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Essen

Bratwürste in Buenos Aires

Nur die Wurst hat einem Nürnberger in Argentinien noch zum Glück gefehlt. Doch das hat Michael Schnirch gelöst.
von Nikolas Pelke

Michael Schnirch (Foto) hat gemeinsam mit Andre Kalisch das „Extrawurst“ eröffnet. Dort gibt es 18 verschiedene Wurstsorten. Foto: Pelke

Buenos Aires.Das hätte sich Michael Schnirch wirklich nicht erträumen können. Dass der Nürnberger ausgerechnet in der argentinischen Hauptstadt mit Frau und Kind sein Lebensglück findet. Eine winzige Kleinigkeit hat dem Franken in Buenos Aires allerdings gestunken.

„Die Argentinier machen super Steaks. Aber gute Würste können sie nicht“, ist sich der Nürnberger sicher und erzählt, wie er unfreiwillig zum „Wurst-Schmuggler“ werden musste, um der Wurstflaute zumindest hin und wieder zu entkommen. „Ich bin beruflich oft nach Deutschland geflogen. Auf dem Rückflug waren meine Koffer immer voll mit Wurstwaren“, erinnert sich der ehemalige Vielflieger. „Dummerweise haben mich bald immer häufiger die Zollbeamten am Flughafen gefilzt und meine Würste aus der Heimat beschlagnahmt“, berichtet Schnirch und lacht.

Mit Videos weitergebildet

Heute kann der Nürnberger über seine Wurstprobleme leicht lachen. Vor einigen Jahren hat das freilich noch anders ausgesehen. Freunde können von verzweifelten Versuchen berichten, dem letzten Schritt zum Glück auf die Sprünge zu helfen. Gemeinsam mit einem Kumpel aus der alten Heimat versucht der Nürnberger das scheinbar Unmögliche: Würste machen in Buenos Aires. „Ausgerechnet mit einem Berliner“, sagt Schnirch.

Michael Schnirch hat frische Brezen gebacken. Foto: Pelke

Immer häufiger ziehen sich die beiden in ihre Wurstwerkstatt zurück, um an der richtigen Technik mit dem Naturdarm zu tüfteln. „Wir hatten beide keine Ahnung“, erinnert sich Schnirch an die nervenaufreibende Anfangszeit zurück, in der sie sich vor allen Dingen viele Videos auf Youtube angeschaut hätten. Seinen Wurstmitstreiter hat der Nürnberger übrigens beim Fußballgucken kennengelernt. Während die deutsche Elf über den Bildschirm rennt, ärgern sich Andre Kalisch und Michael Schnirch über die anhaltende Wurstdürre in der neuen, fernen Heimat am Rio de la Plata. Als Jogis Jungs bei der Europameisterschaft 2012 im Halbfinale in Warschau gegen Italien rausfliegen, treffen Kalisch und Schnirch die folgenreiche Entscheidung. Beide wollen Argentinien und damit auch sich selbst mit deutschen Würsten beglücken.

Weitere Infos finden Sie hier:

Gut zu Wissen

  • Anfang:

    Michael Schnirch lebt mit Frau und Kind seit 2006 in Argentinien. 2012 hat der Nürnberger Andre Kalisch kennengelernt. Gemeinsam haben sie angefangen, deutsche Würste zu produzieren.

  • Erfolg:

    Zunächst haben sie ihre Würste auf Märkten und auf Festen verkauft. Mittlerweile haben sie mit dem „Extrawurst“ ein Restaurant eröffnet.

  • Internet:

    Mehr Infos gibt es unter www.bratwurst-argentina.com .

Aller Anfang ist natürlich auch bei den beiden nicht einfach. Nachdem sie den Dreh mit dem Darm raushaben, müssen sie die Südamerikaner von der deutschen Spezialität überzeugen. Das gelingt erstaunlich schnell. „Wir haben uns mit unseren Würsten an einen Stand auf den Markt gestellt. Nach ein paar Stunden waren wir ausverkauft“, erinnert sich Schnirch an die ersten Erfolge zurück. Den Wurstdurchbruch schaffen die Zwei aber nur mit deutscher Hilfe.

Die Botschaft bekommt Wind von den Wurstpionieren und bestellt gleich ein paar Kisten für das Sommerfest im Botschaftsgarten. Der Erfolg des kleinen Grillfestes ist nachhaltig. Die Crème de la Crème der deutschen Diaspora in Argentinien lässt sich die gebratenen Würste aus dem Hause „Kalisch & Schnirch“ auf der Zunge zergehen. Nach dem Fest in der Botschaft können sich die beiden Wurstmacher vor Aufträgen kaum retten. Von der Versicherung bis zum Sprachinstitut kommen alle deutschen Auslandsvertretungen in der argentinischen Weltstadt plötzlich auf den Wurstgeschmack. Kalisch und Schnirch machen Firmenfeiern am Fließband mit ihren Würsten zum Erfolg.

Familienwurstplatten sind der Renner im „Extrawurst“. Foto: Pelke

Der Rest des Wurstmärchens ist Geschichte. „Heute haben wir 18 Wurstsorten im Programm“, sagt Michael Schnirch und zapft ein frisches Weißbier hinter dem Tresen. Ihrem Wurstlokal haben Kalisch und Schnirch den Namen „Extrawurst“ gegebenen. Der fränkische Rechen weht gemächlich im tropischen Lüftchen, den der Ventilator an der Decke aufwirbelt, über einem weiß-blauen Fußball-Fanschal von Hertha BSC Berlin. Während sie in der Heimat den Weihnachtsbaum entsorgen, schwitzen sie hier bei 37 Grad im Schatten. Martin, der deutsche Kellner, schleppt derweil Wurstplatten in kurzen Hosen durch das Lokal. Kunden wie Gonzalo beißen mit Wonne in ihre Wurstsemmel.

Es werden immer mehr Kunden

Schnirch hat seinen Job bei der deutschen Firma im Ausland längst an den Nagel gehängt. Seit einem halben Jahr ist er hauptberuflich Wursthersteller und Restaurantbesitzer. Wie jeden Tag schneien immer mehr Argentinier und Deutsche auf eine Wurst und ein Bier durch die Tür. Das Fernweh treibt die einen, die Exotik die anderen in das „Extrawurst“ beim zentralen Plaza Constitución zwischen der Avenida Brazil und Juan de Garay. Gemeinsam ist ihnen die Liebe zur Wurst.

„Um den Spitzenplatz auf der Hitliste der verkauften Würste streitet sich die Curry- mit der Nürnberger Bratwurst – je nach Herkunft der deutschen Gäste, die danach fragen“, sagt Schnirch und lacht. In der Ferne verschwimmen die lokalen Rivalitäten der alten Heimat eben. Die kulinarischen Gelüste schweißen die Deutschen eben im Ausland zusammen. „Ich bin Nürnberger, mein Kompagnon ist Berliner. Wir haben beide unser Glück in Buenos Aires gefunden“, sagt Michael Schnirch stolz und beißt zufrieden in seine „Drei im Weggla“. Auf den Wecker geht den beiden nur noch die andauernde Hitze. Aber die werden sie auch dank der deutschen Würste wohl aushalten können.

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