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Schule

Es fehlen rund 1300 Lehrerstunden

Grund- und Mittelschulen in Neumarkt suchen händeringend Lehrkräfte. Ganz anders ist die Lage an Gymnasien und Realschulen.
von Wolfgang Endlein

Damit zum Start des kommenden Schuljahrs jeder Schüler an den Grund- und Mittelschulen im Landkreis einen Lehrer hat, bedarf es großer Anstrengungen.
Damit zum Start des kommenden Schuljahrs jeder Schüler an den Grund- und Mittelschulen im Landkreis einen Lehrer hat, bedarf es großer Anstrengungen. Foto: Reinhardt

Neumarkt.„Die erste Frage am Morgen ist immer: ,Sind alle Lehrer da? Ist jemand krank?’“, sagt Tanja Kölbel, Rektorin an der Grundschule Bräugasse. Oft ist das nicht der Fall – und dann heißt es improvisieren. „Und wenn gar nichts mehr geht und die Belastung für die verbleibenden Lehrer zu groß wird, dann – da bin ich ehrlich – muss auch mal eine sechste Stunde ausfallen“, sagt Kölbel. Wie ihr geht es auch vielen anderen ihrer Rektorenkollegen. Die Lage an den Grund- und Mittelschulen ist angespannt – und bleibt es wohl auch im kommenden Schuljahr.

Denn es fehlen die Lehrer. 1300 Lehrerstunden müssten noch besetzt werden, sagt Dieter Lang vom Schulamt Neumarkt. Der Amtsleiter braucht also noch rund 50 Lehrer vom Kultusministerium, die er für das nächste Schuljahr an die Grund- und Mittelschulen im Landkreis verteilen kann. Fehlende Lehrerstunden habe es auch in der vergangenen Jahren gegeben, sagt Lang. Allerdings erreichte die Zahl in den vergangenen Jahren nicht dieses Maß, das Lang als außergewöhnlich hoch bezeichnet.

Kritik am Ministerium

Der Grund dafür liegt laut Schulamtsleiter in den ungewöhnlich vielen Lehrern, die in den Ruhestand gehen. Eine Entwicklung, die allerdings nicht unerwartet gekommen sein dürfte. „Das ist eine klare Fehlplanung im Kultusministerium“, sagt Ursula Schroll, Oberpfälzer Bezirksvorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) und selbst Rektorin an der Grund- und Mittelschule in Mühlhausen.

Ursula Schroll ist Oberpfälzer Bezirksvorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) und selbst Rektorin an der Grund- und Mittelschule in Mühlhausen. Foto: Röttinger
Ursula Schroll ist Oberpfälzer Bezirksvorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) und selbst Rektorin an der Grund- und Mittelschule in Mühlhausen. Foto: Röttinger

Schließlich könne man berechnen, wie viele Lehrer pensioniert werden und wie viele Schüler neu dazukommen. Auch der Flüchtlingszustrom spiele eine untergeordnete Rolle bei der Frage, warum jetzt ein Mangel an Lehrern herrsche, sagt Schroll. Denn diesen habe es schon zuvor gegeben.

Jetzt, da Lehrer gebraucht werden, fehlt es an Nachwuchs. Das Ministerium reagiert darauf mit einer Absenkung des Einstellungsnotenschnitts bei Grund- und Mittelschullehrern auf 3,5 und weiteren Notfallmaßnahmen. So werden Pensionäre reaktiviert, Lehramtsstudenten in der Übergangsphase zwischen erstem Staatsexamen und Referendariat eingesetzt und Lehrer in Teil- und Elternzeit um mehr Stunden gebeten. Auch will man das Überangebot an fertigen Real- und Gymnasiallehrern anzapfen und wirbt für eine Nachqualifikation für den Grund- und Mittelschulbereich. Fünf Lehrer seien es derzeit im Landkreis, die das machten, sagt Lang.

Wie das bayerische Kultusministerium den Lehrerbedarf in den nächsten Jahren und Jahrzehnten prognostiziert, lesen Sie hier:

Prognose des Lehrerbedarfs

  • Grundschule:

    Laut bayerischem Kultusministerium lag die Zahl der neu eingestellten Grundschullehrer 2015 bei rund 1770. 2020 wird der jährliche Bedarf an Berufseintritten noch einmal das gegenwärtige Niveau erreichen. Bis 2030 erwartet das Ministerium einen Rückgang auf etwa 820 Einstellungen.

