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MZ-Themenwoche

Fehlende Schiris kosten Vereine Geld

Die Mehrzahl der Klubs in Neumarkt stellt nicht die vom BFV geforderte Anzahl an Unparteiischen ab – ein Stimmungsbild.
Von Thorsten Drenkard

Schiedsrichter, die sich bei Wind und Wetter in den Dienst stellen, sind rar gesät. Auch die Vereine der Region tun sich immer schwerer, aus den eigenen Reihen Mitglieder für den Job des Referees zu finden. Foto: Eibner-Pressefoto
Schiedsrichter, die sich bei Wind und Wetter in den Dienst stellen, sind rar gesät. Auch die Vereine der Region tun sich immer schwerer, aus den eigenen Reihen Mitglieder für den Job des Referees zu finden. Foto: Eibner-Pressefoto

Neumarkt.Beim ASV Neumarkt mussten sie besonders tief in die Vereinskasse greifen – denn Strafe muss sein. Weil die knapp 400 Mitglieder starke Fußballabteilung im vergangenen Jahr nicht die vom Bayerischen Fußball-Verband (BFV) geforderte Anzahl an Schiedsrichtern für den Ligabetrieb abstellen konnte, hatte der Neumarkter Verein eine Strafgebühr von 500 Euro an den Verband zu entrichten – negativer Rekord für einen Klub aus dem Landkreis.

„Das ist schon viel Geld, das freilich besser im Verein aufgehoben ist“, weiß ASV-Abteilungssprecher Bernhard Karg – allerdings: „Es will heutzutage einfach keiner mehr Schiedsrichter machen“, verweist Karg auf die immer größer werdende Problematik, aus den eigenen Vereinsreihen Mitglieder für den Unparteiischen-Job begeistern zu können.

Ein kostspieliges Problem

Und hier liegt das kostspielige Problem: Denn der BFV fordert, dass je gemeldeter Mannschaft, die im Ligabetrieb für den Aufstieg berechtigt ist, ein Unparteiischer im Verein vorhanden sein muss. Die Höhe der Strafe hängt unter anderem davon ab, in welcher Liga die höchstklassigste Mannschaft eines Vereins spielt und, seit wie vielen Jahren schon ein Klub die Schiri-Quote nicht erfüllt. Tatsache ist: Die Mehrzahl der Vereine (58 Prozent) verstößt gegen die Auflagen und muss deshalb blechen.

Allein im Bezirk Oberpfalz, zu dem der Fußballkreis zählt, in dem die Parsberger Schiedsrichtergruppe pfeift, mussten die Vereine in den vergangenen Jahren niedrige fünfstellige Summen, die teils deutlich variierten, berappen und an den BFV überweisen.

Neumarkter Schiedsrichter äußern sich im Video zur Problematik der Strafzahlungen:

MZ-Themenwoche: Strafzahlungen der Fußballvereine

Auch im kompletten Kreis Neumarkt überwiesen zahlreiche Vereine erhebliche Geldbeträge an den Verband, weil nicht genügend Fußballer aus den eigenen Reihen für Schiedsrichter-Neulingslehrgänge angemeldet werden (konnten). In den vergangenen beiden Spielzeiten wanderten jeweils mehr als 15.000 Euro an Strafzahlungen von den Klubkonten in die BFV-Kasse.

Neumarkts Schiedsrichter-Obmann Oliver Johannes zeigt einerseits Verständnis für die Vereine, denen es zweifelsohne generell immer schwerer falle, Ehrenamtliche in die Klubs zu integrieren. „Wir wissen um diese Problematik.“

Dennoch sieht er in den Reihen der Fußballabteilungen zu wenig Antrieb, die eigenen Mitglieder für das Schiedsrichter-Wesen zu motivieren. Die Folgen sind nicht nur auf den Vereinskonten spürbar, sondern auch auf den Plätzen zu sehen: Im Jahr 2016 konnten bereits 391 Spiele (A- und B-Klasse der Herren, U19, U17, U15 sowie Frauen) nicht von der Neumarkter Gruppe mit neutralen Referees besetzt werden – Tendenz steigend.

