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Badekultur und Säftelehre

Das Fränkische Freilandmuseum ist geschlossen. Sobald es öffnen kann, wird eine Ausstellung zur Hygiene auf dem Land gezeigt.

Baufortschritt am Badhaus aus Wendelstein, wo man das Mittelalter hautnah erleben kann. Foto: Lisa Baluschek
Baufortschritt am Badhaus aus Wendelstein, wo man das Mittelalter hautnah erleben kann. Foto: Lisa Baluschek

Nürnberg.Als Vorgeschmack auf die Sonderausstellung „Sauberkeit zu jeder Zeit! Hygiene auf dem Land“ mit einem Ausstellungsteil zum Baderwesen in Franken, die im Jahr 2020 zu sehen ist, stellt das Fränkische Freilandmuseum des Bezirks Mittelfranken eine kleine Geschichte der Hygiene auf dem Land in sechs Stationen vor. In dieser zweiten Station beschäftigt die Frage, was taten die Menschen in Spätmittelalter und Früher Neuzeit, um Krankheiten und Gesundheitsschäden zu verhüten? Der Blick zurück zeigt, dass der Hygiene-Begriff und die Vorstellung von der richtigen Gesundheitsvorsorge einem tiefgreifenden Wandel unterlagen.

Im Spätmittelalter gab es ein immer dichter werdendes Netz von öffentlichen Badstuben, in denen Schwitz- und Wannenbäder angeboten wurden. Nicht nur Reiche, sondern auch das Gesinde besuchte regelmäßig die Badhäuser, um sich gesund zu erhalten. Welche Vorstellung von Gesundheitsvorsorge stand hinter dieser Praxis? Wie lief der Besuch eines Badhauses ab?

Ein Bader beim Schröpfen

In den Hausbüchern der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung aus Nürnberg finden sich die gängigen Handwerke dargestellt. Auch einige Bader sind abgebildet. So sehen wir den Bader Wolff Geigenfeindt mit einem Badegast. Beide haben ihre Kleider abgelegt und tragen nur die sogenannte „Bruch“, eine Art Unterhose. Denn vor dem mächtigen Schwitzofen ist es richtig heiß, weil es in der Badstube richtig warm ist. Ein blaues Gewand und ein Hut hängen am Haken an der Wand. Zum Schutz ihrer Köpfe tragen Bader und Badegast Badehüte aus Stroh.

Links sieht man in der rundbogigen Öffnung des Ofens die Badsteine. Sie wurden erhitzt und dann zur Dampferzeugung mit Wasser übergossen, also ganz ähnlich wie dies heute auch beim Aufguss in der Sauna üblich ist. Es war ein ziemlicher Aufwand, den Schwitzofen mit großen Mengen Holz zu beheizen. Die Badstube auf dem Bild hat ein mit Butzenscheiben verglastes Fenster und einen mit Platten ausgelegten Fußboden, war also in einem durchaus respektablen Gebäude untergebracht. Der stehende Bader ist gerade dabei, den auf einer Bank sitzenden Badegast zu schröpfen. Beim blutigen Schröpfen ritzte der Bader die Haut zunächst etwas an. Dann setzte er den zuvor, wie auch hier zu sehen, über einem Öllämpchen erwärmten Schröpfkopf auf. Durch den entstehenden Unterdruck saugte sich der Schröpfkopf fest und entzog kleine Mengen Blutes aus der Haut. Dies funktionierte umso besser, da der Badegast gerade vor dem Ofen schwitzte und die Gefäße seiner Haut damit besonders gut durchblutet waren.

Schwitzen soll Gesundheit fördern

Warum unterzog sich der Badegast dieser Prozedur? Ziel des Schröpfens wie auch des Schwitzens war es, schlechte oder überflüssige „Körpersäfte“ loszuwerden. Man nannte dies auch „die Säfte reinigen“. Die Säftelehre als das dahinterstehende Gesundheits- und Krankheitskonzept basiert auf den Lehren der griechisch-römischen Medizin des Hippokrates und Galen – und hielt sich bis ins 18. Jahrhundert. Auf den Hippokratischen Eid, der Grundlagen medizinischen Handeln formuliert, bezieht sich bis heute die Diskussion um Ethik in der Medizin. Die antike Philosophie ordnete den vier Elementen Feuer, Wasser, Erde und Luft bestimmte Qualitäten zu. Die zugehörige Krankheitslehre übertrug dies auf die „Körpersäfte“.

