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Erster Weltkrieg

Spione und Bomben: Gerüchteküche brodelt

In Neumarkt versammelt sich von früh bis spät eine aufgeregte Menge, berichtet das Tagblatt am 5. August 1914. Dann reagiert der Bürgermeister.
von Wolfgang Endlein

Neumarkts Bürgermeister Joseph Weißenfeld wendet sich am 5. August 1914 an die Bürger und mahnt zur Ruhe. Foto: Stadtarchiv

Neumarkt.Es ist eine Zeit des Abschieds in Neumarkt und den Orten in der Umgebung. Das spiegelt sich auch in der Ausgabe des Tagblatts vom 5. August 1914 wieder.

„Meinen lieben Freunden und Bekannten, sowie meinen Gästen von Stadt und Land ein herzliches Lebewohl“, lautet der Text einer Anzeige, die ein gewisser Martin Pronath geschalten in der Heimatzeitung hat. Daneben findet sich einer weitere Anzeige, in der Pronath alle Einberufenen aufruft, sich am kommenden Tag am Unteren Markt zu treffen. Von dort soll dann der Zug mit Musik zum Bahnhof ziehen.

Viele Vereine veranstalten Abschiedsfeiern für ihre zu den Waffen gerufenen Mitglieder. Wie der Anglerklub Neumarkt sammeln sie oftmals Geld für ihre „Helden“.

Soldaten einer Gesellschaftsgruppe, deren Einsatz für Deutschland in den Jahrzehnten der NS-Herrschaft aus dem Gedächtnis ausradiert wurde, ziehen auch von Neumarkt aus in den Krieg: Juden. So berichtet das Tagblatt vom feierlichen Gottesdienst der jüdischen Gemeinde für deren Soldaten. Das Tagblatt notiert dazu: „Es blieb kein Auge tränenleer!“

Dass in Deutschland im Vorfeld des Krieges und zu Kriegsbeginn eine allgemeine Kriegsbegeisterung geherrscht habe, hat die jüngere Geschichtswissenschaft widerlegt. Die Forschung hat gezeigt, dass größere Kriegsbegeisterung hauptsächlich im gehobenen, konservativen Bürgertum – insbesondere in den größeren Städten – vorhanden war.

Im Gegensatz dazu herrschte laut der Forschung gerade in ländlichen Regionen wie der Neumarkter eine kritischere Haltung, die keine Begeisterung kannte, sondern vielmehr von Sorgen und Ängsten getrieben war. Das lässt sich auch aus einzelnen Berichten im Tagblatt ablesen – auch wenn die konservativ-bürgerlich ausgerichtete Zeitung grundsätzlich den Krieg befürwortete.

Aus einer öffentlichen Verlautbarung des damaligen Neumarkter Bürgermeisters Joseph Weißenfeld lässt sich die angespannte Stimmung in der Stadt ablesen.

In einer großen Anzeige steht geschrieben: „Von früh Morgens bis spät in die Nacht wogt eine Menschenmenge in der Marktstraße hin und her und späht nach feindlichen Fliegern, Bombenwerfern, Spionen usw.; die abenteuerlichsten Gerüchte finden Verbreitung und merkwürdigerweise auch Glauben“.

Dabei bestehe zu dieser Aufregung kein Grund, führt die von Weißenfeld unterschriebene Verlautbarung weiter aus. In der Nähe sei keine Festung, kein Platz, an dem Truppen zusammengezogen werden und dergleichen. „Ich bitte daher dringend alle Bewohner der Stadt, sich zu beruhigen.“

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