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Social Media

Neumarkter Schüler und Cyber-Mobbing

Die Schülersprecherin der Mädchenrealschule in Neumarkt und andere Experten wissen, welche Risiken es bei Social Media gibt.
Von Nicole Selendt

Whats App war im Jahr 2018 mit großem Abstand die Lieblings-App deutscher Jugendlicher. 87 Prozent der Zwölf- bis 19-Jährigen nutzen es. Fotolia© Monkey Business
Whats App war im Jahr 2018 mit großem Abstand die Lieblings-App deutscher Jugendlicher. 87 Prozent der Zwölf- bis 19-Jährigen nutzen es. Fotolia© Monkey Business

Neumarkt.Instragram, Snapchat, Whats App: Erwachsene haben ganz schnell eine ganze Liste an Nachteilen aufgezählt, die der Umgang Jugendlicher mit sozialen Medien mit sich bringen soll: Freizügige Mädchen. Bilder von volltrunkenen Jugendlichen auf Partys. Schüler, die auf ihre Handys starren, ohne ihre Umwelt wahrzunehmen. Cyber-Mobbing. Haufenweise Rechtschreib- und Grammatikfehler. Das kommt tatsächlich vor. Auch an Schulen in Neumarkt.

Franziska (15), Schülersprecherin der Mädchenrealschule in Neumarkt, hat beim Thema Cybermobbing vor allem Schüler der sechsten und siebten Klassen als problematisch im Sinn. Und unumwunden gibt sie zu: „Naja, bei WhatsApp achte ich jetzt nicht so auf die Rechtschreibung.“ Auch kennt sie ein Mädchen, von dem schon einmal etwas freizügige Fotos im Umlauf waren. Doch im Gespräch mit der Mittelbayerischen stellt sich heraus: Schüler bewegen sich in den sozialen Netzwerken vorsichtiger und aufgeklärter, als es Erwachsene ihnen oft zugestehen wollen. Denn im Gespräch mit Franziska fallen auch Sätze wie „Wenn ich ein Bild hochlade, auf dem andere Leute zu sehen sind, frage ich die vorher.“ Oder: „In der Zehnten ist Cyber-Mobbing gar kein Thema mehr.“

Im Text finden Eltern Tipps, wie sie ihre Kinder im Umgang mit Medien begleiten können:

Jugendliche und ihr Smartphone

Nahezu alle Jugendlichen in Deutschland zwischen zwölf und 19 Jahren haben ein Smartphone. Die JIM-Studie 2018 (kurz für Jugend, Information, Medien) des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest (mpfs), die seit 1998 in dieser Altersgruppe jährlich durchgeführt wird, besagt: 97 Prozent der Jugendlichen zwischen zwölf und 19 Jahren nutzen ein Smartphone.

Wieviel Nutzungszeit pro Tag auf welche Bereiche entfällt, sehen Sie in dieser Grafik:

Eigenes WhatsApp-Konto

Ein Gespräch der Mittelbayerischen mit Schülern des Willibald-Gluck-Gymnasiums bestätigt das. Sogar die Jüngsten unter ihnen, Luis und Felix aus der sechsten Klasse, haben mit der Erlaubnis ihrer Eltern schon ein eigenes WhatsApp-Konto – obwohl das Mindestalter für die App seit Mai 16 Jahre ist. Die beiden haben mit ihren Klassenkameraden in ihrer Gruppe eine Übereinkunft getroffen: Wer die Gruppe zuspammt – also sinnfreie, unnötige und noch dazu nervige Beiträge schickt – wird rausgeworfen. „Das funktioniert ganz gut“, sagen beide. Sie schicken keine Kettenbriefe weiter, Mobbing gab es in ihrer Klassengruppe noch nicht.

Eine Übersicht der beliebtesten Apps 2018 sehen Sie hier:

Dabei sind sie aber die Ausnahme, wie der Medienpädagogisch-informationstechnische Berater, kurz MiB, für den Landkreis Neumarkt erklärt. Markus Wolf ist Lehrer an einer Mittelschule in Regensburg und bietet Fortbildungen für Lehrer, Schülerworkshops und Elternabende an und steht Lehrern beratend zur Seite, wenn es um das umfassende Thema „Medien“ geht. Er sagt: „Je jünger Schüler sind, desto unbedarfter sind sie. Vor allem in den niedrigen Klassen stolpern sie über viele Gefahren, fallen auf Kettenbriefe herein, werden zu Cyber-Mobbing-Opfern oder -Tätern.“ Ihnen sei die Tragweite dessen, was sie in sozialen Netzwerken tun, nicht bewusst.

Schüler und Cyber-Mobbing

Wolf sagt, spätestens in der neunten Klasse seien die Schüler schon gebrannte Kinder, hätten vielfach als Täter, Opfer oder Mitwisser Cyber-Mobbing erlebt. „Das heißt zwar nicht, dass es in den höheren Klassen nicht mehr vorkommt. Aber die passen dann schon mehr auf.“ Das bestätigen Schüler des WGG. Die 16-jährige Alicia sagt: „Wir haben Besseres zu tun, als anderen über das Internet zu schaden. Würde ich so etwas mitkriegen, würde ich etwas dagegen unternehmen.“

Mobbing selbst erlebt

Realschulsprecherin Franziska erinnert sich an ihre Zeit in der sechsten Klasse und sagt: „Ja, ich habe Mobbing erlebt. Jetzt in der Zehnten ist es aber kein Thema mehr.“ Sie beschreibt den Umgang mit sozialen Medien als einen Lernprozess. Und wenn es nach MiB Markus Wolf geht, sollten Eltern diesen so gut und so informiert wie möglich begleiten.

