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Geschichte

Boote aus dem Tank eines Flugzeugs

Eine Sonderausstellung im Nürnberger Spielzeugmuseum zeigt, wie fantasievoll Kinder in der Nachkreisgzeit gespielt haben.
Von Thomas Tjiang, epd

Dieses Paddelboot wurde aus dem abgeworfenen Tank eines Militärflugzeugs gebaut. Foto: epd

Nürnberg.Zwischen Trümmern und Hungerwinter hatten Kinder vor rund 70 Jahren bisweilen auch einen arglosen Umgang mit der Realität des Krieges. Die Ausstellung „Notspielzeug. Die Fantasie der Nachkriegszeit“ im Nürnberger Spielzeugmuseum (Karlstraße 13) widmet sich einem weitgehend unerforschten Aspekt des Alltags im Nachkriegs-Deutschland.

Damals wurden Gasmasken zu einem Kinder-Roulette umfunktioniert, auf vielen deutschen Flüssen paddelten Jungen und Mädchen in abgeworfenen Tanks von Stukas und anderen Militärflugzeugen. „Kinder bewerten nicht, sie spielen bezaubernd anarchisch“, sagt die Leiterin des Spielzeugmuseums, Karin Falkenberg.

Die Geschichte des Notspielzeugs in Deutschland beginnt noch während des Krieges. Denn im März 1943 war die industrielle Herstellung von Spielzeug aller Art verboten worden. Die meisten Spielzeugfabriken wurden in Rüstungsbetriebe umfunktioniert. Dafür ordneten die Nationalsozialisten an, dass beispielsweise Hitlerjungen Holzspielzeug für das Winterhilfswerk schnitzen mussten.

Jedes Spielzeug ist einzigartig

Notspielzeug ist individuell hergestelltes Spielzeug, für das oft verfügbares Material wie Militärartikel und Kriegsschrott oder andere Alltagsgegenstände genutzt wurden. Das konnten leere Konservendosen sein, Streichholzschachteln, Stoffreste oder ausgediente Rollmopsspieße.

Die Ausstellung zeigt rund 50 Exponate, die durch alte Fotos und Erinnerungen ergänzt werden – darunter beispielsweise die Teddy-Dame „Brummhilde“ aus dem Stoff einer geklauten Uniformhose eines US-amerikanischen GIs.

Die Teddy-Damme „Brummhilde“ wurde aus einer geklauten Militärhose eines GIs genäht. Foto: epd

Die achtjährige Lioba Pilgram baute 1956 für sich und ihre drei kleinen Brüder eine Puppenstube aus Zündhölzern. Und für die achtjährige Renate war die Spielzeugtruhe aus einer alten Munitionskiste, die sie 1946 von ihrem Onkel bekam, „ eine Schatztruhe – obwohl sie leer war“. Wuchtig sind die gut eineinhalb Meter langen Flugzeugtanks der Militärflieger, die nach Gebrauch einfach abgeworfen wurden. Sie wurden kurzerhand zu wackligen Paddelbooten umfunktioniert – eines ist in der Ausstellung zu sehen. Darüber hinaus zeigen Fotos den Einsatz weiterer „Stuka-Boote“ auf der Pegnitz oder der Mangfall.

Beeindruckend ist das Notspielzeug, wenn es mit ausgeprägter handwerklicher Begabung hergestellt wurde. Die dreijährige Hannelore bekam 1947 beispielsweise einen funktionsfähigen Kinderherd. Für das Aluminium-Blech von Militärflugzeugen hatte ihr Vater selbstgedrehte Zigarren und selbstgebrannten Zuckerrübenschnaps getauscht. Der Herd samt Backröhre war das Schmuckstück der Puppenküche, auf dem die kleine Hannelore mit Spiritus „Erbswurstsuppe“ kochte. Die achtjährige Elke erhielt 1946 einen funktionsfähigen Elektro-Kinderherd mit Backröhre von ihrem Vater, einem Kunstschlossermeister. „Mein Notspielzeug war Nürnberger Schlosserkunst vom Feinsten“, erinnert sie sich heute.

Schätze werden bis heute gehütet

Die ausgestellten Spielzeuge sind zwischen 1943 und dem Ende der 1950er entstanden, erklärt Karin Falkenberg. Zwar waren nach der Währungsreform 1948 die Geschäfte wieder voll, die Nürnberger Spielwarenmesse präsentierte ab 1950 sogar wieder neues Spielzeug. Allerdings mussten die Familien sparen und bastelten lieber selbst Spielzeug.

Museumsleiterin Falkenberg betritt mit der ersten „Bürgerausstellung“ im Spielzeugmuseum Neuland: Bis auf wenige Exponate haben die einstigen Kriegskinder aus Nürnberg und ganz Bayern die Stücke selbst zur Verfügung gestellt. „Manche hatten ihr Notspielzeug seit gut 70 Jahren wie Schätze gehütet.“

Gut zu wissen

  • Ausstellung:

    „Notspielzeug. Die Phantasie der Nachkriegszeit“ im Spielzeugmuseum Nürnberg, Karlstraße 13-15, 90403 Nürnberg

  • Zeitrahmen:

    26. Juni bis 1. Februar 2016

  • Öffnungszeiten:

    Dienstag bis Freitag 10 bis 17 Uhr; Samstag und Sonntag jeweils bis 18 Uhr

  • Eintritt:

    Im Museumseintritt von fünf Euro (ermäßigt drei Euro) ist die Sonderausstellung bereits inbegriffen.

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