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MZ-Themenwoche

Schiri-Misere: Das sagen die Experten

Neumarkter Funktionäre und Spieler äußern sich zu den Gründen der prekären Lage der Unparteiischen – und suchen Lösungen.

  • Schiesdrichter werden gesucht. Foto: Sören Stache/dpa
  • Erasmus Söllner, Schiedsrichter-Gruppenobmann Parsberg

Oliver Johannes,Schiedsrichter-Gruppenobmann Neumarkt/Jura:

Die Schiedsrichtergruppe Neumarkt hat aktuell knapp 200 Mitglieder, wovon etwa 140 Schiedsrichter regelmäßig am Wochenende auf den Sportplätzen aktiv sind. Diese Zahlen sind bei weitem nicht ausreichend, um alle Spiel- und Altersklassen Woche für Woche komplett mit Unparteiischen besetzen zu können.

Oliver Johannes,Schiedsrichter-Gruppenobmann Neumarkt/Jura
Oliver Johannes,Schiedsrichter-Gruppenobmann Neumarkt/Jura

Knapp 50 Prozent der Vereine im Kreis NM/Jura erfüllen ihr Schiedsrichter-Soll nicht, was zur Folge hatte, dass rund 15.000 Euro Ausfallgebühren für fehlende Schiedsrichter im Vorjahr durch die Vereine zu entrichten waren.

Der Umgang mit den Schiedsrichtern ist in unserem Kreis zum großen Teil in Ordnung. Natürlich gibt es immer mal wieder Vorfälle, in denen Schiedsrichter von Spielern, Zuschauern oder Mannschaftsverantwortlichen beleidigt werden, was eine Meldung durch den Schiedsrichter an das jeweilige Sportgericht zur Folge hat.

Hier finden Sie Daten und Fakten zur Schiedsrichter-Situation in der Region:

Daten und Fakten zur MZ-Themenwoche

Ich würde mir wünschen, dass sich gerade bei Juniorenspielen die Eltern gegenüber den Schiedsrichtern respektvoller verhalten, hier kam es in der Vergangenheit immer wieder zu Vorfällen.

Im Februar 2018 werden wir einen Neulingslehrgang in Neumarkt durchführen, die Vereine im Altkreis Neumarkt wurden durch mich bereits schriftlich informiert. Wir hoffen, dass wir bei diesem Lehrgang eine stattliche Anzahl neuer Schiedsrichter ausbilden können, um so die aktuelle Situation verbessern zu können.

Anton Pfahler, Vorsitzender des Kreissportgerichts Neumarkt/Jura:

Von Einzelfällen abgesehen, die sich aber im Rahmen halten, ist im Fußballkreis Neumarkt/Jura kein Trend hin zu mehr Gewalt, Unsportlichkeiten oder Ausschreitungen auf den Sportplätzen zu erkennen.

Im Großen und Ganzen ist in dieser Beziehung die Welt noch in Ordnung. Auch wenn manche Zahlen recht dramatisch erscheinen, wie zum Beispiel 48 behandelte Fälle von Unsportlichkeit gegen Schiedsrichter, so muss man diese Zahlen ins Verhältnis zur Gesamtzahl der Spiele auf Kreisebene – etwa 4000 Partien im Herrenbereich – setzen.

Anton Pfahler, Vorsitzender des Kreissportgerichts Neumarkt/Jura
Anton Pfahler, Vorsitzender des Kreissportgerichts Neumarkt/Jura

Zudem sind die Anweisungen an die Schiedsrichter mittlerweile etwas strenger geworden, so dass Rote Karten doch etwas lockerer sitzen – beispielsweise bei einer Notbremse. Tatsache ist, dass die Schiedsrichter immer jünger werden und ihnen vielfach noch die Erfahrung fehlt.

Auch praktische Erfahrung als Fußballspieler könnte nicht schaden. Ideal wären Schiedsrichter, die als Fußballer am Ende ihrer Karriere stehen oder diese verletzungsbedingt beenden müssen. Aber diese Schiedsrichter können allein altersbedingt keine Karriere als Referees mehr machen.

Zu jungen Schiedsrichtern wird oft nicht der nötige Respekt entgegengebracht. Aber auch umgekehrt: Junge Referees verbergen teils ihre Unsicherheit hinter Arroganz.

Generell sollte bei Schiedsrichtern die „Liebe zum Fußball“ im Vordergrund stehen. Das Finanzielle sollte keine Rolle spielen.

Alexander Braun, Spielertrainer des Kreisligisten 1. FC Deining:

Als Spieler und Trainer habe ich bislang gar nicht so wahrgenommen, dass es bei unseren Schiedsrichtern Nachwuchsprobleme gibt. Ich denke, das geht vielen Spielern so – ihnen ist diese Situation nicht wirklich bewusst. Dabei ist es klar und wichtig, dass wir Schiedsrichter brauchen.

Alexander Braun, Spielertrainer des Kreisligisten 1. FC Deining
Alexander Braun, Spielertrainer des Kreisligisten 1. FC Deining

Die Qualität der Schiedsrichter, die ich bislang in dieser Saison in der Kreisliga erleben durfte, war insgesamt gut und überwiegend konstant. Uns haben auch zwei Schiedsrichterinnen gepfiffen, deren Leistungen jeweils überragend waren.