Schüler und Lehrer sprechen über soziale Medien

Hassbotschaften im Netz

In der JIM-Studie gab jeder fünfte Jugendliche an, dass schon einmal (absichtlich oder versehentlich) falsche oder beleidigende Inhalte über die eigene Person im Internet verbreitet worden sind. Jeder Dritte hat schon einmal Cyber-Mobbing im Bekanntenkreis mitbekommen, jedem Fünften sind schon einmal Hassbotschaften im Netz begegnet. Unter den Neumarkter Schülern wissen auch schon die Jüngsten, wie man damit umgehen kann. Disliken, blockieren, ignorieren, beim Lehrer melden – je nach Vergehen.

Apps der Kinder

Wolf sagt: „Wenn Erwachsene sich auskennen, ist für Kinder die Hemmschwelle niedriger, sich bei Problemen Hilfe zu holen“, sagt er. Er empfiehlt Eltern unbedingt, sich über die Apps ihrer Kinder zu informieren. Die Devise müsse sein: „Nicht bewahren oder verbieten, sondern begleiten und die Kinder nicht sich selbst überlassen.“

Regeln fürs Handy

Regeln zur Nutzung des Handys sollten in einem Vertrag ausgehandelt und mit einer Unterschrift von Eltern und Kind besiegelt werden. Und ein wichtiger Tipp: „Man sollte ein Handy nicht schenken, sondern leihen.“ So sei es leichter für Eltern, ein Handy bei Nicht-Einhaltung der Regeln einmal einzukassieren. Im Internet gibt es zum Beispiel unter www.Mediennutzungsvertrag.de Vorlagen für Handynutzungsverträge mit Kindern und Jugendlichen.

WhatsApp-Nachrichten

Wie die Schüler im Gespräch mit der Mittelbayerischen erzählten, genießen die meisten bei ihren Eltern großes Vertrauen. Zwar hat zum Beispiel der elfjährige Luis eine Bildschirmzeit von seinen Eltern auf dem Handy eingerichtet bekommen, Sperren oder Filter für die Internetnutzung sind aber nicht vorhanden – ebenso wenig bei Felix. Luis‘ Eltern seien sehr bedacht darauf, wie ihr Sohn mit anderen im Internet kommuniziert. WhatsApp-Nachrichten seien wie ein Brief, wie er von zu Hause weiß: „Wenn man da unhöflich ist, kann man auch von anderen keine Höflichkeit erwarten.“

Bilder in sozialen Netzwerken

Wie die Schüler mit Bilder von sich selbst in den sozialen Netzwerken umgehen, ist höchst unterschiedlich. Während Rojin Bilder von sich auf ihrem Account gepostet hat – sie hat über die Privatsphäre-Einstellungen der verschiedenen Apps alle Bilder ausschließlich für ihre Freunde sichtbar gemacht –, ist das Gesicht ihrer Klassenkameradin Marlene selten zu sehen. Ihren Whats App-Account zum Beispiel ziert das Bild ihrer Katze. Felix, der schon einen eigenen Instagram-Account hat, postet von sich selbst keine Bilder, er schaut sich lieber die der anderen an. Alicia postet nicht viel von sich, eher Bilder von Meme-Seiten, über die sie sich dann zusammen mit ihren Freunden lustig macht.

Rechtschreibung geht verloren

Aimo ist auf allen Netzwerken, in denen er Mitglied ist, mit seinem Gesicht zu sehen. Er sagt: „Aber durch meine Privatsphäre-Einstellungen sehen eh nur die, die mich kennen, meine Inhalte. Denen kann ich mein Gesicht ja zeigen.“ Und mit denen müsse er dann auch nicht auf die Rechtschreibung achten. „Da schreibe ich oft nur ein einziges Wort und die anderen wissen, was ich will.“ Ebenso sehen das die anderen. Franziska macht ihre Rechtschreib-Bemühungen von ihrem Gesprächspartner abhängig – ebenso wie Rojin: „Schreibe ich mit meinen Freundinnen, bin ich etwas flapsiger. Schreibe ich mit meinen Eltern, achte ich drauf.“ Alicia glaubt nicht, dass durch Handys die Fähigkeit zur korrekten Rechtschreibung und Grammatik verlorengeht.

Eltern und soziale Medien

Alle Schüler sind sich im Gespräch mit der Mittelbayerischen übrigens einig darüber, dass viele Eltern generell bei der Mediennutzung und vor allem im Umgang mit sozialen Medien sogar „schlimmer“ seien als ihre Kinder. Und mit einem Augenzwinkern muss das sogar die Medienpädagogische Moderatorin des WGG, Susanne Unger, bestätigen. Sie erlebt ihre Schüler im Umgang mit Medien als weniger problematisch, als es gemeinhin dargestellt werde. Es gebe immer schwarze Schafe, Elternbeschwerden, Mobbing. Doch alle Schulen bemühten sich redlich mit Workshops, ständigen Hilfsangeboten – nicht beschränkt auf ein Unterrichtsfach, sondern laufend – die Schüler im Umgang mit den allgegenwärtigen Angeboten im Internet zu schulen.

Der MiB-Tutor der Mädchenrealschule, Andreas Lenk, setzt dabei auch gerne auf externe Fachleute. Es sei wie im Unterricht auch, sagt er mit einem Augenzwinkern: „Wenn der Lehrer was sagt, geht auf der einen Seite rein, auf der anderen wieder raus. Jemand von außerhalb der Schule genießt da eine ganz andere Autorität.“ Apropos Autorität: Alle Gesprächspartner sind sich darüber einig, dass Kinder und Jugendliche die Spiegelbilder ihrer Eltern sind – und deren Medienkonsum und -verhalten oft nur kopieren.

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