Der Obmann hat eine Idee

Dabei hätte Johannes bereits eine Idee, wie dem Problem beizukommen wäre: „Wenn uns jeder Verein nur einen einzigen Teilnehmer zu den Neulings-Lehrgängen schicken würde, der bereit wäre, ein bis zwei Partien im Monat zu leiten, hätten wir auf einen Schlag 80, 90 neue Schiedsrichter. Damit wären viele Probleme gelöst.“ Zuletzt verlor sich aber meist nur knapp ein Dutzend Teilnehmer zu den Kursen, von denen drei Viertel nicht regelmäßig bei der Stange geblieben sind.

„Ich finde, dass wir Schiedsrichter und der Verband genügend unternehmen, um den Nachwuchs zu fördern.“ Oliver Johannes, Obmann

Darin liegt ebenfalls ein gravierendes Problem: So mancher absolviert für seinen Verein zwar den Neulings-Lehrgang, ist in der Folge aber häufig nur noch auf dem Papier Schiedsrichter, weil er kaum pfeift. Absolviert aber ein Referee nicht mindestens 15 Spiele im Jahr und besucht fünf Fortbildungsveranstaltungen, ist er laut BFV-Vorgabe nicht anrechenbar – also wird auch in diesen Fällen eine Strafe für die Vereine fällig.

Was also tun? Bemühen sich Verband, Schiedsrichter und Vereine zu wenig darum, den Referee-Job attraktiver zu machen? „Ich finde, dass wir Schiedsrichter und der Verband genügend unternehmen, um den Nachwuchs zu fördern“, sagt Johannes. Immer wieder biete seine Gruppe Vereins- und Regelkunde-Abende an. Allerdings seien in seinen dreieinhalb Jahren als Obmann der Gruppe nur drei Abende zustande gekommen – die Nachfrage der Vereine sei schlecht.

Das sagen Neumarkter Experten zum Referee-Mangel im Neumarkter Schiri-Wesen.

Liegt es dann vielmehr an der eher symbolischen Entlohnung, dass immer weniger für ihre Vereine den Schiedsrichter geben wollen? Geld könne nicht der entscheidende Grund sein, um zur Pfeife zu greifen, ist Markus Mederer überzeugt. „Da ist man bei einem Stundenlohn von lediglich fünf Euro“, weiß der Unparteiische des TSV Stöckelsberg (seit 33 Jahren), der zudem beim Kreisligisten TV Parsberg auf der Trainerbank sitzt.

Eine spürbare Erhöhung der Spesen um 30 Prozent könne zumindest eine Option sein, den Job attraktiver zu machen. „Allerdings ist das sicher nicht die Lösung des Problems“, glaubt Mederer.

„Höhere Strafzahlungen wären das falsche Signal.“ Markus Mederer, Schiedrichter und Trainer

Zumindest beim Aspekt der Schiedsrichter-Entlohnung ist Besserung in Sicht. Anfang Mai 2018 soll bei der turnusgemäßen Tagung des BFV eine überarbeitete Schiedsrichter-Ordnung verabschiedet werden. Im Zuge dessen ist auch eine Anhebung der Spesen vorgesehen.

Von einer eventuellen Anhebung der Strafzahlungen für die Vereine – 2016 betrug die Ausfallgebühr in Neumarkt je Verein beispielsweise 83 Euro im Jahr –, um den Druck auf die Vereine zu erhöhen, hält Mederer hingegen nichts. „Das wäre das falsche Signal.“

Eine Schiedsrichter-Reportage samt Video von einem Neumarkter Stadtderby in der B-Klasse finden Sie hier.

Diese Einschätzung unterstreicht das Beispiel Oberbayern, wo man vor Jahren höhere Strafen ausprobierte – die aber eine andere Fehlentwicklung herauf beschworen: Große, verhältnismäßig finanzkräftige Vereine warben kurzerhand von kleineren Klubs für vergleichsweise geringes Geld die Schiedsrichter ab, um so den gestiegenen Strafen zu entgehen.

Feindseliger Ungang mit Referees

Muss sich dann der mitunter aggressive und feindselige Umgang auf und neben dem Fußballplatz mit Schiedsrichtern dringend ändern, damit der Nachwuchs wieder verstärkt kommt? Etliche Missverständnisse und daraus resultierende Anfeindungen gegen den Referee sieht Obmann Oliver Johannes in so manchen Regelkunde-Defiziten der Trainer und Spieler begründet. „Es ist manchmal schon erschreckend, wie wenig unsere Fußballer die Regeln ihres Hobbys kennen“, so Johannes.

