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MZ-Themenwoche

Stressiger Sonntag in der B-Klasse

Ein Derby in Neumarkt, kurz vor Schluss bläst der Schiri in die Pfeife – und löst einen Aufschrei aus. Hinterher gibt es Lob.
Von Thorsten Drenkard

Der Job als Schiedsrichter ist undankbar: Pfeift der Unparteiische fehlerfrei, nimmt es häufig keiner wahr. Liegt er mit seinen Entscheidungen daneben, ist er schnell der Buhmann von Trainern, Spielern und Zuschauern. Fotos: Drenkard
Der Job als Schiedsrichter ist undankbar: Pfeift der Unparteiische fehlerfrei, nimmt es häufig keiner wahr. Liegt er mit seinen Entscheidungen daneben, ist er schnell der Buhmann von Trainern, Spielern und Zuschauern. Fotos: Drenkard

Neumarkt.Es ist ein heikler Moment. Ein falscher Satz, eine falsche Geste und die Stimmung am Spielfeldrand könnte kippen. Das weiß Schiedsrichter Bülent Yüca, als er in seine Pfeife bläst und eine einsame, gewagte Entscheidung trifft.

Es ist früher Nachmittag an diesem kalten, vernieselten Novembersonntag. Auf dem nassen, tiefen B-Platz der DJK Neumarkt schmeißen sich die Spieler der Reserveteams des Gastgebers und des 1. FC Neumarkt Süd beherzt in die Zweikämpfe. Wagemutige Grätschen werden hier, im ungeschminkten Fußball der B-Klasse, zur Kunstform erhoben.

Die Grätsche als Kunstform

Mittendrin Bülent Yüca, der als Referee der Gruppe Jura/Nord ein neutrales Auge auf die Einhaltung der Spielregeln an diesem Tag hat. Dass der 1,68 Meter große Schiedsrichter diese Partie überhaupt pfeift, ist nicht selbstverständlich – längst können im Kreis Neumarkt nicht mehr alle Partien der B-Klasse mit neutralen Unparteiischen besetzt werden.

Es gibt schlichtweg nicht mehr genug Unentwegte wie Yüca, die sich allein und unerschrocken auf die Fußballplätze der Region wagen, um dort den Fußballregeln ihre Geltung zu verschaffen – regelmäßigen Anfeindungen zum Trotz.

Robuste Tacklings und zünftige Grätschen gehören in der B-Klasse dazu.
Robuste Tacklings und zünftige Grätschen gehören in der B-Klasse dazu.

An diesem vier Grad kalten Tag obliegt ganz allein Yüca die Verantwortung für die Spielführung. In der B-Klasse gibt es keine Assistenten, die ihm unterstützend zur Seite stehen könnten, geschweige denn einen Videobeweis. Erschwerte Bedingungen für Yüca, der seit zehn Jahren für den TV Hilpoltstein pfeift.

Als er beim Stand von 2:1 für die Gäste anzeigt, fünf Minuten nachspielen lassen zu wollen, gibt es einen lauten Aufschrei unter den Zuschauern, die es mit den Süder Kickern halten. Einigen gefällt das ganz und gar nicht.

Es regnet Hohn und Spott auf den Unparteiischen hinab. Nicht das erste Mal an diesem Tag, dass sich der Referee dumme Sprüche von außen anhören muss.

Ein Video rund um das Spiel mit Interviews des Schiedsrichters sowie von Spielern und Trainern sehen Sie hier:

Stress am Sonntag – ein Report aus der B-Klasse

Yüca wird es zu blöd. Er pustet kurz und entschlossen in seine Pfeife. Alle Blicke der Zuschauer am Seitenrand sind auf den untersetzten Schiedsrichter gerichtet, der nun allein für seine Entscheidung gerade stehen und diese gegen die äußeren Widerstände einiger Zuschauer durchsetzen muss.

