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Erziehung

Eine Schule als Lebensraum

Das Lebenshilfe-Förderzentrum in Neumarkt ist eine besondere Schule. Was erst für Skepsis sorgt, stellt sich als Vorteil heraus.
von Wolfgang Endlein

Neumarkt.Für viele Eltern ist es der Abstieg. „Tiefer geht es nicht“, formuliert Konrektorin Dagmar Frohn, was so manche Eltern fühlen, wenn sie ihr Kind auf die Schule der Lebenshilfe in Höhenberg schicken. Schicken müssen, wie es manche empfinden – auch wenn ein gesetzlicher Zwang nicht mehr besteht.

Es ist vielmehr die Einsicht, dass das jeweilige Kind einer besonderen Förderung bedarf. Für die Eltern macht es das nicht einfacher, noch immer ist die Schule am Rande von Höhenberg mit dem Stigma verbunden: Mein Kind ist geistig behindert! Wobei geistig behindert nicht der korrekte Begriff für die Kinder an der Schule sei, wie Rektor Roland Ellert sagt. Kinder mit Down-Syndrom, anderen unerklärlichen Genmutationen im Körper, Autisten oder solche, die eine starke Lernschwäche haben, sind dabei. Richtig heiße es: Kinder mit besonderen Förderbedarf.

Ein sperriger Begriff, der aber nicht die Ängste und Selbstvorwürfe vieler Eltern überdecken kann. „Viele machen sich Vorwürfe und fragen sich, ob sie selbst versagt haben“, schildert Frohn ihre Erfahrungen. Da brauche es viel Beratung seitens der Schule. Am Ende seien es aber vor allem die Kinder, die die zweifelnden Erwachsenen überzeugen. Denn: „Die Kinder blühen bei uns auf, bekommen wieder mehr Selbstvertrauen“, sagt Ellert.

Der Grund: Die Bildungseinrichtung in Höhenberg sieht sich weniger als Schule im klassischen Sinn. Natürlich wird dort auch gelernt, „aber wir sind vor allem Lebensraum“, sagt Frohn. Ein Lebensraum, in dem sich die Kinder sehr wohlfühlten, wie die beiden Sonderpädagogen sagen.

Ferien? Wie schrecklich!

„Nehmen Sie nur mal Karl als Beispiel“, sagt Frohn und erzählt von einem ihrer Schüler. „Ferien findet der schrecklich, weil er dann nicht in die Schule kann und seine Freunde trifft.“ Freunde, die ihn nehmen wie er ist. In Höhenberg dürften die Kinder so sein wie sie sind, ohne ständig damit konfrontiert zu werden, dass sie etwas anders sind als die meisten Gleichaltrigen, sagt die Konrektorin. Viele Kinder an der Lebenshilfe-Schule seien in den Gemeinden, in denen sie leben und von wo sie jeden Tag nach Neumarkt mit Hilfe eines Bussystems gebracht werden, zudem sozial isoliert.

Ein weiterer Vorteil im Vergleich zu vielen Regelschulen ist aus Sicht von Ellert und Frohn: „Das Individuum steht bei uns im Mittelpunkt mit seinem Wesen“. Was sicherlich jede Schule zumindest theoretisch für sich in Anspruch nehmen dürfte, doch an der Lebenshilfe-Einrichtung gewährleistet eine bessere personelle Ausstattung als bei Regelschulen üblich eine intensive Betreuung. Die 88 Schüler werden aufgeteilt in zehn Klassen immer von jeweils einem Sonderpädagogen, einem Kinderpfleger und meist einem Praktikanten betreut.

Doch ganz so anders als „normale“ Schulen ist auch die Schule zur geistigen Entwicklung nicht, die sich in eine Grundschulstufe (sechs bis sieben Jahre), eine Hauptschulstufe I (zehn bis zwölf Jahre) und eine Hauptschulstufe II (13 bis 16 Jahre) sowie die Berufsschulstufe (18 bis 20 Jahre) gliedert. Auch bei ihr gibt es einen staatlich vorgegebenen Lehrplan und die üblichen Fächer – nur dass sich eben der Inhalt stark unterscheidet.

Denn über allem steht das Ziel, dass sich schon im Namen des Trägers versteckt, der Lebenshilfe. „Wir wollen die Kinder fördern, damit sie soweit wie möglich ein selbstbestimmtes Leben führen können.“ Doch was bedeutet das konkret für den Unterricht?

Beispiel Mathematik: Auch hier richtet sich der Unterricht stark an der Lebensrealität der Schüler aus. Es geht um Dinge wie Preisschilder lesen lernen oder das richtige Geld aus dem Geldbeutel zu nehmen. „Viele unserer Kinder haben keine Vorstellung vom Zahlenraum“, erklärt Ellert. Alles was über die bildliche Vorstellung von Zahlen hinaus geht, also meist jenseits der Zahl zehn, wird oftmals schwierig. „30 oder 70: Was ist größer? Das ist für viele nicht zu lösen.“

Lernen für den Alltag

Wie in der Mathematik gibt es auch beim Lesen eine große Bandbreite in den Fähigkeiten der einzelnen Schüler. Manche können Schrift gut lesen, andere wiederum nur Symbole. Aus diesem Grund werden beim Lesen wie in der Mathematik die Klassen vorübergehend aufgelöst und spezielle, dem unterschiedlichen Leistungsniveau entsprechende Kurse gebildet. Über allem steht auch hier der praktische Nutzen für den Alltag.

