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Hilfe

Auf der Flucht in Nürnberg gestrandet

Das Internationale Frauencafé ist eine wichtige Anlaufstelle für Frauen aus aller Welt. Doch sein Fortbestehen ist in Gefahr.
Von unserem Nürnberg-Korrespondenten Peter Budig

Das Buffet ist so international wie die Frauen, die in Nürnberg ein neues Leben aufbauen wollen.
Das Buffet ist so international wie die Frauen, die in Nürnberg ein neues Leben aufbauen wollen. Foto: Budig

Nürnberg.Solch ein internationales Spezialitäten-Buffet bekommt man nicht alle Tage: Es gibt Lamm-Roulette mit Karotten und Käse aus dem Iran; Injera (weiches Fladenbrot), mit dem man eine scharfe Linsen-Wot (dicke Sauce) auftunkt aus Äthiopien, Dolme (gefüllte Weinblätter) aus Kurdistan, Linsen aus Aserbaidschan, Sabsi (Spinat) mit duftigem Reis… Strahlende Frauengesichter drängen sich an die langen Tische, jetzt wird gefeiert, genossen, gegessen und dann gemeinsam getanzt.

Wie im Bienenkorb schwirrt es bei der Wiedereröffnung des Internationalen Frauencafés Nürnberg im Foyer der Villa Leon auf dem Kohlenhofgelände. Fast hundert Frauen und ihre Kinder sind gekommen – Flüchtlinge aus aller Welt. Es geht weiter mit „ihrem“ Frauencafé, nach sieben Jahren Erfolgsgeschichte und einem halben Jahr Pause. Fast jede Besucherin hat etwas Selbstgekochtes mitgebracht.

Jede Flucht hat ihre Gründe

Das offene Café, das jetzt jeden Diens-tag von 13.30 bis 16 Uhr stattfindet, ist nur die Kür zur Sozialarbeit unter dem Dach des „Imedana e.V.“. „Frauen fliehen aus unterschiedlichen Gründen: vor Hunger, Krieg, Armut, Elend, Klimakatastrophe; aus Diktaturen und „frauenspezifischen Fluchtgründen“, heißt es im Folder des Internationalen Frauencafés. Es sind schmerzhafte Schicksale, denen die vier Mitarbeiterinnen des Vereins, Claudia Geßl, Anne Maya, Elif Sahin Kubista und Elisabeth Schwemmer, begegnen.

Als im Oktober die Förderung des Europäischen Flüchtlingsfonds für das Projekt auslief und erst dann wieder neu beantragt werden konnte, haben sich die Angestellten arbeitslos melden müssen – und den Betrieb im Rahmen des Erlaubten ehrenamtlich aufrechterhalten. Denn Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Asylverfahrensberatung. Das Internationale Frauencafé fungiert als die Fachstelle für frauenspezifische Fluchtgründe.

Die Feier der Wiedereröffnung ist also ein Hoffnungszeichen. Denn noch ist die neue EU-Zustimmung nicht erteilt, wird der Betrieb nur mit Zuschüssen der Stadt Nürnberg, dem Weltgebetstag der Frauen und des Bezirks Mittelfranken ermöglicht. Die Schwierigkeiten, die die Sozialarbeiterinnen hier mildern helfen, „anonym und kostenlos, in geschützter Atmosphäre, bei Bedarf mit Dolmetscherin“, wie Anne Maya auflistet, sind deutscher Flüchtlingsalltag.

Kleine und große Hilfen im Alltag

Ein iranisches Mädchen braucht eine Brille, die Kasse zahlt nicht. Ein Bub braucht dringend Schuheinlagen; eine irakische Frau ersucht um die Anerkennung ihres Berufsabschlusses; eine Mutter mit drei Kindern, als Flüchtling anerkannt, möchte endlich in eine eigene Wohnung ziehen; eine andere benötigt einen Deutschkurs. „Wir leisten Hilfe zu einem Eigenengagement der Frauen, das ist das Prinzip.“

Während in Nürnberg Flüchtlinge Grund zum Feiern haben, findet in Berlin der Zuwanderungsgipfel statt. „Deutschland ist heute ein Einwanderungsland Das ‚ob‘ ist längst entschieden. Wie gestalten wir Zuwanderung? Was für ein Einwanderungsland wollen wir sein?“ Das sind Feststellungen und Fragen aus der Rede von Innenminister Thomas de Maizière. Sie sind nicht neu, seine Einsichten markieren keinen Paradigmenwechsel der Flüchtlingspolitik. Nach wie vor spricht sich der CDU-Minister gegen ein Einwanderungsgesetz aus. Solch ein Gesetz, von allen Parteien außer der Union im Bundestag gefordert, könnte die Voraussetzungen von Einwanderung neu regeln: Fragen der Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, Staatsbürgerschaft, Nachzug von Familienangehörigen auf normative Füße stellen.

Doch Frauen wie Homa Savari müssen mit den bestehenden Rahmenbedingungen klarkommen. Die Iranerin hat nach drei Jahren ihre Anerkennung als politischer Flüchtling erhalten. Dringend sucht die Friseurin Arbeit. Auch die Äthiopierin Hiwet Mengstu, die bereits seit vier Jahren in Deutschland lebt, Jegana Maharramova aus Aserbaidschan und Bafrin Kadir aus dem Irak, deren beide Kinder in Deutschland zur Welt gekommen sind, die jedoch noch immer nur geduldet ist, können einen wenig aufatmen. Sie besitzen irgendeine Form der befristeten Aufenthaltserlaubnis und haben durch die ehrenamtliche Mitarbeit im Internationalen Frauencafé viel über ihre neue Heimat gelernt.

Die Notlage der Frauen bleibt

Dabei überdenkt Deutschland gerade seine Einstellung zum Zuzug von Ausländern – allerdings nicht wegen des aktuellen internationalen Flüchtlingselends – sondern vor allem wegen des massiven Fachkräftemangels und dem dadurch bedrohten gesellschaftlichen Wohlstand. An der Not der der Frauen, die Massenvergewaltigung, Zwangsehe, Missbrauch, Gewalt in der Familie und Genitalverstümmelung erlebt haben, wird die Vermarktungsstrategie für geordneten Zuzug nichts ändern. Sie werden auch künftig auf die tatkräftige Unterstützung der Sozialarbeiterinnen im Internationalen Frauencafé angewiesen sein.

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