  • Mittelschule:

    580 Lehrer kamen 2015 neu an die Mittelschulen. Im Jahr 2020 liegt der Modellrechnung zufolge der Wert bei 1190. Anschließend werden die Einstellungen zurückgehen und ab der Mitte des nächsten Jahrzehnts bis 2030 dauerhaft unter 500 bleiben.

  • Realschulen:

    2015 wurden rund 190 Lehrer eingestellt. Zunächst wird der Bedarf auf ähnlich niedrigem Niveau bleiben, bevor wieder mit etwas höheren Zahlen zu rechnen ist. In den 2020er-Jahren wird ein langsamer Rückgang erwartet von 460 in 2020 auf 380 in 2030.

  • Gymnasien:

    2015 wurden an Gymnasien rund 620 Lehrer eingestellt. Die Zahl wird leicht absinken, ab 2018 aber in den hohen dreistelligen Bereich steigen, ab 2020 sogar in den vierstelligen. Bis 2030 wird der Bedarf laut Ministerium wieder leicht zurückgehen auf rund 810.

Dank derlei Maßnahmen glaubt der Schulamtsleiter: „Ich traue mir zu sagen, dass ich die fehlenden Stunden und Lehrer auch sicher bekomme“. Die Frage sei aber in welcher Form. „Die Wunschvorstellung ist der verbeamtete Lehrer in Vollzeit“, sagt Tanja Kölbel. „Aber das ist eben Wunschvorstellung.“ Die Realität konfrontiert Dieter Lang eben auch mit Lehrern in Teilzeit, Lehrerinnen, die schwanger werden, und solchen, die aus den unterschiedlichsten Gründen nicht in den Landkreis versetzt werden wollen. Womit für Lang die Puzzlearbeit beginnt, den Bedarf aller Schule möglichst gut zu decken.

Reserve ist stark ausgelastet

Dass jede Klasse zum Schulbeginn im September einen Lehrer haben wird, davon ist auch Ursula Schroll überzeugt. Doch das Ganze sei derart knapp bemessen, dass schon im Oktober mit der ersten Krankheitswelle größere Probleme auftreten könnten. Zumal auch die mobile Reserve nicht grenzenlos sei, wie Lang betont. Vom ersten Schultag an sei diese erfahrungsgemäß gleich zu 50 Prozent ausgelastet.

Dieter Lang ist der Leiter des Schulamts. Foto: Gleisenberg
Dieter Lang ist der Leiter des Schulamts. Foto: Gleisenberg

Derart gravierende Probleme haben die Gymnasien und Realschulen im Landkreis nicht. „Wir können unseren Bedarf ohne Probleme decken“, sagt Ingrid Sobotta von der Realschule Berching. Ulrike Severa vom Ostendorfer Gymnasium ist hingegen nicht uneingeschränkt zufrieden. Ausreichend Lehrer bekomme ihre Schule zwar schon, doch seien dies alles Referendare und keine einzige Stammkraft. Erstere seien noch in der Ausbildung und dürften daher in manchen Bereichen, z.B. Klassenleitungen und Vertretungen nicht eingesetzt werden, sodass die Belastung am Ende für das Stammkollegium steige. Ihr Kollege vom Willibald-Gluck-Gymnasium, Bernhard Schiffer, ist hingegen entspannt. Sowohl bei den Stunden als auch bei den Lehrern sei man gut ausgestattet. „Aber für die jungen Menschen tut es mir leid“, sagt der Schulleiter mit Blick auf das Überangebot an fertigen Gymnasiallehrern. Viele von ihnen fänden trotz sehr guter Notenschnitte keine Anstellung.

Ein Problem, dass auch Ursula Schroll vom BLLV kritisiert. Sie fordert eine flexibilisierte Lehrerausbildung, die es ermöglicht, dass Lehrer leichter zwischen den Schulgattungen wechseln können. „Aber das ist eine Sache, die dauert.“ Ihre Kollegin Tanja Kölbel wird noch länger mit bangem Blick in die morgendliche Runde fragen: „Sind denn alle da?“

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