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Interview

„Der Schiedsrichter-Job ist undankbar“

Ein Sportwissenschaftler spricht im Interview über die mentale Belastung von Schiris, schimpfende Eltern und Machtmissbrauch.
Von Thorsten Drenkard

Prof. Dr. Rainer Schliermann Foto: Diana Feuerer
Prof. Dr. Rainer Schliermann Foto: Diana Feuerer

Neumarkt.Was ist die größte psychische Herausforderung an einen Fußball-Schiedsrichter?

Die mentale Herausforderung ist sicherlich, dass man von unterschiedlichen Seiten Stresssituationen erleben kann, mit denen man sich auseinandersetzen muss. Oft stellen sich diese Stressoren in besonderer Stärke dar oder potenzieren sich gegebenenfalls. Man ist mit Stressoren der Eltern, Spieler, Trainer und auch Zuschauer konfrontiert. Sie treten oft relativ intensiv auf, da besagte Akteure ebenfalls unter Stress stehen und diesen häufig nicht angemessen kontrollieren können.

Welche positiven mentalen Auswirkungen bringt das Schiedsrichterdasein mit sich?

Wie bei allen schwierigen Anforderungen, entwickelt sich auch beim Schiedsrichtern allmählich das schiedsrichter- beziehungsweise sportspezifische Selbstvertrauen nach oben, wenn man mehrmals schwierige Anforderungen erfolgreich meistert.

Wie kann man sich gegen Anfeindungen, Beleidigungen, Hohn und Spott von Spielern, Trainern oder Zuschauern wappnen?

Indem man durch Techniken des sportpsychologischen Trainings die Konfrontation mit solchen Stressoren simuliert beziehungsweise entsprechende Bewältigungsstrategien eintrainiert.

Wieso haben Schiedsrichter so ein negatives Image? Ist das der Regel-Hüter-Effekt, ähnlich wie bei Polizisten?

Das könnte sein. Vielleicht fühlen sich Menschen auch in einer gewissen Art und Weise bevormundet oder in ihrer Entscheidungsfreiheit eingeschränkt, wenn sie plötzlich auf die Einhaltung von Regeln via formaler Autorität hingewiesen werden. Auf alle Fälle sind dies äußerst wichtige und sinnvolle Funktionen, die Schiedsrichter beziehungsweise Polizisten ausüben.

Als Schiedsrichter hat man auch die Macht, mit seinen Pfiffen ein Spiel entscheidend zu beeinflussen: Gibt es Persönlichkeiten, die besonders anfällig sind, diese Sonderposition auszunutzen?

Unabhängig vom Schiedsrichter-Dasein, gibt es in der Sport-Psychologie bestimmte Motive, die mehr oder weniger stark ausgeprägt sein können beim Einzelnen. Eines ist auch als sogenanntes Machtmotiv bekannt. Ein Motiv kann man als Bewertungsdisposition auffassen, bestimmten Aspekten besonders zugewandt zu sein, hier etwa der Machtausübung im weiteren Sinne. Prinzipiell ist es also denkbar, dass es Schiedsrichter gibt, bei denen dies der Fall ist. Das kann man aber keinesfalls annehmen oder gar voraussetzen.

Ist der Schiedsrichter-Job nicht ein äußerst undankbarer?

Ja, er ist in der Tat undankbar. Aber wer sich dafür entscheidet, der muss sich dessen bewusst sein und sich auch bewusst darauf einstellen.

Welches Auftreten ist als Referee auf dem Platz ratsam?

Grundsätzlich empfiehlt sich ein situationsangemessenes Verhalten auf dem Platz, was von verschiedenen Faktoren wie beispielsweise dem Spielverlauf oder der Zuschauerzahl abhängen kann. Ebenso wie man im pädagogischen Kontext situationsbezogen Handeln muss, ist das auch als Schiedsrichter anzunehmen. Allerdings halte ich nichts davon, als Grundtendenz autoritär im Sinne eines „diktatorischen“ Auftretens zu wirken. Das könnte eher die Situation eskalieren als sie zu entschärfen. Vor allem auch mit Blick auf den Jugendbereich scheint mir eher ein ein bestimmendes, aber nicht diktatorisches Verhalten angebracht, bei dem auch Wert auf angemessene Kommunikation gelegt wird.