Deutliche Ansage Yücas: „Jetzt gehen mal alle drei Meter von der Seitenlinie zurück, alle bis auf die Betreuer, Trainer und Spieler. Das schaue ich mir nicht mehr länger an.“ Jetzt ist er da, der Moment, in dem vieles falsch laufen könnte.

Ein Zuschauer entgegnet: „Jetzt hör doch auf mit dem Scheiß, ey!“. Ein anderer: „Am besten wär’s, du würdest deine Pfeife wegschmeißen!“ Einige lachen, einige folgen der Anweisung des Schiris, der mit entschlossenem Schritt und t energischem Armzeichen seine Aufforderung untermauert.

Manchmal heißt es für den Schiri: „In Deckung!“
Manchmal heißt es für den Schiri: „In Deckung!“

Schließlich fordert Yüca den lautesten Schreihals auf, das Spielfeld zu verlassen. Dieser gibt aus dem Schoß der Gruppe trotzige Widerworte. Yüca ist unbeeindruckt, bleibt standhaft. Nun schalten sich einige DJK-Spieler ein, auch Verantwortliche des Vereins rufen zur Vernunft auf. „Ruhe jetzt!“ oder „Bitte mach doch einfach, was der Schiedsrichter sagt!“, lauten die Zurufe.

Am Ende tun die Zuschauer, was der Referee fordert. Das Spiel geht friedlich zu Ende. Als Yüca final in seine Pfeife pustet und den 2:1-Sieg der Gäste amtlich macht, haben sich die erhitzten Gemüter längst wieder beruhigt.

Hier lesen Sie einen Artikel über die aktuelle Schiedsrichter-Situation in Neumarkt.

Hinterher gibt es gar Lob von allen Seiten für die konsequente Spielleitung des erfahrenen Unparteiischen.

Benjamin Flinker, Kicker der DJK Neumarkt, befindet die Leistung Yücas als „sehr, sehr gut“ und auch Steve Pichler, Kapitän der Süder, attestiert ihm „stark, und konsequent“ gepfiffen zu haben. „Für maulende Spieler gab es gleich eine Gelbe Karte, das war richtig so“.

„Für maulende Spieler gab es gleich eine Gelbe Karte, das war richtig so“.

Steve Pichler vom 1. FC Neumarkt Süd II

Insgesamt zückt Yüca in diesem umkämpften, niemals aber feindseligen Derby sieben Gelbe Karten, einmal Gelb-Rot und verweist einen Zuschauer. Yüca ist während der Partie immer in Bewegung, kreist nicht nur um den Anstoßpunkt, spricht viel mit den Spielern, ist klar in seinen Ansagen und Gesten – kurzum: Er hat das ungestüme Treiben auf und neben dem Platz im Griff.

Pauschallob des unterlegenen DJK-Trainers Fahrettin Özgül für Yüca: „Er ist einer der besten Schiedsrichter, die wir in der B-Klasse haben.“ Nicht nur Özgül ist froh über Referees wie Yüca, schließlich wissen sie in der B-Klasse um den Mangel an bereitwilligen Schiris.

Intensiv und herausfordernd

Das Stadtderby liefert den Beweis dafür, dass derart intensive Spiele stets eine Herausforderung für Schiedsrichter sind. Hernach gibt Yüca unumwunden zu: „Es war schon ein stressiger Sonntag, aber ich habe noch alles im Griff gehabt.“ Fehler?! Natürlich mache er Fehler, „ich bin schließlich ein Mensch“. Dann gehöre Selbstkritik zum Schiedsrichter-Job.

An diesem Tag geht er aber mit stolzer Brust nach Hause. „Wenn die Spieler hinterher zu einem kommen und sich bedanken, gibt das Extramotivation“. Es ist sein Ansporn für den nächsten Schiri-Einsatz. Der erfahrene Yüca weiß genau: Als Referee wird er auch künftig blitzschnell Entscheidungen treffen müssen – manchmal auch einsame und gewagte.

Weitere Artikel unserer MZ-Themenwoche „Fußball-Schiedsrichter“ finden Sie unter: www.mittelbayerische.de/region/neumarkt/schiedsrichter/

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