Das Blut galt so wie die Luft als warm und feucht, der Schleim wie das Wasser als kalt und feucht, die gelbe Galle wie das Feuer als warm und trocken und die schwarze Galle wie die Erde als kalt und trocken. Krankheit wurde gedeutet als ein Ungleichgewicht der Körpersäfte, Gesundheit als Gleichgewicht der Säfte. Ziel aller Gesundheitspflege musste es damit sein, das Gleichgewicht der Säfte zu erhalten oder wiederherzustellen. Dies konnte durch verschiedenste ausleitende Verfahren geschehen: durch Schwitzen und Schröpfen, aber auch durch den Aderlass oder die Gabe von Abführmitteln. Wie sehr die Säftelehre auch das Verständnis der Bäder prägte, zeigt sich schon bei Hildegard von Bingen (1089 – 1179), die über das Schwitzbad schreibt: „Wer aber fettes Fleisch hat, dem ist das Schwitzbad gut und nützlich, weil er die Säfte, die in ihm überflüssig sind, durch dasselbe einschränkt und verringert.“ Der Badhausbesuch mit Schwitzen und Schröpfen war so Teil einer umfassenden Hygiene, zu der noch andere Maßnahmen der Gesundheitsfürsorge wie z.B. eine bestimmte Ernährung gehörten.

Staat übt immer mehr Kontrolle aus

  • Kontrolle:

    Der nächste Beitrag dieser Serie geht Fragen der staatlichen Kontrolle der Hygiene nach, wie sie heute im Rahmen der Pandemiebekämpfung wieder eine augenfällige Rolle spielen. Denn vor allem mit der Aufklärung wurden Hygiene und Gesundheitsvorsorge verstärkt zum öffentlichen Anliegen.

  • Sonderausstellung:

    Der Staat versuchte seit dem 19. Jahrhundert auch auf dem Land das Leben der Menschen und die Produktion der Nahrungsmittel hygienisch zu gestalten – ein Aspekt, der auch in der kommenden Sonderausstellung „Sauberkeit zu jeder Zeit! Hygiene auf dem Land“ ausführlich behandelt wird.

Derzeit baut das Fränkische Freilandmuseum das 1450 errichtete Badhaus aus Wendelstein bei Nürnberg wieder auf. Am Gebäude kann man nachverfolgen, wie der Besuch in einem ländlichen Badhaus abgelaufen ist. Zuerst entkleideten sich die Badegäste in der mit einem Kachelofen beheizten Umkleide- oder „Abziehstube“. Dann ging es vorbei am Schürraum und der Wasserversorgung in die eigentliche Badstube. Dort wuschen zuerst Bademägde die neu ankommenden Gäste mit Lauge ab. Anschließend setzten sich die Badegäste auf die an der Wand neben dem Ofen stufenweise ansteigenden Schwitzbänke.

Zusatzangebot für Wohlhabende

Zum Baderitual gehörten nun das sogenannte „Reiben“: Zur Steigerung der Durchblutung der Haut bearbeitet ein Badeknecht oder der Badegast selbst seine Haut mit Büscheln aus Eichenlaub. Der beim Übergießen der Badsteine im großen Ofen immer wieder neu entstehende Dampf brachte die Badegäste so recht ins Schwitzen. Dazwischen erfolgten Abgüsse mit immer kälter werdendem Wasser. Die wohlhabenderen Kunden des Baders konnten als Zusatzangebot auch ein Wannenbad nehmen. Im Wendelsteiner Badhaus standen wohl einst hölzerne Badebottiche bereit und vielleicht war dies auch der Ort für Haarwäsche sowie Bart- und Haarschnitt als weitere „Dienstleistungen“ des Baders, die oft einen Badhausbesuch abrundeten.

Schröpfszene in einer Badstube  Foto: Stadtbibliothek Bildungscampus N
Schröpfszene in einer Badstube Foto: Stadtbibliothek Bildungscampus N

Ab dem 16. Jahrhundert begann ein allmählicher Niedergang der Schwitz- und Wannenbäder in öffentlichen Badstuben. Verschiedene Ursachen haben zu diesem Niedergang beigetragen: Das für die mächtigen Schwitzöfen in großen Mengen benötigte Brennholz wurde aufgrund des allgemeinen Holzmangels immer teurer, während zugleich die Einnahmen für die Bader sanken, da immer mehr Bürger sich eigene kleine Badstübchen in ihre Privathäuser einbauen ließen. Der Badstubenbetrieb wurde also zum Leidwesen der Bader immer unrentabler.

Zudem hielt die Angst vor Ansteckung vor der grassierenden Syphilis so manchen potenziellen Besucher ab. Den Badern blieb aber weiter ihre wichtige Aufgabe als nichtakademische Heiler und Wundärzte, vor allem in den Dörfern, wo es noch lange keine studierten Ärzte gab.

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