Wem würden Sie dazu raten, Schiedsrichter zu machen?

Denjenigen, die Spaß an der Sache haben mit all ihren unschönen Nebeneffekten. Vor allem sollten sie über hinreichend ausgeprägte Stressbewältigungs-Mechanismen beziehungsweise Kompetenzen verfügen, um nicht früher oder später Folgeschäden wie zum Beispiel ein Burnout-Syndrom zu erleiden.

Warum müssen Schiedsrichter häufig als Prügelknaben oder verbaler Abfalleimer herhalten, wenn sie Fehler begangen haben?

Weil beispielsweise Eltern völlig irrational handeln und dem Jugend-Fußball eine viel zu hohe Bedeutung zuschreiben. Zudem, weil ihnen Anstand und Respekt fehlen und sie gegebenenfalls selbst erhebliche Probleme haben, die sie nicht akzeptabel verarbeitet haben. Reflektierte Eltern müssten in der Lage sein zu erkennen, dass Schiedsrichter nicht absichtlich schlecht pfeifen und wenn ein Fehler unterläuft, dass dieser „normal“ ist und ein solcher jedem – auch ihnen selbst – passieren könnte.

Welchen Einfluss hat das Verhalten der Beteiligten im Profifußball auf das Verhalten aller auf den Amateurplätzen?

Der Profifußball ist exponiert und permanent in den Medien präsent. Das Verhalten von Spielern, Trainern oder Funktionären hat sicherlich Vorbild-Wirkung – auch im negativen Sinne – für Amateur-Vereine beziehungsweise das Verhalten der dort Handelnden. Insofern müssten sich viele Beteiligte im Profifußball dieser Verantwortung – auch pädagogischen – bewusst sein und entsprechend handeln. Aber das ist eine Wunschvorstellung.

So schätzen Neumarkter Experten die Schiedsrichter-Situation in der Region ein.

Wie sollte man als Referee am besten mit einem begangenen Fehler umgehen?

Man sollte zu seinen Fehlern stehen und nicht versuchen, irgendwelche Ausreden zu konstruieren. Wenn hin und wieder ein Fehler unterläuft, ist das vermutlich die beste Strategie. Natürlich wird das zum Problem, wenn man permanent Fehler eingestehen muss. Dann sollte man sich ernsthaft überlegen, ob der Job nicht vielleicht zu anspruchsvoll für einen ist.

Haben Sie schon einmal ein Spiel gepfiffen?

Nein, ich habe noch kein Spiel gepfiffen und ich würde es auch nicht unbedingt machen wollen.

Das sagen Neumarkter Trainer zu den Leistungen der Schiris:

Das sagen Neumarkter Unparteiische zum Umgang mit ihnen rund um den Fußballplatz:

So geht es mit der MZ-Themenwoche weiter:

MZ-Themenwoche „Fussball-Schiedsrichter“

  • Mittwoch:

    Wir stellen vier außergewöhnliche Unparteiische aus den Gruppen Neumarkt und Parsberg vor.

  • Donnerstag:

    Wir erklären, wie der Karriereweg von der B-Klasse bis zum Fifa-Schiri aussehen kann.

  • Freitag:

    Wie gut Sie sich tatsächlich mit den Fußballregeln auskennen, können Sie in unserem großen Regeltest prüfen – und etwas gewinnen.

  • Samstag:

    Ex-Fifa-Referee Urs Meier spricht im großen Interview über Morddrohungen und darüber, weshalb der Schiedsrichter-Job dennoch so erfüllend ist. (kh)

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