Das Hauptproblem, weshalb wohl immer weniger Fußballer ihren Schiedsrichter machen wollen, liegt an den Beleidigungen und Anfeindungen durch Zuschauer. Da sind die vergleichsweise geringe Aufwandsentschädigung und die erstatteten Fahrtkosten zweitrangig.

Ich habe es leider als neutraler Beobachter häufig erlebt, dass Zuschauer die Schiedsrichter übel beleidigen – das hat am Sportplatz nichts verloren.

Als Trainer und Spieler sehe ich es als meine Verantwortung, dem Schiedsrichter gegenüber respektvoll aufzutreten. Alles andere macht auch keinen Sinn, sonst schneide ich mir ja als Team ins eigene Fleisch.

Spieler, Betreuer und Physiotherapeuten am Spielfeldrand haben während der Partie die Klappe zu halten. Nach dem Spiel kann man immer noch mit dem Schiedsrichter sprechen – in einem vernünftigen Ton.

Erasmus Söllner, Schiedsrichter-Gruppenobmann Parsberg:

Die Schiedsrichter-Gruppe Parsberg besteht heuer 30 Jahre. Derzeit sind in der Gruppe 145 Schiedsrichter organisiert, wobei aber nur 78 aktiv (Durchschnittsalter 41,9 Jahre) und 50 Referees für ihre Vereine anrechenbar sind.

Ein großes Problem sehe ich bei der Gewinnung von Neulingen. In diesem Jahr konnten wir mangels Anmeldungen keinen Neulingslehrgang abhalten.

Auch die Erhaltung von Schiedsrichtern muss im Auge behalten werden. Neulinge hören nach ein paar Spielleitungen – vor allem wenn sie nach der Betreuung alleine am Platz stehen – wieder auf. Gründe hierfür gibt es zahlreiche: Beleidigungen und Angriffe von außen durch Eltern, Betreuer, Trainer. Zudem gibt es mehr Freizeitangebote als noch in der Vergangenheit.

Hier geht es zu einer Schiedsrichter-Reportage eines B-Klassen-Spiels in Neumarkt.

Der Bayerische Fußball-Verband hat dieses Problem erkannt und arbeitet daran. Aber auch wir als Gruppe sind hier gefordert. Das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Gruppe muss weiter gestärkt werden. Hier müssen die Partner der Schiedsrichter mit einbezogen werden.

Damit auch in Zukunft noch alle Spiele mit neutralen Schiedsrichtern besetzt werden können, sind alle zusammen gemeinsam gefordert.

Es lohnt sich immer, Schiedsrichter zu werden. Nicht nur, dass man bei allen Fußballspielen bis zur Bundesliga freien Eintritt hat, sondern viel wichtiger ist die Schulung und Stärkung der Persönlichkeit jedes Einzelnen.

Thomas Jäger, Kreisspielleiter Neumarkt/Jura:

Die Schiedsrichtergruppe Neumarkt hat, wie auch die anderen Schiedsrichtergruppen im Fußballkreis Neumarkt/Jura (Jura Nord und Jura Süd), 2016 und 2017 quantitativ wieder zugelegt. Allerdings lässt sich der Verlust älterer Kameraden nur sehr schwer durch junge Neulinge ersetzen.

Thomas Jäger, Kreisspielleiter Neumarkt/Jura
Thomas Jäger, Kreisspielleiter Neumarkt/Jura

Während die Referees der Generation 60-plus mehrere Spiele in der Woche pfeifen, ist es bei den U30-Kameraden doch eher nur eine Partie. Und die Generation dazwischen fehlt so gut wie ganz bei den Schiedsrichtern.

Für den Spielbetrieb im Fußballkreis stellt das derzeit noch kein Problem dar. Durch die Einführung des Vereinsschiedsrichters im Jahr 2015 konnte hier viel erreicht werden. Die Spiele finden alle statt, auch wenn in den untersten Klassen meist kein Offizieller pfeift.

Die Aufwandsentschädigung für Schiedsrichter muss erhöht werden, keine Frage, aber um wie viel? Was ist in diesem Fall angemessen? Generell leidet das Schiedsrichterwesen an derselben Krankheit wie die Vereine auch. Immer weniger Menschen können oder wollen sich langfristig an eine Verpflichtung binden – doch genau das wird im Fußball gefordert.

Mangelnder Respekt gegenüber Autoritäten, welcher ein gesamtgesellschaftliches Problem darstellt, trifft auch unsere Referees. Im Fußballkreis Neumarkt/Jura stellt dies bis jetzt noch kein Problem dar, auch Gewaltaktionen sind die absolute Ausnahme.

Weitere Artikel unserer MZ-Themenwoche „Fußball-Schiedsrichter“ finden Sie unter: www.mittelbayerische.de/region/neumarkt/schiedsrichter/

Weitere Sportmeldungen aus der Region: www.mittelbayerische.de/sport/regional/neumarkt/

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