der Öko-Modellregion Landkreis Neumarkt in den Sammüller-Saal gekommen waren.

An diesem Abend stellte Projektmanagerin Simone Spangler von der Regina GmbH die Themenschwerpunkte vor (siehe Infokasten „Arbeitskreise“ und zwei Unternehmer berichteten davon, was es heißt, Ökologie zu leben. Die eine war die Generalbevollmächtigte der Lammsbrauerei, Susanne Horn. Der andere war der Freisinger Landwirt Sepp Braun. Er ist seit 26 Jahren Bio-Bauer, hält Milchkühe in einem Laufstall, füttert sie nur mit Heu und Gras von seinen Wiesen, verkauft sein Gemüse in einem Laden und vergast sein eigenes Holz, um Wärme und Strom zu gewinnen. Die Holzkohle setzt er als Dünger ein.

Belege aus der Forschung

Weil er seit Jahren eng mit Wissenschaftlern zusammenarbeitet, beschäftigt sich Braun auch mit den Konsequenzen der konventionellen Landwirtschaft und den Folgen des Biolandbaus. Und kommt zu recht deutlichen Aussagen: „Wir plündern das Grundwasser.“ – Kühe sind auch ohne Kraftfutter leistungsfähig.“ – „Die moderne Technik, die in der Landwirtschaft eingesetzt wird, ist ein Verbrechen an der Schöpfung.“

Ein Beispiel: Schwere Maschinen verdichteten den Boden so sehr, dass er bei Starkregen das Wasser nicht mehr speichern könne. Dadurch komme es zu Überschwemmungen und bis zu 30 Prozent Ernteeinbußen, die wiederum durch zusätzlichen Dünger ausgeglichen werden müssten. Doch wenn das Wasser nicht im Boden versickert, sinkt der Grundwasserspiegel und die Trinkwasserressourcen reduzieren sich. Seine Lösung: Weniger schwere Traktoren und landwirtschaftliche Maschinen stattdessen mehr Regenwürmer.

Das schmunzelnde Raunen im Publikum kannte Sepp Braun schon und fuhr unbeirrt fort: Im Boden ökologisch bewirtschafteter Felder lebten rund 600 Regenwürmer pro Quadratmeter, in verdichteten Böden nur etwa 16. Doch die Würmer sorgten für einen lockeren Boden, lasse Wasser leicht versickern, ihr Kot enthalte doppelt so viel Stickstoff, als man durch Dünger zuführen könne – und das auf ganz natürliche Weise. Seine Gleichung: Gesunde Umwelt – gesunde Lebensmittel und gesunde Tiere ergibt letztendlich gesunde Menschen.

„Miteinander statt Gegeneinander“

Um dieses Ziel als Öko-Modellregion zu erreichen, müssten alle an einem Strang ziehen, sagte der Leiter des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Neumarkt, Johannes Hebauer. „Nachhaltigkeit statt Verschwendung, Miteinander statt Gegeneinander.“ In Bayern habe sich in den vergangenen zehn Jahren die Zahl der Biobauern auf 6600 verdoppelt, womit jeder dritte deutsche Ökolandwirt inzwischen in Bayern arbeite.

Im Landkreis Neumarkt existieren derzeit 131 Ökobetriebe, die 7,5 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche bearbeiten. „Das ist zwar gut, aber es reicht noch nicht.“ Die Nachfrage liege deutlich höher als die Produktion, weshalb viele Bio-Produkte importiert werden müssten, führte Hebauer weiter aus. Doch die weiten Transporte widersprächen dem Öko-Gedanken. In einer Umfrage hätten 87 Prozent der befragten Kunden von Bio-Produkten erklärt, dass ihnen gerade die regionale Herkunft besonders wichtig sei. – Eine große Chance für das Vorhaben im Landkreis.

Die Weltmärkte seien undurchsichtig, ergänzte Projektmanagerin Simone Spangler. Und so wisse niemand genau, unter welchen Bedingungen Bio-Produkte im Ausland hergestellt würden. Doch davon hänge die Glaubwürdigkeit der ganzen Branche ab. „Unser Ziel ist es Bio aus der Region für die Region zu bieten, den Lebensmitteln ein Gesicht zu geben.“

Wer von Angesicht zu Angesicht verhandle, bescheiße sich auch nicht, sagte Susanne Horn in ihren Ausführungen und ging kurz auf die Erzeugergemeinschaft ein, mit der die Lammsbräu seit 25 Jahren zusammenarbeitet. Zwischen den Produzenten und den Abnehmern müsse Vertrauen entstehen.

Und ein zweiter Aspekt war ihr wichtig: Aus wirtschaftlichen Gründen hätten sich viele Landwirte spezialisiert, setzten auf Monokulturen wie den Mais. Doch das sei der falsche Weg. Stattdessen brauche es eine Vielfalt an Feldfrüchten, die auch vor Ort verarbeitet werden. „Statt Marktpreise müssen wir Nachhaltigkeitspreise festlegen“, Preise von denen die Bauern leben könnten. Wenn der Kunde die Hintergründe kenne und die Qualität der Produkte schätzen lerne, sei er auch bereit, mehr zu bezahlen. „Und so erhalten wir unsere Erde für künftige Generationen.“

Eine Utopie? Eine Vision vom Paradies auf Erden? Die Antwort darauf wird jeder sehen, wenn er in zehn Jahren aus dem Fenster schaut.

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