In der Berufsschulstufe verstärkt sich dies nochmals, da die jungen Erwachsenen auf die Herausforderungen des Erwachsenenlebens vorbereitet werden sollen. Dazu gehört allen voran die Ablösung vom Elternhaus und das Zusammenleben mit Gleichaltrigen wie dies in den Wohnheimen der Lebenshilfe der Fall ist. Doch auch Wohnen will gelernt sein, wie Rektor Ellert erklärt: „Wir mieten zum Beispiel ein bis zweimal im Schuljahr eine Ferienwohnung an, in der dann eine Gruppe Probe wohnen kann, mit allem was dazu gehört: Einkaufen, Putzen und Kochen“.

In der Berufsschulstufe werden die jungen Erwachsenen aber vor allem auf die Arbeitswelt vorbereitet, die der größte Teil anschließend in den Werkstätten der Lebenshilfe erlebt. An ihrem künftigen Arbeitsplatz, auf dem sie einen Rechtsanspruch haben, werden dann beispielsweise Stifte verpackt oder Bauteile für einen Blitzschutzhersteller zusammengesetzt. Einige wenige wagen aber auch den Schritt in den ersten Arbeitsmarkt, sagt Ellert.

Bis die Kinder der Lebenshilfe-Schule jedoch arbeiten, gilt es erstmal zu lernen – und das fünf Tage die Woche von morgens acht Uhr bis Mittags, danach geht es bis 15.45 Uhr in die Nachmittagsbetreuung, wo sie Hausaufgaben machen und spielen.

Finanziert wird diese im Gegensatz zur Schule dann ausschließlich von der Lebenshilfe. Die Schule zahlt die Regierung der Oberpfalz – allerdings erst, nachdem die Lebenshilfe dafür in Vorleistung gegangen ist. Deshalb wird sich die Generalsanierung des Schulgebäudes, das die Lebenshilfe 1974 errichtete, auch noch etwas hinziehen. Der neue erste Stock ist bereits samt Unterrichts- und Verwaltungsräumen fertig, auch am Dach wird schon gewerkelt, noch sollen aber die Turnhalle vergrößert, das Schwimmbad auf Vordermann gebracht und die Fachräume wie etwa die Küche neu ausgestattet werden. Vier Jahre werde sich das alles noch hinziehen, schätzt der Schulrektor. Aber nur so sei die Finanzierung für einen privaten Träger wie die Lebenshilfe überhaupt zu stemmen.

Integration intensivieren

Dennoch schätzt Ellert die Vorteile der privaten Trägerschaft seiner Schule. Er müsse nicht immer betteln, wenn er etwas für die Schule brauche. „Wenn man einen umtriebigen Geschäftsführer hat wie die Lebenshilfe in Neumarkt“, schränkt er ein. „Wir haben aber zudem Glück, weil wir in einem reichen Landkreis sind, in dem die Spenden gut fließen.“

Die fertig sanierte Schule soll auch der Startschuss für die Intensivierung eines Themas sein, für das sich die Lebenshilfe-Schule hauptverantwortlich fühlt. „Beim Thema Inklusion liegt der Fokus auf uns als Kompetenzzentrum“, sagt Frohn. Bislang bestehen lose Zusammenarbeit mit Schulen in Berching und der Montessori-Schule in Sulzbürg in Form von Ausflügen und gemeinsamen Kunstunterricht.

Einen Schritt weiter geht die Höhenberger Schule zusammen mit der Grundschule Holzheim. Dort gibt es eine sogenannte Partnerklasse, in der Grundschulkinder und Kinder der Schule für geistige Entwicklung in ausgewählten Fächern gemeinsam unterrichtet werden (wir berichteten).

Doch es geht noch mehr, ist Frohn überzeugt. „Wir müssen uns nach außen öffnen.“ Mit dem Plus an Räumen können sich Frohn und Ellert vorstellen, eine „normale“ Grundschulklasse nach Höhenberg zu holen. Als Vorbild dafür gilt eine Lebenshilfe-Schule in Deggendorf, wo dieses Model bereits seit längerem umgesetzt wird (wir berichteten). Die ausgezeichnete Ausstattung und die intensive Betreuung könnten auch Eltern von Regelschulkindern davon überzeugen, ist sich das Führungsduo der Schule sicher.

Aber Frohn betont auch: „Ich sehe bei der Inklusion die Chancen – aber auch ihre Grenzen“. Ein begrenzender Faktor sei die Fläche. Außenklassen, wie sie in Städten ohne weiteres möglich sind, seien im Landkreis Neumarkt schwer umzusetzen. Von zu weit her müssten Kinder zur Schule gefahren werden, damit eine ausreichende Zahl zusammenkäme.

Auch der Einzelintegration von Kindern mit besonderen Förderbedarf in reguläre Schulklassen vor Ort, steht Frohn nicht vorbehaltlos gegenüber. Dies fördere möglicherweise die soziale Integration, ob es allerdings der Förderung der Fähigkeiten des einzelnen Kindes diene, sei eine andere Frage.

Im Landkreis sei die Einzelintegration selten. Zwar hätten die Eltern seit kurzem per Gesetz die Wahlfreiheit zugesprochen bekommen, ob sie ihr Kind auf eine Regelschule oder in eine Förderschule schicken, aber im Zweifelsfall entschieden sich die meisten doch für die Lebenshilfe-Schule, sagen Ellert und Frohn. „Jetzt müssen sie nicht mehr zu uns kommen, jetzt dürfen sie zu uns kommen.“ Ein Abstieg sieht anders aus.

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