Nicht zuletzt deshalb schlägt Schiedsrichter/Trainer Markus Mederer vor: „Trainer im Seniorenbereich sollten von ihren Vereinen einmal jährlich verpflichtend für einen Vormittag zu einer Regelschulung durch Schiedsrichter geschickt werden.“ Eine weitere Idee des pfeifenden Übungsleiters: „Es wäre schön, wenn sich die Trainer vor dem Spiel kurz beim Schiedsrichter vorstellen würden. Das ist immer gut für die Atmosphäre und trägt zur Entspannung bei.“

Hier finden Sie Daten und Fakten zur Schiedsrichter-Situation in der Region:

Daten und Fakten zur Schiedsrichter-Situation

Mederer sieht den Schiedsrichter-Schwund ohnehin in tiefgreifenden Veränderungen abseits des Fußballplatzes begründet. „Es mangelt nicht nur bei den Schiedsrichtern, sondern in den Vereinen generell an Nachwuchs – das ist eine gesellschaftliche Entwicklung, in der es mehr und mehr Egoismus gibt“.

Weshalb leider immer weniger Menschen bereit seien, sich in Vereinen zu binden und dort zu engagieren. Angesichts dessen ist es für die Klubs ungleich schwerer, jemanden für den umstrittenen Schiri-Job zu begeistern.

Jürgen Drescher, Betreuer und Spielleiter beim TV Velburg, ist aktuell erfolglos bei der Akquise von Referees aus den Reihen des eigenen Vereins. „Wir haben keinen Fußballschiedsrichter“, muss Drescher mit bedauern zugeben. Das bedeutet für den Verein: Strafe zahlen. Nur zu gerne würden Drescher und die Vereinsverantwortlichen einen eigenen Referee ausbilden lassen, allein: „Die Suche nach geeigneten Leuten für diesen Job ist sehr schwierig.“

Freiwillige sind Fehlanzeige

Auch beim DJK-SV Oberwiesenacker fehlt ein geprüfter Schiedsrichter. Laut Abteilungsleiter Peter Pöllath, „bräuchten wir mindestens noch zwei“. Aber auch hier gilt: Freiwillige Fehlanzeige!

Auch beim SV Töging sprießen die Unparteiischen nicht aus dem Boden des heimischen Fußballplatzes, immerhin stellt sich zumindest ein Unentwegter als neutraler Spielleiter für den Verein zur Verfügung, wie Betreuer Robert Werner verrät. Aber auch er hätte „gerne noch weitere Referees in unseren Reihen“.

Das wäre ganz im Sinne der Schiedsrichtergruppen-Obmänner Erasmus Söllner (Parsberg), Oliver Johannes (Neumarkt) und aller anderen Schiris im Neumarkter Landkreis, denn: „Wenn sich nichts ändert, können wir nicht garantieren, dass in den nächsten Jahren der Spielbetrieb von Schiedsrichter-Seite sichergestellt werden kann“, warnt Johannes. Das will sicherlich niemand.

Schwerpunkte der MZ-Themenwoche im Info-Block:

MZ-Themenwoche „Fussball-Schiedsrichter“

  • Mittwoch:

    Wir stellen vier außergewöhnliche Unparteiische aus den Gruppen Neumarkt und Parsberg vor.

  • Donnerstag:

    Wir erklären, wie der Karriereweg von der B-Klasse bis zum Fifa-Schiri aussehen kann.

  • Freitag:

    Wie gut Sie sich tatsächlich mit den Fußballregeln auskennen, können Sie in unserem großen Regeltest prüfen – und etwas gewinnen.

  • Samstag:

    Ex-Fifa-Referee Urs Meier spricht im großen Interview über Morddrohungen und darüber, weshalb der Schiedsrichter-Job dennoch so erfüllend ist. (kh)

Weitere Artikel unserer MZ-Themenwoche „Fußball-Schiedsrichter“ finden Sie unter: www.mittelbayerische.de/region/neumarkt/schiedsrichter/

Weitere Sportmeldungen aus der Region: www.mittelbayerische.de/sport/regional/neumarkt/

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